Ich hatte es eilig, den Zug zu meinem nächtlichen Date mit dieser reizenden Französin zu erwischen, während ich gleichzeitig diesem masc enby*, den ich auf Bumble kennengelernt habe, eine SMS über deren Modegeschäft schrieb, gleich nach dem Date mit diesem syrischen Kerl, mit dem ich den Sonnenuntergang betrachtete und Wein trank. Ein ganz normaler Dienstag für mich!

Nur ein Scherz (schön wär’s). Um ehrlich zu sein, war es eher ein außergewöhnlich guter Dienstag, nicht nur ein normaler. Nichtsdestotrotz muss ich sagen, dass, seit ich weiß, dass ich poly bin, Verabredungen aufregender geworden sind und meinen Bedürfnissen besser entsprechen, und eine Menge früherer Ängste und Frustrationen verschwunden sind. Meine Liebe und Aufmerksamkeit auf mehrere Menschen zu verteilen, gab mir ein seltsames Gefühl der Erleichterung, von dem ich nie wusste, dass ich es brauche. Ich hatte mir immer geschworen, dass ich niemals eine offene Beziehung führen würde, und ich hatte nicht verstanden, was es bedeutet, außerhalb der Binarität zu leben. Aber so ist es jetzt.

Nicht-binär, queer, sapiosexuell und polyamourös zu sein ist wunderbar, aber seien wir ehrlich – es ist ein ganz schöner Brocken. Es macht die Partner:innensuche interessant und aufregend, aber wohl auch ein wenig komplizierter. Manche mögen denken, dass es daran liegt, dass ich nicht genug Zeit habe, um mich mit mehreren Leuten zu treffen, oder dass ich zu promiskuitiv bin. Aber das ist nicht der Fall (wie gesagt, ich wünsche es mir, und wenn das passiert, ist es toll). Es geht weniger um diese bunte, befreite, queere Ästhetik, die wir mit Polyamorie gerne verbinden, als vielmehr darum, mich meinen eigenen Dämonen, meinen verinnerlichten Phobien zu stellen. Die queere und trans Freude, coole, gleichgesinnte Menschen kennen zu lernen, die Erweiterung meines Freund:innenkreises und die gelegentliche daraus resultierende Promiskuität sind die Folgen dieser inneren Prozesse, nicht der Kern meiner Erfahrung.

Dates mit anderen queeren und trans Menschen können einschüchternd sein – sie sind so cool, bin ich auch so cool? Gehöre ich dazu? Aber Verabredungen mit cis Menschen (besonders mit Mädchen) können ebenso nervenaufreibend sein – werden sie mich so akzeptieren, wie ich bin? Verstehen sie es? Sind sie transphob? Es ist nicht so, dass cis Menschen grundsätzlich anders sind, aber die Angst, nicht verstanden oder möglicherweise aufgrund meines Geschlechts oder meiner Sexualität abgelehnt zu werden, ist beängstigend. Ich sage das nach mehreren Verabredungen mit queeren Frauen, die gleich nach unserem Date wieder zu ihren toxischen Beziehungspartnern zurückgekehrt sind. Und es ist nicht so, dass ich von den Leuten, mit denen ich ausgehe, Bestätigung suche. An diesem Zeitpunkt in meinem Leben fühle ich mich wohl, wie ich bin. Aber trotzdem ist es unangenehm, wenn man jemanden mag, zu einem Date geht, der Person sagt , dass man nicht-binär ist, und sie dann komisch wird – selbst wenn man sie nie wieder sieht. Und noch schlimmer ist es, wenn alles gut läuft, aber du dir den Kopf darüber zerbrichst, ob sie dich wirklich mochte. Oder du merkst, dass du über Dinge nachdenkst, die du schon längst hinter dir gelassen hast, z. B. ob du feminin oder maskulin genug bist, ob deine Fluidität und Androgynität sie verwirren wird – obwohl das Date an sich super gelaufen ist.

masc enby = nicht-binäre Personen, die Männlichkeit erleben

Meine queere Lebensgeschichte

Die Momente meiner queeren Lebensgeschichte verliefen wie folgt: Coming-out als bi, Coming-out als queer, Coming-out als genderqueer, Coming-out als nicht-binär, Coming-out als poly, Erkenntnis, dass alles fließend ist, Coming-out als sapio-sexuell, Coming-out als pan, Frieden schließen mit dem Nicht-Binär-Sein. Inmitten all dessen ging ich eine offene Beziehung ein, die in den letzten 3 Jahren ein Segen für mein Leben war. Der Albtraum eines Boomers.

Das alles geschah in Amsterdam und Rotterdam, und obwohl die Niederlande nicht so fortschrittlich sind, wie sie behaupten, ist die LGBTQ+- Community dort größer als in Luxemburg. Ich habe mich daran gewöhnt, dass die Leute mich nicht misgendern, die richtigen Pronomen verwenden und meine Gender-Identität und deren Ausdruck respektieren. Ich habe mich daran gewöhnt, Ideen und Erfahrungen an einem sicheren Ort  auszutauschen, frei von Urteilen.

Als ich zum ersten Mal dorthin zog, wusste ich, dass ich queer bin, aber zu der Zeit datete ich hauptsächlich Männer, und ich kann euch sagen, dass dies nie ein Thema war, weil es mir egal war, was Heteromänner über mich dachten oder sagten. Ihre Meinungen haben mich nicht interessiert, und ich datete sie nur wegen der Story, wegen des Dramas. Ich war jung, und es war das erste Mal, dass ich mich frei und wild fühlte, und ich wollte einfach etwas fühlen, etwas Verrücktes erleben. Und verrückt war es auch, aber selten aufregend, und es wurde ziemlich schnell langweilig. Ich wusste so wenig, ich hatte so wenig erlebt, und so fühlte sich alles, was ich bisher erlebt hatte, wie ein Segen an, wie ein neuer Eintrag in ein Sammelalbum. Aber diese Zeiten sind längst vorbei. Ich meine, ich liebe immer noch Drama, und ich liebe es, etwas für die Story zu machen, aber im Laufe der Jahre habe ich gemerkt, dass ich mit dem, was ich früher war, nicht zufrieden war, da ich mehr Klarheit darüber gewonnen habe, wer ich bin. Aber sich mit Frauen und queeren Menschen zu treffen, kann sich anstrengender anfühlen, obwohl es bedeutungsvoller ist.

Ich glaube, das liegt daran, dass ich mich mehr darum kümmere, was meine Community von mir denkt, dass ich mich mehr um ihre Anerkennung kümmere. Ich bin nicht mehr scharf darauf, nur so zum Spass herumzudaten, wie ich es mit Männern getan habe. Ich sehne mich nach echten Beziehungen – platonischen, romantischen und sexuellen Erfahrungen mit Menschen, die ich wirklich wertschätze. Es steht also mehr auf dem Spiel, ich spiele keine Rolle, ich spiele kein Geschlecht, in dem ich mich nicht wohlfühle. Ich bin einfach ganz ich selbst, und wenn ich deswegen zurückgewiesen werde, tut das weh. Wenn es mit einem Menschen nicht klappt, mit dem ich endlich ein gutes Gefühl hatte und den ich wirklich mag – dann tut das weh.

Die Bewältigung dieser äußeren Umstände ist eine Sache, der Umgang mit meiner verinnerlichten Homophobie und Transphobie eine andere. Manchmal frage ich mich, ob eine Person mich wirklich nicht mag, oder ob ich mir das nur einbilde und meine eigene Unsicherheit projiziere. Es wird besser, es wird definitiv besser, und das ist es auch schon. Im Vergleich zu den Anfängen meiner poly- und nicht-binären Dating-Zeit fühlt es sich heute viel harmonischer und sicherer an. Aber solange Trans- und Queer-Sein mit so viel Stigmatisierung und Unterdrückung verbunden ist, können wir diese Gefühle nicht einfach komplett abschütteln. Selbst wenn wir uns sicher fühlen, kann das Verhalten anderer uns triggern oder uns einfach enttäuschen. Es gibt nicht viele queere oder trans Menschen, die ich allgemein kennenlerne, und erst recht nicht hier in Luxemburg, und wenn man dann doch mal ein Date hat und es schief geht oder man geghostet wird, tut das einfach weh, egal wie erwachsen oder selbstbewusst man ist.

Trotz alledem ist die Dating-Welt heute besser als je zuvor. Es ist authentisch und cool, und wenn es gut läuft, fühlt es sich richtig gut an. Verabredungen mit queeren und nicht-binären Menschen sind eine solche Freude und Erleichterung. Es fühlt sich gleichberechtigt und authentisch an, ich muss mich nicht mehr verstellen und etwas vorspielen, wie ich es bei Heteromännern erlebt habe.

Offene Beziehung: anderen Menschen daten

Inzwischen bin ich zurück in Luxemburg. Ich bin seit drei Jahren mit meine:r Partner:in zusammen, und wir stehen uns sehr nahe. Wir verbringen sehr viel Zeit miteinander. Wir sind sechs Monate nach Beginn unserer Beziehung zusammengezogen und sind seitdem unzertrennlich. Aber schon bevor wir uns kennenlernten, wusste ich, dass ich polyamourös bin, und ich wusste, dass ich keine monogame Beziehung führen konnte. Ich hatte das Gefühl, dass ich mich selbst betrügen würde, wenn ich das täte, und nach einigem Zögern beschlossen wir, es auszuprobieren. Ich war besorgt, dass dey eifersüchtig werden würde, dass dey das Gefühl hätte, ich würde meine Liebe und Aufmerksamkeit zu sehr verteilen. 

Am Ende war ich die eifersüchtige Person, oder zumindest war ich eifersüchtiger. Alles, was aus ideologischer Sicht gut funktionierte, brachte mich mit den gesellschaftlichen Zwängen in Konflikt, die mich noch immer zurückhielten, und ließ mich daran zweifeln, ob ich wirklich poly bin, oder ob ich mich dazu zwinge. Aber ich wusste, dass es richtig war, und ich musste es durchziehen. So oft, wie wir uns im Laufe unserer Beziehung mit anderen Menschen getroffen haben, war es keine große Herausforderung, all dies in der Praxis durchzusetzen. Jedes Mal, wenn etwas passierte, wenn wir mit jemandem rumgemacht haben oder zu einem Date gingen, sprachen wir darüber, verarbeiteten es gemeinsam und trafen uns weiterhin mit anderen Menschen. Es fühlte sich ermutigend und positiv an, als ob wir beide uns diese Freiheit gaben, die Freiheit der Wahl, die Freiheit der Privatsphäre. Aber meistens gehe ich einfach nach Hause und schaue mir Below Deck auf der Couch an, anstatt mich mit jemandem im Club zu treffen. Werde ich alt?

Zu Beginn unserer Beziehung machte ich persönlich eine sehr schwierige Zeit durch, so dass Dates nicht wirklich eine Priorität waren. Aber nach etwa eineinhalb Jahren beschlossen wir, dass wir beide bereit waren. Wir sprachen miteinander und gaben uns gegenseitig (wieder) den Segen. Ich brauchte diese Bestätigung ab und zu, weil ich mich schuldig fühlte. Nicht die ganze Zeit, aber es gab Momente. Poly zu sein, während man Single ist, war einfach und emanzipierend, aber in einer festen Beziehung zu sein und gleichzeitig andere Menschen zu treffen, war eine Herausforderung, die ich nicht vorhergesehen hatte. Plötzlich fühlte ich mich schuldig, ich hatte das Gefühl, meine:n Partner:in zu betrügen. Ich fühlte mich unsicher, ob dey sich mit jemand anderem traf und ob diese Person „besser als ich“ sein würde. Es fühlte sich verrückt an, weil ich das nicht bewusst dachte, und es überraschte mich, weil ich dachte, diese Gefühle lägen hinter mir. Als ich noch Single war, hatte ich diese Gefühle meinen Liebhaber:innen gegenüber nicht, aber jetzt, wo ich in einer festen Beziehung bin, merke ich, dass ich etwas Zeit brauche, um mich von diesem Rest vergangener Unsicherheiten zu befreien. Die Erfahrung der Polyamorie in der Praxis hat mir gezeigt, was ich unterbewusst fühlte, was sich von dem unterschied, was ich in meinem Kopf und in meinem Herzen fühlte. Es ist, als müssten all  die Jahre der Konditionierung nun mit den Veränderungen, die ich in meinem Leben umsetzen wollte, aufholen.

Jetzt sind wir erstaunt, wie einfach diese Dinge sind. Ich glaube, der größte Irrglaube, den die Leute haben, ist, dass Paare in einer offenen Beziehung sich nicht aneinander binden und sich nicht füreinander interessieren. Zwar ist jede Beziehung anders, und ich bin sicher, dass manche Paare sich weniger binden oder weniger Zeit miteinander verbringen als ich mit meine:r Partner:in, aber ich glaube nicht, dass diese Freiheit und Flexibilität daher rühren, dass man sich nicht kümmert „oder sich nicht bindet“. Ich denke, das Gegenteil ist der Fall. Gerade weil man jemanden (und sich selbst) liebt, will man diese Person (und sich selbst) freilassen. Zumindest ist das meiner Erfahrung nach der Fall gewesen. 

Daten in Luxemburg

Während meines ersten Monats zurück in Luxemburg ging ich auf Bumble und Field. Nach vielleicht zwei Minuten des Swipens bekam ich die bekannte Meldung „THERE IS NOBODY IN YOUR AREA“. Ein Klassiker. Aber ich weiß, dass ihr da seid. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis ich mehr queere Menschen in „meiner Gegend“ treffe. Ich kenne das Rainbow Centre, ich kenne die Treffen von Richtung 22, ich kenne die queeren Partys, die es überall im Land gibt. Also macht euch bereit, denn in diesem Frühjahr komme ich raus (aus meinem Haus).

Aber ich habe es nicht eilig. Jahrelanges Dating hat mich gelehrt, mein eigenes Wohlbefinden an erste Stelle zu setzen. Das hat mir diese radikal hoffnungsvolle Einstellung gegeben. Jedes Mal, wenn ich zu jemandem Nein sage oder etwas nicht klappt, schaffe ich mehr Platz für neue, besser geeignete Erfahrungen und Menschen, die in mein Leben treten. Und das fühlt sich gut an, es kommt aus tiefer Selbstliebe und Selbstachtung. In schlechten Momenten dachte ich immer, ich sei nicht gut genug, ich verdiene es nicht, so zu sein, wie ich bin, ich werde nie akzeptiert werden – diese Zeiten sind vorbei. Und es fühlt sich so leicht und friedlich an, das sagen zu können. In schlechten Momenten denke ich jetzt: Das ist nichts für mich, etwas Besseres wird kommen, bleib geduldig, hab’ keine Erwartungen, was dich finden soll, wird dich finden. Und das macht immer irgendwie den Weg frei. Und irgendwann lerne ich coole, interessante Leute kennen, mit denen ich dann langfristig in Kontakt bleibe. Darum geht’s doch!

Im Moment kenne ich nicht viele queere und trans Menschen in Luxemburg, und ich finde es schwierig, die Zeit für Dates zu finden. Aber ich möchte es. Ich will nur nicht zu viel darüber nachdenken. Also werde ich tun, was ich immer tue, und aufhören, darüber nachzudenken, damit ich es einfach geschehen lassen kann und zufrieden bin mit der Fluidität der Ausdrucksformen, die mich ausmachen. Aber der Frühling steht vor der Tür, die Liebe liegt in der Luft, und mein Freund ist schwul, also wer weiß? Vielleicht haben wir alle ein gottverdammtes Happy End verdient!