DE: Eine Kolumne mit Kelly Kosel, in der an Gefühlen gefummelt, Fäden verfolgt und Themen rund um Sexualität, Körper, Intimität und Beziehungen eingeladen werden.
FR: Une chronique qui s’adresse aux émotions pour démêler certaines de vos questions sur le sexe, les relations, le corps et l‘intimité.
EN: An Advice Column that fiddles about feelings to untangle some of your questions about sex, relationships, bodies and intimacy.
Ein*e Leser*in schreibt:
Hiii! I currently want to look for a psychologist, but I do not know where to start. I am queer and am worried that my psychologist will not understand me. Do you have any advice on how to go about this?
Ich habe mich sehr über diese Frage gefreut! Professionelle psychologische Unterstützung kann echt super sein – Therapie hat mein Leben jedenfalls um einiges leichter gemacht. Dafür musst du die richtige Person zur Unterstützung finden. Dabei hilft dir hoffentlich diese Schritt-für-Schritt-Anleitung.
Schritt 1: Welche Art von Unterstützung suchst du?
Es gibt einen Unterschied zwischen psychologischer Beratung und Psychotherapie. Kurz erklärt:
Psychologische Beratung kann einmalig, regelmäßig oder bedarfsorientiert sein. Die Beratung wird von Psycholog*innen durchgeführt, ausgebildet durch ein mehrjähriges Psychologie-Studium. Vielleicht bist du Psycholog*innen schon einmal in der Schule, am Arbeitsplatz, in sozialen Bereichen oder in medizinischen Einrichtungen begegnet. Oft arbeiten sie auch in spezifischen Beratungsstellen, an die du dich wenden kannst. Wenn du gerade (noch) keine Psychotherapie beginnen möchtest und einfach mal mit wem reden magst, kannst du dich kostenlos an folgende Beratungsstellen wenden:
Familljen-Center. Die Beratungsschwerpunkte des Familljen-Center sind Familie, Partner*innenschaft, Trennungen und allgemein schwierige Lebenssituationen. Sie haben auch einen expliziten Schwerpunkt für LGBTIQ+ Personen.
CIGALE. Das LGBTIQ+ Zentrum bietet (psychologische) Beratungen an. Eine andere Art von Unterstützung sind außerdem die CIGALE Gruppen (z.B. Young Queers, Coming Out Later in Life, Neurodiversity, BiPan, Rainbow 4 Health, queer parents, parents of queer children, …).
infoMann. Wenn du ein Mann bist, kannst du hier beraten werden. Sie scheinen offen gegenüber queeren Personen. Leider weiß ich nicht, wie die Beratung für trans Männer und masc-presenting nicht-binäre Personen ist. (Schreib mir gerne, falls du Erfahrungsberichte hast!)
Omega90. Wenn du rund um Trauer, Krankheit und Tod Unterstützung suchst, dann ist Omega90 eine gute Adresse – ich habe von Queers gehört, die sich dort gut aufgehoben fühlen.
Außerhalb staatlich finanzierter Beratungsstellen musst du die Kosten bei Psycholog*innen selbst bezahlen, denn die Krankenkasse CNS erstattet nur Sitzungen mit Psychotherapeut*innen und Psychiater*innen.
Psychotherapie ist eine regelmäßige, längere Unterstützung (mindestens mehrere Monate, meistens ein paar Jahre). Therapie wird von Psychotherapeut*innen angeboten – das sind oft Psycholog*innen oder Psychiater*innen mit einer Zusatzausbildung in Psychotherapie. In dieser langfristigen Beziehung können komplexe Themen (und auch Traumata) aufgearbeitet und verändert werden. Es gibt viele verschiedene Ansätze in der Psychotherapie, wie z.B. Kognitive Verhaltenstherapie, systemische Therapie, Traumatherapie, EMDR, Psychoanalyse, körperbasierte Therapie, usw. Am Ende ist die Beziehung zwischen dir und deiner Therapeut*in oft wichtiger als ihre Art von Therapieausbildung.
“Den wichtigsten Schritt hast du schon gemacht: die Entscheidung für eine Therapie. Jetzt kommt der Schritt, bei dem du vielleicht etwas Geduld brauchst: die richtige Therapeut*in finden.”
Schritt 2: Falls du eine Psychotherapie machen möchtest, hol dir eine Verordnung.
Für eine Übernahme der Kosten durch die CNS brauchst du eine Verordnung von einer Ärzt*in. Wenn du dich hierfür bei deiner Hausärzt*in nicht wohlfühlst, kannst du zu einer anderen gehen. Es gibt drei verschiedene Verordnungen für Kostenrückerstattung:
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- Sitzungen der initiierenden Psychotherapie (SP01). Diese Verordnung ist für 3 einleitende Sitzungen (und du kannst sie dir bis zu 90 Tage nach der ersten Sitzung abholen). Du kannst sie einmal alle 5 Jahre bei der CNS einreichen.
- Sitzungen zur unterstützenden Psychotherapie (SP02). Diese Verordnung ist für 24 folgende Sitzungen – sobald du diese Verordnung hast, muss die Therapie innerhalb von 90 Tagen starten. Auch diese kannst du einmal alle 5 Jahre einreichen.
- Sitzungen für eine verlängerte unterstützende Psychotherapie (SP03). Diese Verordnung ist für 120 weitere, vertiefende Sitzungen.
Bei Erwachsenen werden 70% der Kosten übernommen, bei Kindern (unter 17 Jahren) sind es 100%. Schau auch nochmal auf die Webseite der CNS zu „Psychotherapie“ für alle Details.
Schritt 3: Die Suche nach Therapeut*innen.
Den wichtigsten Schritt hast du schon gemacht: die Entscheidung für eine Therapie. Jetzt kommt der Schritt, bei dem du vielleicht etwas Geduld brauchst: die richtige Therapeut*in finden. Am besten fängst du im „Psyregister“ der Société Luxembourgeoise de Psychologie (SLP) an. Das ist eine Art Therapeut*innen-Katalog, in dem du unterschiedliche Suchkriterien einstellen kannst: das Geschlecht der Therapeut*in, Therapieausbildungen, Sprachen, Therapie-Themen, Art der finanziellen Beteiligung oder frühste Verfügbarkeit der Therapeut*in.
Leider gibt es (bisher) keine Liste von „queer-friendly Therapeut*innen“, deswegen würde ich dir raten, erstmal auf dein Gefühl zu hören. Wähle die Suchkriterien im „Psyregister“ aus, die dir wichtig sind und mache eine Liste mit den Personen, die dir intuitiv am sympathischsten sind. Lass deine Liste ein paar Tage ruhen, schau dann drauf und suche dir zwei bis drei Personen aus, denen du zuerst schreibst.
Schritt 4: Drafte ein E-Mail und schicke es an 2-3 Therapeut*innen.
Schreibe ein E-Mail, in der du dich kurz vorstellst, deine Themen beschreibst und um ein Erstgespräch bittest. Wenn du unsicher bist, lass dir Feedback von einer Vertrauensperson geben. Dann nimmt dir vor, dieses Mail innerhalb einer bestimmten Zeit an zwei bis drei Therapeut*innen zu schicken. Es kann helfen, wenn eine Freund*in beim Send-Button drücken dabei ist – oder du die Aufgabe verteilst, nachzufragen, ob du das Mail wirklich abgeschickt hast.
Rechne damit, dass einige Therapeut*innen keine freien Therapie-Plätze oder längere Wartezeiten haben. Obwohl es manchmal nicht leicht ist, einen Ersttermin zu bekommen, kann es sinnvoll sein, zwei verschiedene Therapeuten*innen zum Erstgespräch kennenzulernen. Die Vergleichswerte können helfen zu verstehen, was dir bei einer Therapeut*in wichtig ist. Idealerweise sind die beiden Erstgespräche nur ein paar Tage oder Wochen voneinander entfernt, damit du dich gut zeitnah entscheiden kannst. (Achtung: Nicht mehrere Erstgespräche am selben Tag, da bei der CNS nur eine Sitzung pro Tag rückerstattet werden kann!)
Schritt 5: Erstgespräch(e) und Evaluierung.
Mein Tipp vor dem Erstgespräch: Habe nicht zu hohe Erwartungen und schau gleichzeitig, dass alle deine Mindestanforderungen erfüllt sind. Du kannst davor überlegen, was du dir ,mindestens‘ von deiner zukünftigen Therapeut*in wünschst. Zum Beispiel: „hat kein Problem damit, dass ich schwul bin“ oder „weiß ungefähr was nicht-binär bedeutet“ oder „muss nicht wissen was nicht-binär bedeutet, jedoch gewillt sein es sich erklären zu lassen und dann keinen blöden Kommentar dazu schieben“.
Achte nach dem Erstgespräch darauf, wie es dir geht. Du kannst dir Notizen dazu machen, wie du dich direkt nach dem Kennenlernen und ein paar Tage danach fühlst. Erzähle deinen Vertrauenspersonen davon. Falls du dir unsicher bist, wie du dich entscheidest, kannst du auch für ein Beratungsgespräch in der Beratungsstelle CIGALE vorbeischauen oder dich in der Gruppe „Rainbow 4 Health“ austauschen.
Schritt 6: Entscheidung (Therapie eingehen oder weitersuchen).
Jetzt ist der Moment, um zu entscheiden, ob die Therapeut*in bzw. die Therapeut*innen, bei denen du beim Erstgespräch warst, gut (zu dir) passen. Wie gesagt, einer der wichtigsten Faktoren für eine erfolgreiche Therapie ist die Beziehung zwischen Klient*in und Therapeut*in. Deswegen ist es wichtig, dass du dich wohlfühlst. Das heißt nicht, dass die Therapeut*in perfekt sein muss oder ihr in allen Aspekten einer Meinung sein werdet. Die Beziehung zu deiner Therapeut*in ist wie die meisten anderen Beziehungen: da können alle Gefühle aufkommen. Ausschlaggebend ist, wie ihr mit den verschiedenen Gefühlen umgeht. Du solltest dich sicher genug fühlen, potenziell alle möglichen Gefühle und Themen in der therapeutischen Beziehung recht offen kommunizieren und erkunden zu können.
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- Wenn du dich nicht wohl genug fühlst, dann gehe zurück zu Schritt 3 – idealerweise hast du noch eine Sitzung von der Verordnung (SP01) übrig für ein weiteres Erstgespräch. Fingers crossed für den nächsten Versuch!
- Wenn du dich bei einer Therapeut*in gut aufgehoben fühlst, dann kannst du dir nun die zweite Verordnung (SP02) abholen und mit den 24 Sitzungen beginnen. Herzlichen Glückwunsch!
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illustration Jeff Mandres
