Historically Queer
In dieser Kolumne blicken wir auf queere Geschichte(n) zurück, sowohl auf persönliche Anekdoten, wie auch auf das Zeitgeschehen.
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Da es in dieser Ausgabe von queer.lu um queere Kultur geht, müssen wir auch über Cafés, Bars und Diskotheken sprechen. In den 80er- und 90er-Jahren waren diese Orte für das Überleben der LGBT-Community unverzichtbar. Sie waren sichere Orte, an denen man sein konnte, wer man war, ohne sich verstellen zu müssen und ohne seltsam angeschaut oder beurteilt zu werden. In den späten 90er- und 2000er-Jahren verschwanden diese Cafés zunehmend von der Bildfläche. 2023 gab es in Luxemburg sogar für einige Monate keine mehr, bis „Lëtz Boys“ in der Groussgaass seine Türen öffnete. Was führte zum Verschwinden dieser wichtigen Orte? Brauchen wir diese Bistros noch?
Wir sprachen mit Marc List, dem Besitzer von Donna’s Heaven in Luxemburg-Stadt und später DaMa in Differdingen, und fragten ihn nach dem Konzept für sein neues Café in Esch-sur-Alzette.
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Hallo Marc. Wir sitzen hier zusammen in deinem neuen Café hier in Esch, dem New Heaven. Aber wie fing alles in Luxemburg-Stadt mit Donna’s Heaven an?
Es war schon immer mein Traum, ein Café zu haben. Ich kannte viele Leute, die ein Bistro besaßen, und ich fand das immer total cool. 2016 wurde das Café „Pyramide“ in der Escherstraße in der Stadt frei. Ich habe mich sofort erkundigt, ob ich das Café übernehmen könnte. Ich hatte keine Genehmigung und musste den ganzen Papierkram von vorne beginnen. Die übliche Schanklizenz musste ich nicht erledigen, da ich in einer Klinik arbeitete und mir alle Hygienemaßnahmen bei der Eröffnung eines Cafés klar waren. Dann hatte ich zwei Wochen Urlaub, in denen ich alles renoviert habe, und am 14. März 2016 eröffnete Donna’s Heaven. Ich ging meiner regulären Arbeit in der Klinik weiter nach und öffnete das Café am Wochenende.
Das war viel Arbeit, oder gab es eine Person, die dir geholfen hat?
Nein, ich habe alles alleine gemacht.
Donna’s Heaven war eine unglaublich schöne Zeit. Ich hatte nur donnerstags, freitags und samstags geöffnet, und mit der ‘freien Nächten’ lief es richtig gut. Rosa Lëtzebuerg organisierte einige Events bei mir, weil das Café ziemlich groß war. Es gab auch Karaoke-Abende. Das kam bei den Leuten super an.
Aber nach fast einem Jahr war ich so müde und erschöpft, dass ich nicht mehr konnte. Das Café hat zwar immer noch Spaß gemacht, aber im Januar 2017 habe ich beschlossen, aufzuhören.
Warum gab es deiner Meinung nach in den 80er und 90er Jahren so viele Cafés für Lesben und Schwule, die aber alle nach und nach ihre Türen schlossen?
Ich denke, dass es in den 2000er Jahren einen Mentalitätswandel gab. Früher bist du als Schwuler in ein Café für Homosexuelle gegangen, weil du wusstest, dass du dort frei sein und dich so geben konntest, wie du bist. Als ich damals in ein „normales“ Café ging, wurde ich angesehen, als wäre ich ein Außerirdischer. Das ist seit den 2000er Jahren nicht mehr der Fall. Aber ich denke auch, dass sich mit dem Internet viel getan hat und immer noch tut. Die Leute gehen nicht mehr so oft aus und die Cafés haben weniger Kund:innen.
Ich finde, dass es in letzter Zeit viel mehr negatives Gerede über die LGBTIQ+-Community gibt, und ich denke, unsere Cafés werden wieder gebraucht.
Nach Donna’s Heaven kam das DaMa…
Ja, das war 2020. Da mir Donna’s Heaven so gut gefallen hat und es mich immer noch begeistert, wollte ich es noch einmal versuchen. Aber ich wollte es nicht mehr alleine machen. Ich lernte David Frazão während des ersten Covid-Lockdowns kennen. Er war mein Nachbar, und wir diskutierten von Balkon zu Balkon. David war begeistert von der Idee, mit mir ein Café zu eröffnen. Als die Covid-Zahlen sanken und alle Läden wieder geöffnet waren, fanden wir ein Lokal in Differdingen. Kurz nach unserer Eröffnung im Oktober kam der zweite Lockdown. Das war blöd, und wir haben direkt vor dem Café einen Stand mit Glühwein aufgebaut. Das war gute Werbung, und alle in der Nachbarschaft waren froh, dass es in Differdingen wenigstens einen Ort gab, an dem man etwas trinken konnte.
2022 bekamen wir endlich die Erlaubnis für ‘freie Nächte’ am Wochenende, und es lief wirklich gut. Durch die Energiekrise wurde es wieder schwieriger und alles wurde viel teurer. Wir spürten sofort einen Rückgang bei den Zahlen. Außerdem hat Differdingen ein großes Kriminalitätsproblem. Um dem entgegenzuwirken und weil sich ein Bistro nicht an die Regeln hielt, strich die Gemeinde die späte Schließstunde für uns alle. Für mich war das der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, und wir haben das DaMa geschlossen.
Und jetzt geht es wieder los mit dem New Heaven?
Für mich war das Kneipen-Thema erledigt. Ich habe im Januar meine letzte Umsatzsteuererklärung abgegeben und meine Umsatzsteuer-Identifikationsnummer aufgegeben. Ich wollte nie wieder etwas mit einem Bistro zu tun haben. Dann kam David und erzählte mir, dass in Esch direkt neben der Gemeinde ein riesiges Café leer steht. „Nein, nicht schon wieder!“, sagte ich ihm. Aber als ich den Laden das erste Mal von innen sah, war ich schockverliebt.
Und jetzt geht halt alles wieder von vorne los! David ist diesmal nicht dabei, aber meine Schwester und eine weitere gute Freundin. Wir wollen hier ein anderes Konzept auf die Beine stellen. Wir wollen unter der Woche ein Café wie früher einrichten und später auch mittags ein Tagesmenü anbieten. Es wird kein Ort wie Donna’s Heaven werden, der rein für die Community gedacht ist. Es wird ein Ort, wo jede*r willkommen ist und wo jede*r sich wohlfühlen soll.
Danke, Marc.
Wir wünschen dir alles Gute und viel Erfolg hier in Esch.
Café New Heaven / 2 Grand Rue / L-4132 Esch/Alzette
