Wenn man von Burlesque spricht, haben viele Menschen sofort Klischeebilder im Kopf: veraltete Vorstellungen von Kabarettshows mit Federn und Glitzer, nackte Tänzerinnen, erotische oder vulgäre Striptease-Auftritte. Im besten Fall fällt noch der Name Dita Von Teese auf, verbunden mit Bildern von prachtvollen Shows in Las Vegas.

Auch wenn mich diese Fehlvorstellungen manchmal amüsieren, betone ich gerne, dass Burlesque eine alternative, subversive Kunstform ist, die Vorurteile auf den Kopf stellt. Zum Beispiel: Obwohl Burlesque oft mit feministischen Bewegungen verbunden wird, ist es keineswegs ausschließlich weiblich! Ich selbst bin der lebende Beweis dafür! Burlesque ist eine Kunstform, die bewusst zugänglich gestaltet wird und, wie ich persönlich erfahren habe, sowohl therapeutisch als auch erfüllend wirken kann.

Meine eigentliche Begegnung mit dieser Welt begann 2010, als ich den Film Tournée von Mathieu Amalric entdeckte. Ich gebe zu, es war wie ein Schock – mir wurde klar, dass Burlesque genau das Richtige wäre, wenn ich mich endlich einer künstlerischen Tätigkeit widmen würde. Als autodidaktischer Künstler, der seit Kindheitstagen viele kreative Bereiche ausprobiert hatte, fehlten mir lange Zeit sowohl eine fundierte Ausbildung als auch tiefes Selbstvertrauen und die Unterstützung meines Umfelds. Deshalb hatte ich mich nie getraut, mich den darstellenden Künsten vollständig zu widmen. Doch dann, vor ein paar Jahren, veränderte eine Begegnung mein Leben: Burlesque Luxembourg. Ich kann es kaum in Worte fassen – aber auf einmal war alles klar, etwas hat Klick gemacht und es ging ganz natürlich seinen Weg.

Board Members and Teachers

Heute unterrichte ich Burlesque: ich tanze, singe, moderiere, organisiere und produziere Shows, in denen ich mich auch entkleide. Ich stehe nicht nur in Luxemburg auf der Bühne, sondern habe auch an Festivals in verschiedenen europäischen Städten teilgenommen. 

Es war eine Offenbarung – und seither ein Weg, den ich gehe. Oft sage ich scherzhaft, dass ich dank dieser Gruppe mein „künstlerisches Coming-out“ erlebt habe. Ich bin weder Tänzer noch Schauspieler oder Sänger – ich sehe mich als Performer. Und das Ausziehen, das im Zentrum des Burlesque steht, ermöglicht es mir, Geschichten zu erzählen, mich auszudrücken. Und es gibt mir die Ehre und Freude, andere auf ihrem Weg zu begleiten.

Weder Tänzer, noch Schauspieler, noch Sänger – ich definiere mich als Performer.

Im Jahr 2019 gründeten meine „Mamas“, Lulu Madeleine und Sadie Sly, Burlesque Luxembourg – einen Verein, der das Ziel verfolgt, Burlesque als Hobby und als Mittel des Wohlbefindens zu fördern. Es geht darum, den Körper, die Bewegung und die Selbstwahrnehmung neu zu feiern. Der Andrang war so groß, dass bald darauf Workshops, regelmäßige Kurse und erste Bühnenauftritte für Schüler:innen und Profis organisiert wurden.

Sie haben zahlreiche Talente und Persönlichkeiten angezogen. Ihr Motto „A SAFE SPACE TO EXPRESS“ ist ein kraftvolles Mittel gegen Vorurteile in Bezug auf Schönheitsideale, Lebensziele und künstlerische Ausdrucksformen.

Burlesque Luxembourg Boylesque © Christian Kieffer

Das Testimonial von Rosy Witch ist besonders eindrucksvoll: „Ich habe vor über fünf Jahren mit Sadie Burlesque begonnen. Damals war ich von meinem Körper entfremdet und mochte ihn nicht. Die Kurse – ein sicherer Raum für Frauen, in dem jede so sein kann, wie sie ist – wurden zu meinem Zufluchtsort, meiner eigenen kleinen Welt, meiner Auszeit. Dieses Jahr werde ich 50 und fühle mich weiblich, wohl in meiner Haut und in meinem Körper.“

Für viele, die zum ersten Mal einen Kurs besuchen, ist nicht klar, was zu erwarten ist. Der Gedanke, eines Tages auf einer Bühne zu stehen – und sich vielleicht sogar zu entkleiden – ist für sie unvorstellbar. Sweet Devil erzählt: „Es war für mich unvorstellbar, auf der Bühne in Unterwäsche und oben ohne zu stehen – verwitwet, übergewichtig und Mutter von zwei Teenagern. Aber das war, bevor ich Sadie Sly traf, meine wunderbare Lehrerin. Seit drei Jahren trete ich nun dreimal jährlich bei Shows auf – oft leicht bekleidet, aber immer mit großer Freude und Spaß. Es ist eine echte Therapie gegen Komplexe und ein verspielter Affront gegen Schönheits- und Charme-Stereotypen.“

Burlesque Luxembourg Students © Christian Kieffer

Was als Ort der Selbstentfaltung für Frauen begann, hat sich schnell geöffnet und diversifiziert. Kitty Kiss, eine Expat-Schülerin seit zwei Jahren, berichtet, dass Burlesque für sie schnell zum Höhepunkt einer stressigen Woche wurde: „Burlesque hat mir Selbstvertrauen gegeben, weil hier alle Altersgruppen und Körpertypen geschätzt werden. Und Burlesque ist vor allem eine inklusive Gemeinschaft.“

Eine Gemeinschaft, die alle Geschlechter, alle Körper, alle Talente, alle sexuellen Orientierungen und Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen willkommen heißt – ein Spiegelbild der kosmopolitischen Gesellschaft Luxemburgs. Ich sage meinen eigenen Schüler:innen immer wieder: Was ich an euch liebe, ist, wer ihr seid – und darauf sollt ihr stolz sein und es weiterentwickeln. Technik und Können sind wichtig, aber was mich wirklich begeistert, ist eure Interpretation, eure Präsenz, eure Sensibilität – eure ganz eigene Sexiness

Georges, Anfang dreißig, seit fast zwei Jahren bei uns, kam zum Burlesque, um eine Disziplin zu erleben, die Tanz und Kreativität verbindet. Er sagt, dass er das prickelnde Gefühl der Bühne entdeckt und die Atmosphäre des gemeinsamen Erlebens schätzen gelernt habe. „Ich habe eine Welt voller Farben und Nuancen gefunden, die Freiheit in ihrer ganzen Kraft atmet.“

Burlesque Luxembourg Students on stage © Christian Kieffer

Ob Anfänger:in oder Profi, ob Amateur:in oder erfahrene:r Künstler:in, Tänzer:in, Schauspieler:in oder Kreative:r – bei Burlesque Luxembourg und generell in der Burlesque-Welt findet jede:r seinen Platz. Vom klassischen Burlesque über Boylesque, Burly Belly Dance, Kabarett bis hin zu Chair Dance – die Disziplinen sind vielfältig. Unser mittlerweile erweitertes Team mit Lady Blue Velvet, Miss Shimmy S’More und mir verfolgt gemeinsam das Ziel, angehende Künstler:innen auf ihrem künstlerischen und persönlichen Weg zu begleiten.

Ich sage meinen eigenen Schüler*innen oft, dass ich an ihnen das liebe, was sie sind — und dass sie darauf stolz sein und es pflegen sollen. Über jede Technik oder technische Höchstleistung hinaus sind es ihre Interpretation, ihr eigener Beitrag, ihre Sensibilität und ihre eigene Sexyness, die mich wirklich interessieren.

Denn Burlesque ist mehr als nur eine Show. Es ist eine Erfahrung – eine Reise voller Selbstfürsorge, Respekt, Gemeinschaftsgefühl und der Freiheit, den eigenen Körper mit Stolz zu leben.