Über Drag gäbe es so viel zu erzählen, denn es gibt genauso viele Ausdrucksformen wie es Künstler*innen gibt. Unsere Wege zu dieser Kunstform sind verschieden, ebenso wie unsere Beweggründe, sie auszuüben. Jeder Weg ist einzigartig, jede auf der Bühne geborene Figur hat ihre eigene Geschichte, ihre Träume und ihre Wut. Deswegen haben wir uns entschieden, nicht aus einer individuellen Perspektive , sondern mit der kollektiven Stimme unseres Vereins Queerdom über ein Thema zu sprechen, das uns alle tief berührt

Was wir heute mit Ihnen teilen möchten, ist, warum Drag mehr ist als nur eine Kunst. Warum ihre Präsenz im öffentlichen Raum so wichtig ist. Und warum Drag, jetzt mehr denn je, weiter bestehen muss.

Drag ist nicht nur eine Performance. Es ist eine Art, Regeln neu zu schreiben, Normen zu hinterfragen, sie zu verdrehen. Drag ist eine laute Bekenntnis zur Freiheit: der Freiheit des Ausdrucks, der Geschlechtsidentität, des Andersseins. In einer Welt, in der Identitäten oft eingeschränkt werden, schafft Drag Räume zur Selbst-Neuerfindung. Es bedeutet, sich zu behaupten, zu heilen, sich selbst zu entdecken und sich mit anderen zu verbinden. Ob auf der Bühne oder hinter den Kulissen: Drag bringt Menschen zusammen. Es heilt. Es schafft Gemeinschaft unter Künstler*innen, aber auch mit dem Publikum.

Angesichts des zunehmenden reaktionären Diskurses, der Zensur – ob verdeckt oder offen – und der Versuche, alles Unbequeme zum Schweigen zu bringen, wird Drag heute zu einem Akt des Widerstands. Es wird zu einem Aufschrei: Wir sind da, und wir werden nicht verschwinden. 

Drag war immer schon politisch. Von seinen frühesten Formen, vom elisabethanischen Theater bis hin zu den Kabaretts des 19. Jahrhunderts, ermöglichte es, Normen zu hinterfragen und mit Geschlechtsidentitäten zu spielen, oft mit Humor, immer mit Kühnheit. In den 1960er- und 1970er-Jahren wurde Drag untrennbar mit den Kämpfen der LGBTQIA+-Bewegung verbunden: Drag-Figuren wie Marsha P. Johnson und Sylvia Rivera, transsexuelle und rassifizierte Aktivistinnen, standen 1969 an vorderster Front der Stonewall-Aufständen in New York, die den Grundstein für die Pride und den zeitgenössischen Queer-Aktivismus legten.

Trotz der verheerenden Auswirkungen von HIV/AIDS, trotz Marginalisierung und Gewalt haben die Drag-Communities weiterhin geschaffen:  Shows, Bälle,  Häuser – all dies sind Orte, an denen Wahlfamilien entstanden sind,  Zufluchtsorte,  Orte der Fürsorge, des Kampfes und des Lebens. Auch heute, während einige Staaten Drag-Veranstaltungen zensieren oder sie als „gefährliche Ideologie” bezeichnen, ist es wichtig, klar zu sagen: Drag ist keine Bedrohung. Drag ist eine Antwort – künstlerisch, politisch, radikal – auf eine Welt, die zum Schweigen bringen, glätten und normieren will.

Doch damit diese Kunst lebt, reicht es nicht aus, dass wir auf die Bühne steigen. Ihr müsst auch da sein und uns gegenübertreten. Ihr müsst zu uns kommen, zuschauen, zuhören. Denn Drag lebt nur in der Begegnung.

Und vor allem: Drag ist so viel mehr als das, was ihr vielleicht im Fernsehen gesehen habt. So populär die Sendung Drag Race auch sein mag, sie zeigt nur eine Facette einer vielfältigen, pluralen Kunstform. Drag kann extravagant oder minimalistisch, burlesk oder politisch sein. Es kann lustig, verstörend, grenzüberschreitend, verletzlich oder experimentell sein. Gerade diese Vielfalt macht seine größte Stärke aus.

Wir laden Euch ein, Shows zu entdecken, die erzählen, hinterfragen und voll und ganz existieren wollen. Drag braucht Orte, an denen es sich ohne Anpassung und ohne Zensur ausdrücken kann. Denn hinter jedem Make-up-Strich stehen Identitäten, Kämpfe und ein tiefes Verlangen nach Freiheit.

Und diese Kunst muss, mehr denn je, weiterleben.

Übersetzt von Brigitte Neves