Welche Wahrheit wollen wir in uns selbst verwirklichen?
Wir sind nicht wirklich frei, bis wir loslassen, was andere uns aufgezwungen haben. Wenn sich die Etiketten von deiner Haut lösen, wenn die Vorurteile, die dir ein poliertes Image verpasst haben, ihre Kraft verlieren und die Bezeichnungen, auf die du zu reagieren gelernt hast, keine Resonanz mehr finden, gelangst du zu etwas Heiligem. Du wirst existenziell nackt, wie ein Neugeborenes, mit dem Willen und dem Recht, dein Leben selbst zu gestalten. Es ist eine erschreckende, berauschende Offenbarung: Alle Illusionen lösen sich auf, und du stehst allein da, als dein:e eigene:r Entscheidungsträger:in verantwortlich, reif und im Einklang mit deiner Intuition. Du bist der:die Einzige, der:die den Schlüssel hält.
Ich wagte es, diesen Schlüssel fünf Monate nach meiner Ankunft aus Syrien in Luxemburg im August 2023 in die Hand zu nehmen. Ich war nach mehr als elf Jahren wieder mit meinem Bruder vereint und kam mit der Hoffnung, einen Masterabschluss zu machen. Aber ich war nicht auf die Leere, die Finsternis, die mich erwartete, vorbereitet. Überwältigt von Panikattacken, dissoziativen Episoden und Krampfanfällen war ich gezwungen, mich einer Vergangenheit, der ich zu entfliehen versucht hatte, zu stellen… einer Vergangenheit, die mich von dem Frieden und der Verbundenheit, nach denen ich mich so sehr sehnte, wegzog. Ja, ich hatte das Land verlassen. Aber ich war nicht frei.
Nach einem Selbstmordversuch griff ich zu Stift und Papier und zog mich tagelang zurück, verzweifelt darauf bedacht, den Konflikten in mir Ausdruck zu verleihen. Ich hatte keine Antworten, nur ein tiefes, rohes Verlangen, die Wahrheit, egal wie morbide sie auch sein mochte, zu erfahren. Und mit dieser Absicht brach ich auf. Die Worte sprudelten nur so aus mir heraus und enthüllten die Geschichten, die mich geprägt hatten. Im Zentrum stand das Schweigen über Sexualität … die älteste und tabuisierteste Angst. Scham, Trauma und Unterdrückung bewegten meinen Stift und zwangen mich, das Unaussprechliche zu schreiben.
Das war der Beginn meiner sexuellen Heilung.
Heilung – egal welcher Art – ist ein Akt der Inklusion. Es ist die radikale Akzeptanz aller Teile von dir selbst. Wenn du sie mit Mitgefühl zusammenhältst, wirst du ganz. Urteile verschwinden und der kreative Ausdruck, nach dem du dich unbewusst gesehnt hast, beginnt sich zu entfalten.
Für mich begann die Heilung mit dem Schreiben – der einzigen Tätigkeit, die mir noch möglich war, nachdem mein Nervensystem zusammengebrochen war. Durch das Schreiben tauchten Erinnerungen wie Geister auf, die gesehen werden wollten. Ich hörte meinem früheren Ich zu … Das fromme Mädchen, das nie ein Gebet versäumte, das jede Woche vollständig verschleiert zur Moschee ging, das im Pharmaziestudium glänzte und zum Stolz der Familie wurde, das in einem sterilen Zimmer in einem vom Krieg zerrütteten Land lebte, sprach endlich. Es flüsterte mir von seiner Dysmorphie, seiner Angst vor Intimität, seiner geheimen Sehnsucht, sich den Kopf zu rasieren und die Brüste abzuschneiden, um ein Mann zu werden… Nicht aus Gründen der Identität, sondern aus Gründen der Freiheit. Um nachts unerschrocken durch die Straßen zu gehen, um für eine Revolution zu rebellieren, die sie verpasst hatte, um in den alten, engen Gassen von Damaskus zu verschwinden, ohne dass Blicke auf ihre Brust fallen, um einem Kampfsportverein beizutreten, um die Statur und Haltung eines Mannes zu erlangen, um in dem Gestank von Schweiß und abgenutzten Boxhandschuhen zu leben und um das Hochgefühl zu spüren, wenn sie nach einem brutalen Boxkampf, der ihr fast die Nase gebrochen hätte, nach Mitternacht nach Hause stolpert. Sie sehnte sich danach, ein Mann zu sein, der blaue Flecken wie Medaillen zählt, der das Fehlen von Narben aus einer gescheiterten Revolution wettmacht und die stille Scham über eine erwartete Weiblichkeit, die sie nie leben konnte, tröstet.
Und dann kam die Tanzfläche…
Der Mut, mit unbedecktem Kopf zu einer EDM-Veranstaltung zu gehen, war etwas, das ich mir nie hätte vorstellen können. Mein Körper ließ jahrelange stille Schmerzen los. Was andere für eine ausgebildete Tänzerin hielten, war einfach ich, die zum ersten Mal mit unbedecktem Kopf und von der Luft geküsster Haut Bewegungen erkundete. Die Neonlichter spiegelten sich in unbekannten Gesichtern voller glitzernder Begeisterung, und in meinem Kopf entstanden leuchtende Bilder von Gesten und Ausdrucksformen, die sich mit der Musik überlagerten. Ich spürte ein Wohlgefühl, das mich seitdem nicht mehr verlassen hat. Ich sah die unterdrückten Gesichter der Jugend meiner Heimat, die sich nach Tanz sehnte. Nach Verbindung. Nach sicherer, körperlicher sexueller Ausdrucksmöglichkeit. Zum ersten Mal traf ich Menschen aus der queeren Underground-Szene in Damaskus. Mit gespitzten Ohren lauschte ich Geschichten von Missbrauch, Folter, Inhaftierung und Scham.
Ich erlebte Momente, in denen mir klar wurde, dass jede Zuneigungsbekundung auf der Straße ein großes Risiko darstellte … dass ein einfacher Kuss Polizist:innen aus dem Nichts herbeirufen konnte, die uns bedrohten und unsere Ausweise beschlagnahmten, bis wir sie mit Bestechungsgeld wiederbekamen. Der Terror, der darauf folgte, rührte nicht nur von der tief verwurzelten Überzeugung her, dass Frauen dort machtlos sind, sondern auch von der allgegenwärtigen, bedrückenden Angst, jederzeit von Polizist:innen oder sogar zufälligen Passant:innen festgenommen zu werden.
In meinem letzten Jahr in Syrien füllte ich meine Tage mit der Dunkelheit politisch zensierter Literatur und der sozialen und sexuellen Realität der zum Schweigen gebrachten Stimmen. Ich fühlte mich wie eine Fremde in meinem eigenen Land … eine neugierige Journalistin, eine stille Zeugin und eine vorsichtige Entdeckerin der sexuellen Freiheit.
In Luxemburg unterschätzte ich die Zeit und den Raum, die ich brauchte, um meine persönliche Rebellion zu verarbeiten – bis mein Körper und meine Psyche durch Krampfanfälle Alarm schlugen. Was mir mehr half als jedes Antidepressivum oder Antiepileptikum, waren die kreativen Mittel, an die ich mich klammerte. Ich schrieb wie besessen Tagebuch, einige meiner Texte wurden auf Bühnen in Luxemburg und Umgebung als Gedichte vorgetragen. Ich verliebte mich in die afrikanische Dunun-Trommel. Rhythmus wurde zu Trance. Trance wurde zu Meditation … Ich las Jung, Campbell, Huxley, Yalom, Maté …
Ich geriet in ein Netz authentischer menschlicher Verbindungen, in eine gemeinsame Wunde, von der ich nie gewusst hatte, dass auch andere sie trugen. Ich begann, sowohl meinen existenziellen Kampf als auch die überwältigende Schönheit dieses Wunders, das wir Leben nennen, in den Augen jedes Menschen zu sehen.
Roher Kakao, gemeinsame Lagerfeuer, Performance-Kunst, gesellige, intime Räume… Jeder Schritt, den ich machte, wurde von einer neu entdeckten Intuition geleitet, einem subtilen Kompass, der aus meinem Körper und meinem Herzen aufstieg. Langsam verlor die Vergangenheit ihren Einfluss. Das Trauma verschwand nicht, aber es beherrschte mich nicht mehr. Die einst vollständig verhüllte Frau mit ihren langen blond gefärbten Haaren, die ihre Ängste verdeckten, verwandelte sich in ein mutiges Wesen voller Bewegung und Fluidität, mit kurz geschnittenem dunklem Haar, einem mit Tribalmuster bemalten Gesicht, zwölf Piercings, die im Licht glänzen, und Glöckchen an ihrem Hals, die läuten, während sie ekstatisch tanzt, in ihrer schwarzen Kleidung, die ihr früheres Ich betrauert.
Ich begann, das Leben als einen Improvisationstanz zu sehen, bei dem Haut auf Haut und Auge auf Auge trifft: zu wissen, wann man sich respektvoll nähert, wann man Abstand hält, wann man sich zurückzieht. Ich lernte die Heiligkeit der Präsenz, die Kraft der Berührung, die Bedeutung des Blicks. Ich wurde wieder vollkommen sinnlich. Lebendig.
Als ich meinen Körper und meinen Ausdruck zurückgewann, gewann ich auch die Teile von mir zurück, die ich einst gefürchtet hatte. Was einst tabu war – Begierde, Nacktheit, Zuneigung – wurde wieder natürlich. Menschlich. Angeboren. Durch den Tanz erzählte ich Geschichten, die mein Mund noch nicht aussprechen konnte. Ich verband mich schamlos und zärtlich mit denen, die sich wie Spiegel anfühlten. Mein soziales Leben stimmte mit meiner Wahrheit überein. Ich begann, das Sexuelle vom Platonischen zu unterscheiden, das Liebevolle vom Lustvollen. Ich hörte auf, Verbindung mit Gefahr zu verwechseln. Die Offenheit, die ich einst in mir selbst verurteilt hatte, konnte endlich, frei von Angst, frei von meinem eigenen Urteil und dem der Welt, zum Ausdruck kommen.
Spontan entwickelte ich einen entwicklungsorientierten Ansatz in meinem Liebesleben und schuf einen offenen und ausdrucksstarken Raum mit mehreren Partner:innen. Wir kommen zusammen und benennen unsere Ängste. Wir sprechen über unsere Wünsche. Wir bewegen uns in Wahrheit. Intuition leitet uns, nicht Besitz oder Kontrolle. Und ich habe gelernt, dass Liebe, ob sexuell oder nicht, geschlechtslos, alterslos und grenzenlos ist. Und dass es eine ideale Stelle zwischen Sicherheit und Offenheit gibt.
In dem Moment, in dem man sich auf den Weg der Heilung begibt, gibt es nichts mehr, wofür es sich zu leben lohnt, außer der eigenen Wahrheit. Das ist die Kunst des Lebens. Und als ich mich dafür entschieden habe, habe ich mir geschworen, mich selbst niemals zu belügen.
Mein akademischer Weg in der Pharmazie orientierte sich aufdie Kunsttherapie. Mein Stift schreibt mein Herz laut, bis es das Mikrofon als verletzliche Gedichte küsst, und meine Verspieltheit führt mich auf die Tanzfläche, zur Musik, zur Leidenschaft im Bett, wo ich gleichermaßen Unsicherheiten und Wünsche benennen und meine Persönlichkeiten in dem befreienden und theatralischen Akt des Sex ausleben kann.
Jeder Herzschmerz und jeder Moment des Staunens wird nun von dem inneren Kind in mir mit Neugier und Freiheit aufgenommen. Das Leben, in all seiner Bitterkeit und Süße, wird durch die Linse des potenziellen Wandels betrachtet und wie ein ruhiger Abend im Kino genossen.
Du beginnst, dich der gemeinsamen menschlichen Sehnsucht bewusst zu werden, der stillen Qual, die hinter den Augen von Fremden flackert. Du spürst, wie deine eigene Geschichte in jedem Blick schimmert, ein Teil von deinem Selbst in jeder verwirrten Seele zittert und das Potenzial, darauf wartet, in jedem Menschen, dem du begegnest, bewässert zu werden. Du beginnst wie ein offenes Buch zu tanzen, eine Geschichte, die gelesen werden will, mit Seiten, die so fleckig und zerknittert sind wie die Kämpfe, die sie überstanden hat.
Durch Heilung verbindest du dich.
Durch Heilung erwachst du zur Wahrheit.
Und genau wie beim Verlieben wird jede Erfahrung im Leben zu einer ersten Erfahrung.
