In einem Bus, in der Tasche eines dicken Wintermantels wiegt eine Handläche ein Fläschchen Östrogen. Die Finger umschließen das Flakon: 50 ml Enantat mit Rizinusöl. „Hormonersatztherapie“, nennen sie es gerne, wenn sie es wegschließen. Mit anderen Worten: Magie!

Fünfzig Milliliter Magie, erworben in einem Park. Sie haben transformatives Potenzial. Die Frau, die das Fläschchen erhalten wird, gilt weder bei den Einwanderungsbehörden noch bei den Fachleuten des Gesundheitswesens oder des Staates als „Frau genug“, um es in einer Apotheke zu erhalten. Stattdessen wird die Hand eine:r Freund:in es ihr bringen. 

Sharing is caring, und caring bedeutet Überleben. Wir sorgen füreinander, bevor wir geboren werden und bis zu unserem Tod. Im Podcast „Mutual Aid“ spricht der Anwalt und politische Organisator Dean Spade über die lange Tradition jüdischer Bestattungsgesellschaften, die die Tahara durchführen – ein Ritual, bei dem der Körper eines Verstorbenen gewaschen, angezogen und spirituell für die Bestattung vorbereitet wird. Er erklärt, dass es in den USA Freiwilligengruppen sind, die diese alten Praktiken der Pflege durchführen, insbesondere für Jüd:innen, die aufgrund ihrer Identität oder ihres Glaubens aus ihren Gemeinschaften verstoßen wurden. Diese Freiwilligengruppen sorgen dafür, dass viele trans, queere und antizionistische Jüd:innen Zugang zu traditionellen spirituellen Praktiken erhalten und sicherstellen, dass ihre Körper im Tod respektiert und mit Würde und Sorgfalt behandelt werden.

Wo Tod ist, ist auch Leben – und alles, was dazugehört. Für viele queere Menschen, insbesondere für BIPOC Transfrauen, bleibt das Älterwerden ein Privileg. Queere Menschen sind einem höheren Risiko von Gewalt ausgesetzt und leben in der unmittelbaren Gegenwart des Todes. Wenn man sie jedoch auf diese (potenziellen) Erfahrungen reduziert, wird ihnen ihre ganze Menschlichkeit abgesprochen. Das Leben queerer Menschen kann nicht auf ihre Körper oder die misogynen Kulturkriege, die gegen sie geführt werden, reduziert werden – selbst dann nicht, wenn sie ihren Körper für Sexarbeit einsetzen. 

Der Film The Stroll aus dem Jahr 2023, bei dem die ehemalige Sexarbeiterin Kristen Lovell Regie führte, zeichnet die Geschichten von schwarzen und lateinamerikanischen Trans-Sexarbeiterinnen im New Yorker Meatpacking District in den 1980er und 1990er Jahren nach. Ihre Erzählung fängt die Menschlichkeit der Transfrauen und Sexarbeiterinnen, die gestorben sind, die ermordet wurden und die überlebt haben, ein. Sie hebt Elemente der Freude und der Gemeinschaft hervor, die in diesen Geschichten oft nicht erwähnt werden. Damit geht The Stroll über die stereotype Darstellung von Sexarbeit und Überleben als „dunkel und düster“ hinaus.

Im Film erinnern sich die Frauen an ihre Superhelden-Alter-Egos, die in Momenten der Gefahr zum Vorschein kommen – von Battle Bot über Wonder Woman bis hin zu Buffy the Vampire Slayer – „Weißt du, du wolltest mir mein Geld nicht wegnehmen. Du hattest nicht vor, mich zu verprügeln. Ich wollte dich kriegen, bevor du mich kriegst.“ Sie beschreiben, wie sie von anderen betreut wurden, während sie auf dem Strip arbeiteten, und sie erinnern sich an Nächte, die sie auf den Piers in der Christopher Street verbrachten. Dort bot das notdürftige Lager der Aktivistin Sylvia Rivera einen sicheren Ort für diejenigen, die sonst nirgendwo hin konnten. Sie alle kannten das Risiko, angegriffen oder sogar getötet zu werden, und schlossen sich zusammen, um sich gegenseitig zu schützen und zu unterstützen und sich gegen Gewalt durch Polizei, Kunden, Passant:innen und staatliche Repression zu wehren. 

Derartiger gegenseitiger Schutz und Solidarität scheinen jedoch nicht typisch für diejenigen, die heute unter dem Regenbogen- oder Queer-Schirm zusammengefasst werden, zu sein. Stattdessen sehen wir einen „glücklichen Inklusions“-Rahmen der „sexuellen Bürgerschaft“, der in einer LGBT+-Nekropole gipfelt. In dieser Stadt der Toten maskiert und ermöglicht die Sprache der Revolution und des Widerstands systemische Gewalt, Ausbeutung und Vernachlässigung sowohl auf lokaler als auch auf globaler Ebene. Es ist eine pinkfarbene Pride-Feier, die den Kampf für die gemeinsame Würde im Leben und im Tod für die Illusion der Inklusion aufgegeben hat. Diejenigen, deren Devianz und Unmoral hinter einem Bild der Normalität versteckt werden können, erhalten bedingte Rechte. Diejenigen, die sich nicht an die vorgeschriebenen sozialen Normen halten wollen oder können, werden ausgegrenzt, verstoßen oder umerzogen – sie werden zur sogenannten Überschussbevölkerung. Um gleichzeitig den militärisch-industriellen Komplex und das Bild des Fortschritts aufrechtzuerhalten, drapieren sich Unternehmen, Armeen und Nationen in Regenbogenfarben. Der neoliberale Staat konsultiert nun LGBT+-Expert:innen, wenn er sich fragt: „Wer muss sterben, damit wir leben können?“ Oder mit den Worten des Autors von Queer Lovers and Hateful Others, Jin Haritaworn: „Wer muss leben, damit sie ungestraft sterben können?“

Diese Dynamik, durch die LGBT+-Rechte in tödliche nationalistische, imperialistische und rassistische Agenden eingebunden werden, hat die Wissenschaftlerin und Autorin Jasbir Puar in ihrem Buch Terrorist Assemblages als Homonationalismus bezeichnet. In diesem Kontext der Bevölkerungskontrolle und der Tötung stellen Homonormativität und Assimilation an heteronormative gesellschaftliche Normen eine Falle, in der Stigmatisierung reproduziert und projiziert wird, dar. Das soll nicht heißen, dass eine LGBT+ Person nicht wirklich und aufrichtig nach dem hegemonialen Gesellschaftsmodell leben möchte. Es zeigt vielmehr, dass die Rechte, die Autonomie und die Menschlichkeit der LGBT+-Personen an Bedingungen geknüpft sind und davon abhängen, dass sie erfolgreich und dauerhaft Respektabilität, Unschuld und Moral beweisen. Gelingt dies nicht, führt dies zu Dehumanisierung, Unterdrückung und Herablassung.

Im Gegensatz zu den rechtstreuen Bürger:innen werden die Bewohner:innen der Randgebiete der Gesellschaft als abnormal, arm und dysfunktional dargestellt. Als Überschussbevölkerung werden sie entweder als Opferw, die gerettet und unterstützt werden müssen, oder als rückständige Menschen, die nicht in der Lage sind, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen, dargestellt. In jedem Fall werden sie ihrer Handlungsfähigkeit und körperlichen Autonomie beraubt und auf stigmatisierte Identitäten reduziert. Beispielsweise werden Sexarbeiter:innen oft nicht als facettenreiche Menschen mit Interessen, Gefühlen und Ambitionen innerhalb und außerhalb ihres Berufs betrachtet.

Die Stigmatisierung überschreibt ihre Wünsche und Interessen und schränkt ihren Zugang zu menschenwürdigen Lebensbedingungen, z. B. in Bezug auf Unterstützung, Wohnraum, Beschäftigung, Gesundheitsversorgung oder Bildung, ein. 

Die allgegenwärtige Stigmatisierung von Sexarbeiter:innen, insbesondere in Bezug auf Elternschaft und Pflege, wird in dem Kinderbuch How Mamas Love Their Babies thematisiert. Die Autorinnen Juniper Fitzgerald und Elise Peterson stellen visuell und textlich verschiedene Möglichkeiten, wie Mütter für ihre Babys sorgen können, dar. Collagen illustrieren ihre Worte: „Manche Mamas bleiben den ganzen Tag zu Hause bei ihren Babys. […] Manche Mütter gehen einer anderen Arbeit nach, um sich um ihre Babys zu kümmern. Sie setzen ihren Körper auf unterschiedliche Weise ein […] Es ist harte Arbeit!“. Diese Worte können beeinflussen, wie wir die Arbeit von Aktivist:innen wie Sylvia Rivera sehen. 

„Wir haben sie verdammt noch mal gefüttert, wir haben Kinder gefüttert. Wir haben uns um Kinder gekümmert“, Sylvia Riveras Stimme zittert, während sie spricht. Sie spricht über das Haus in der 213 East Second Street, in dem STAR in den frühen 1970er Jahren eine Unterkunft und einen Sozialraum für trans und obdachlose LGBT+ Jugendliche betrieb. STAR – Street Transvestite Action Revolutionaries – wurde 1970 von Sylvia Rivera und Marsha P. Johnson gegründet, um sich auf die Selbstbestimmung der Geschlechter und die Bedürfnisse obdachloser queerer Jugendlicher, von denen viele der Sexarbeit nachgingen, zu konzentrieren. Die Queens, die das STAR-Haus leiteten, waren kaum älter als diejenigen, die sie unterstützten, hielten das Gebäude am Laufen und arbeiteten auf dem Strich, um Geld zu verdienen.  „Wir haben die Miete bezahlt. Wir wollten nicht, dass die Kinder auf der Straße herumlungern. Das haben wir schon durchgemacht. Wir wollten ihnen zeigen, dass es ein besseres Leben gibt.“ Die Gründung des STAR-Hauses und die Arbeit der Queens, die es leiteten, wirft die Frage auf, wie wir Elternschaft und Betreuung sehen. Wer darf Eltern oder Bezugsperson sein? Wer kann sich für oder gegen Elternschaft entscheiden? Was sind die Folgen für Bezugsperson und Kinder? Wer hat ein offenes Ohr für die Wünsche und Gedanken der Kinder? Wer beantwortet ihre Fragen, Bedürfnisse und Sorgen? 

STAR hat in einem Umfeld von Zerstörung, Überwachung, brutaler Polizeigewalt und Mangel an staatlichen Mitteln Leben und Freude für queere Jugendliche geschaffen und aufrechterhalten. Das STAR-Haus war die erste LGBT+-Jugendunterkunft in Nordamerika, die erste von Transfrauen of Colour geführte Organisation in den USA und die erste Arbeitsorganisation für Trans Sexarbeiterinnen. Durch ihr Engagement für Überleben, Transformation und Heilung konnte STAR den am stärksten Ausgegrenzten, die sie nicht im Stich lassen wollten, Sicherheit und Betreuung bieten. Die Queens, die STAR leiteten, waren in der Lage, mit den Worten der Nobelpreisträgerin Toni Morrison „am Rand zu stehen und ihn als Mittelpunkt zu beanspruchen… Und den Rest der Welt dorthin zu lassen, wo sie waren.“

Diese Aufforderung an die Welt, sich zu bewegen, ist auch heute noch aktuell, da Sexarbeiter:innen immer noch als gefährliche Subjekte, die aus sozio-rechtlicher und moralischer Sicht Kinder gefährden, dargestellt werden. Es besteht ein größeres Risiko, dass Kinder von Sexarbeiter:innen, deren Beruf in Sorgerechtsstreitigkeiten gegen sie verwendet wird, ihnen weggenommen werden. Infolgedessen ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Eltern, die in der Sexarbeit tätig sind, bis zum Äußersten gehen, um ihren Beruf zu verbergen um das Sorgerecht zu behalten. Aber was ist mit den zahllosen Sexarbeiter:innen wie Sylvia Rivera, die ihr Leben der Unterstützung und Betreuung von queeren Jugendlichen gewidmet haben? Warum waren diese Kinder überhaupt auf der Straße? Das moralische Podest ist ein bequemer Ort, um von dort aus zu sprechen, aber vor wem sind diese Kinder weggelaufen und haben Sicherheit gesucht? Warum ist dies auch heute noch bei vielen queeren Jugendlichen der Fall? Das Kinderlied Canciones de Cuna para Niñxs Diversxs von Susy Shock könnte uns einen Hinweis geben. 

Susy Shock sagte, dass es in dem Lied darum geht, eine Welt aufzubauen, die Hoffnung für die nach uns aufwachsenden trans Kinder birgt. Wir tragen eine kollektive Verantwortung dafür, dass die Kinder von heute und die, die in Zukunft geboren werden, sich frei ausdrücken und ihre eigenen Entscheidungen treffen können. Das Schlaflied beginnt: „Esta noche no tengo miedo“, Heute Nacht fürchte ich mich nicht. Transmenschen und BIPOC Sexarbeiter:innen haben sich im Kampf um nicht verhandelbare Menschenrechte und Veränderungen beharrlich den Ängsten der Gesellschaft gestellt, obwohl sie von der LGBT+-Bewegung immer wieder im Stich gelassen wurden. Dank ihres Engagements, mit dem sie für uns alle gekämpft haben, konnten wir immer wieder Fortschritte erzielen. 

Und vielleicht sind wir es Transmenschen und unseren Kindern schuldig, unsere eigenen Ängste und Projektionen beiseite zu legen und zuzuhören. Von dem Wissen und den Erfahrungen derer zu lernen, die uns vorausgegangen sind, sie ernst zu nehmen und ihre Selbstbestimmung zu unterstützen. Die Community-Organisatorin und Patin der Black-Lives-Matter-Bewegung Ceyenne Doroshow unterstreicht dies: „Ihr seid es jeder trans Frau vor euch und jeder nach euch schuldig, in Bewegung zu bleiben und weiter voranzuschreiten. […] und es ist wichtig, dass wir alle eine Chance bekommen, uns zu entfalten.“ Der Aufbau einer Welt der Hoffnung und der Würde für alle unsere Kinder erfordert, dass wir uns in einer Solidarität, die echte Gleichberechtigung, Koalition, Überleben und Heilung anstrebt, engagieren. Die Assimilierung an einen Status quo, der von uns erwartet, dass wir einander verraten, um voranzukommen, wird das Stigma nur aufrechterhalten. Es gibt etwas über die Mechanismen von Macht und Relationalität zu sagen.

Und so hat es das kleine Fläschchen mit der Magie aus dem Bus zu seiner rechtmäßigen Besitzerin geschafft. Sie wickelt nun ihre eigenen Finger um das Fläschchen und wird ihren Körper verwandeln. Umgeben von einer Gemeinschaft, die sich um sie kümmert. Sie beginnt, neu geboren zu werden. 

„Esta noche no tengo miedo. Ay que se escriba ese cuento, bien grande, bien tibio. Ay, que nos arme un paisaje de un mundo más digno. Chiquito, Chiquita. Chiquito, Chiquita.“

„Heute Nacht fürchte ich mich nicht. Ach, dass sie sich schreibe, diese Geschichte, die so große, die so warme.. Ach, dass sie sei Landschaft einer würdigeren Welt. Chiquito, Chiquita. Chiquito, Chiquita.“