Ausstellungsansicht „Unzensiert. Annegret Soltau – Eine Retrospektive“, Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz

Mitten in Frankfurt am Main hat das Städel Museum seine lang erwartete Retrospektive Unzensiert: Annegret Soltau – Eine Retrospektive (8. Mai bis 17. August 2025, kuratiert von Svenja Grosser) eröffnet, eine umfassende Hommage an eine der kompromisslosesten feministischen Stimmen Deutschlands. Mit mehr als achtzig Werken aus über fünf Jahrzehnten bietet diese Ausstellung eine taktile, beunruhigende und tief nachhallende Bildsprache, die Fragen nach Identität, Erinnerung und Transformation miteinander verbindet. Diese Retrospektive ist nicht nur eine Gelegenheit, Soltaus Werk zu entdecken, sondern auch eine seltene Begegnung mit einem Gesamtwerk, das unsere Selbstwahrnehmung – innerlich wie äußerlich – hinterfragt und dessen Themen den Kern der zeitgenössischen queeren und feministischen Erfahrung treffen.

Soltau, 1946 in Lüneburg geboren, hat den Körper stets als Schlachtfeld und Leinwand genutzt. Am bekanntesten ist sie für ihre charakteristische Technik, schwarze Fäden in Fotodrucke einzunähen. Sie ist vor allem dafür bekannt, dass sie ausdrucksstarke, fragmentierte Bilder von sich selbst schafft, oft mit fest verschnürtem Gesicht, die eine unangenehme, aber magnetische Konfrontation mit dem Selbst erzeugen. Diese genähten Porträts sind nicht nur verstörend, sie fordern auch eine Abrechnung und stellen den Druck gesellschaftlicher Rollen und persönlicher Traumata auf der Haut dar. Ihre frühe Serie „Selbst“ ist besonders symbolträchtig: teilweise verdeckte Augen, verschlossene Lippen, verzerrtes Gewebe, fadenartige Narben. Es handelt sich nicht um eine weit hergeholte Metapher – es ist sowohl Wunde als auch Naht.

Doch Soltaus Arbeit bleibt nicht an der Oberfläche. In „Vatersuche“ dokumentiert sie ihre persönliche Suche nach der Identität ihres Vaters, den sie nie kennengelernt hat – ein anonymer Soldat aus dem Zweiten Weltkrieg –, indem sie Fragmente von offiziellen Dokumenten, von Behördenschreiben und aus dem Familienarchiv buchstäblich zu ihrem eigenen Bild zusammennäht. Das Ergebnis ist eine beeindruckende und intime Meditation über Vererbung, Schweigen und Abwesenheit, die an von Nachkriegstraumata geprägte Kulturen anknüpft. Doch es handelt sich hierbei nicht um Nostalgie oder Melancholie – es ist Konfrontation. Ihr Ansatz betont, dass wir unsere Abstammung nicht nur über Blut oder Biologie zurückverfolgen sollten, sondern auch über das, was verborgen, geleugnet und abgeschnitten wurde.

Andere Serien, wie beispielsweise „Generativ“, folgen diesem Faden der generationsübergreifenden Spannung und Empathie und verschmelzen Porträts von Soltau mit ihrer Tochter, ihrer Mutter und ihrer Großmutter. In diesen hybriden Gesichtern fließt die Vergangenheit in die Gegenwart und die Zukunft in die Vergangenheit. Jedes Gesicht ist eine Konstellation von Frauen, die über die Zeit hinweg miteinander verwoben sind und die Frage aufwerfen, welche Teile von uns selbst vererbt und welche erfunden sind. Der Körper ist kein stabiles Archiv – er verändert sich, bricht zusammen, baut sich wieder auf. Identität, so scheint Soltau zu sagen, ist ein generationsübergreifendes Patchwork, das wir tragen, ohne zu wissen, wie es zusammenpasst.

Was diese Retrospektive für ein queeres Publikum besonders spannend macht, ist die Art und Weise, wie sie den Begriff der Identität selbst zerlegt und neu zusammensetzt. In „Female & Trans Hybrids“ experimentiert Soltau mit digitaler Manipulation und schafft zusammengesetzte Körper, die sich festen Kategorien entziehen. Diese Porträts – teils Selbst, teils Andere – existieren irgendwo zwischen Geschlechtern, Geschichten und Technologien. Weder ganz Frau noch ganz Mann, weder Vergangenheit noch Zukunft, flackern diese Figuren zwischen Realitäten hin und her: was wäre, wenn unsere Körper keine Wahrheiten, sondern Möglichkeiten wären? In einer Zeit, in der Geschlechterbinaritäten öffentlich hinterfragt, gesetzlich bekämpft und neu befreit werden, erscheinen Soltaus Hybride als Vorläufer einer fließenden, verkörperten Denkweise, wie sie Queerness erfordert. Ihr Feminismus ist nicht didaktisch, sondern elastisch und experimentell – offen für die sich wandelnden, zusammengesetzten Realitäten gelebter Erfahrung.

Ihre Verwendung des Nähens – traditionell als weibliche, häusliche Arbeit identifiziert– ist besonders kraftvoll. Sie macht es zu einer Waffe, fordert es zurück, lehnt aber ihreUrsprünge nicht vollständig ab. Der Akt des Nähens wird sowohl gewalttätig als auch zärtlich, eine Handlung der Fürsorge und der Einschränkung. Die Spannung wird nie aufgelöst. Ihre Werke fühlen sich in unseren aktuellen queeren Dialogen zu Hause – dort, wo Sanftheit politisch ist, wo Identität etwas ist, das ständig von der Welt um uns herum gebunden und gelöst wird.

In einer Zeit, in der Geschlechterbinärität öffentlich hinterfragt, gesetzlich bekämpft und wieder aufgehoben wird, wirken Soltaus Hybride wie Vorläufer jener fließenden und verkörperten Denkweise, die Queerness erfordert.

Ich glaube, es ist mittlerweile kaum zu übertreiben, wie sehr mich dieses Kunstwerk anspricht, und ich bin überzeugt, dass diese Ausstellung jedem Menschen, der bereit ist, nach Frankfurt zu reisen, mehr als nur eine Reise über die Grenze bietet – sie ist eine Einladung, über die Systeme nachzudenken, die uns geprägt haben. In Luxemburg, wo die Sichtbarkeit von queeren Menschen wichtige Fortschritte gemacht hat, bleiben Fragen der Identität, Tradition, Familie und des Geschlechts dennoch unangefochten. Soltaus Werk hält uns einen Spiegel vor, aber einen, der zerbrochen, zerfurcht und völlig unzensiert ist. Es fordert uns auf, uns mit dem Unbehagen auseinanderzusetzen, die Schönheit in der Fragmentierung zu sehen und zu erkennen, dass wir uns immer in einem Prozess des Werdens befinden.

Die Retrospektive im Städel ist nicht nur eine Ausstellung – sie ist ein Archiv des Werdens, eine Karte der Brüche und Reparaturen. In Soltaus Händen sprechen Fotografie, Faden und Haut eine Sprache, die wir vielleicht nicht vollständig verstehen, aber instinktiv spüren. Sie bietet keine endgültige Antwort – nur die Einladung, unsere eigene Präsenz weiter zu nähen.