Die European Pride Organizers Association (EPOA) mit Sitz in Brüssel ist ein Netzwerk, das Pride-Organisator:innen aus ganz Europa zusammenbringt – von Polen bis zum Vereinigten Königreich, von der Türkei bis Luxemburg. Die Hauptaufgabe der EPOA besteht darin, den Austausch von Wissen, Ressourcen und Solidarität unter ihren Mitgliedern zu fördern. Darüber hinaus fungiert sie als politische Stimme auf EU-Ebene, indem sie sich für die Rechte von LGBTIQ+-Menschen einsetzt und die EuroPride, die etablierte paneuropäische Pride-Veranstaltung und der Treffpunkt für die queere Community, die jedes Jahr in einer anderen Stadt stattfindet, koordiniert.

Der scheinbar unvermeidliche Anstieg des Rechtspopulismus in ganz Europa, die Verbreitung von Anti-LGBT+-Narrativen und Hetze sowie die daraus resultierende gezielte Gewalt gegen queere Menschen, insbesondere Trans-Personen, haben jedoch den Druck auf die grundsätzlich festliche Veranstaltung weiter erhöht. Nach der diesjährigen EuroPride, die Ende Juni in Lissabon stattfand, sprach queer.lu mit dem EPOA-Präsidenten Patrick Orth über die Verschlechterung der LGBTIQ+-Rechte in ganz Europa, Pride-Verbote und die dringende Notwendigkeit kollektiven Widerstands – aber auch über etwas, das vielleicht noch wichtiger ist: Hoffnung.

queer.lu: ILGA Europe ist eine der führenden europäischen Dachorganisationen für die Rechte queerer Menschen. In ihrem jüngsten Bericht, der zusammen mit der Rainbow Map veröffentlicht wurde, erklärte die Direktorin für Advocacy, Katrin Hugendubel, dass wir Zeug:innen „eines koordinierten globalen Backlashs sind, der darauf abzielt, LGBTI-Rechte auszulöschen“. Wie bewertet die EPOA die aktuelle Situation in Europa?

Patrick Orth: Was wir erleben, ist ein Angriff auf die Meinungs- und Versammlungsfreiheit. Und es sollte nicht nur queere Menschen beunruhigen, sondern jede:n, der:die in einer Zivilgesellschaft lebt in der eine Regierung grundlegende Menschenrechte zu beschneiden beginnt. Ich glaube, die Europäische Union sollte sich mehr Sorgen darüber machen, dass diese Rechte innerhalb ihrer eigenen Grenzen angegriffen werden. Es schockiert mich, wie schweigsam Europa, oder genauer gesagt die Europäische Kommission, derzeit ist. Sie haben ein paar wirklich nette Dinge gesagt, aber es sind keine wirklichen Taten gefolgt. Ich begrüße es, dass einige Mitglieder des Parlaments versucht haben, die Finanzmittel für Ungarn einzufrieren. Und wir haben gesehen, dass dieser Ansatz funktionieren kann – denken Sie an die LGBT-freien Zonen in Polen. Als die EU die Mittel für Polen einfror, verschwanden diese Zonen plötzlich. Ich denke, das ist das Mindeste, was die EU tun sollte, um ihre Unterstützung zu zeigen.

Wenn ich mir den ILGA-Bericht ansehe, bin ich nicht über die Länder am unteren Ende der Rangliste überrascht, denn die waren mehr oder weniger schon immer dort. Für mich ist eines der alarmierendsten Dinge, dass das Vereinigte Königreich nicht mehr im grünen Bereich liegt. Es ist in den orangefarbenen Bereich zurückgefallen, weil es dort einen backlash gegen die Rechte von Trans-Personen gibt. Wir dürfen nicht vergessen, dass das Vereinigte Königreich vor 10 oder 15 Jahren auf der Rainbow Map führend war. Jetzt fällt es jedes Jahr tiefer und tiefer. Die Rechte von Trans-Personen im Vereinigten Königreich sind jetzt per Gesetz bedroht. Der Oberste Gerichtshof hat entschieden, dass eine Frau nur dann eine Frau ist, wenn sie bei der Geburt weiblich zugeordnet wurde. Für mich ist das noch schockierender als die Tatsache, dass in einer Diktatur wie Russland  Schwulen und Lesben die Rechte immer noch völlig verweigert werden.

Sie haben auch die Situation in Ungarn angesprochen. Wie haben die nationalen Organisator:innen und die EPOA auf den zunehmenden politischen Druck, nachdem Pride-Veranstaltungen in Ungarn verboten wurden, reagiert?

Wir haben uns sofort mit den Aktivist:innen, die vor Ort arbeiten, getroffen und gefragt, wie wir sie unterstützen können – was braucht ihr von uns? Die zwei wichtigsten Dinge, die sie brauchen, sind Sichtbarkeit und Geld. Das gilt für fast alle: Was sie am meisten brauchen, ist Sichtbarkeit, und um das zu erreichen, brauchen sie oft Geld. Deshalb versuchen wir jetzt, unsere Mitglieder zu erreichen und sie zu fragen, ob sie Budapest Pride Geld spenden können, um sie zu unterstützen. Die allgemeine Situation ist die, dass viele Unternehmen, vor allem die aus den Vereinigten Staaten, ihre Unterstützung kürzen. Viele Prides in Osteuropa wurden früher von US-Botschaften unterstützt, aber diese Unterstützung wurde jetzt ganz eingestellt.

Wir arbeiten auch daran, das Bewusstsein zu schärfen, mit Politiker:innen in Kontakt zu treten und die Menschen zu mobilisieren, am 28. Juni nach Budapest zu fahren, trotz des von Orbán verhängten Verbots und all der Drohungen, die er ausspricht. Wir haben die Budapest Pride auch mit anderen Prides in unserem Netzwerk, die Erfahrung mit der Organisation unter ähnlichen Umständen haben, in Kontakt gebracht. Einige dieser Erfahrungen liegen zwar schon ziemlich lange zurück, aber das EPOA-Netzwerk verfügt dennoch über eine Menge wertvolles Wissen.

Wie ist der aktuelle rechtliche Status des Pride-Verbots in Ungarn? Ist es rechtmäßig, Pride-Veranstaltungen zu verbieten? Besteht die Befürchtung, dass in anderen europäischen Ländern ähnliche Maßnahmen ergriffen werden könnten? Und wie sieht die Zukunft für das Grundrecht auf Protest aus?

Dies ist ein Angriff auf Grundrechte wie die Rede- und Versammlungsfreiheit. Ich denke, die Europäische Union kann dieses Verbot nicht zulassen. Nicht nur, um Unterstützung für die queeren Communities in Ungarn zu zeigen, sondern auch, um deutlich zu machen, dass es nicht Sache des Staates ist, zu entscheiden, wofür Menschen demonstrieren dürfen.

Ich bin sehr besorgt, dass, wenn die EU hier nicht Stellung bezieht, andere Länder folgen könnten, weil sie sehen werden, dass sie im Grunde tun können, was sie wollen. Wenn wir uns zum Beispiel Bulgarien oder andere Länder in der Europäischen Union ansehen, die weiter nach rechts rücken, könnten sie, wenn sie sehen, dass Ungarn tun darf, was es gerade tut, dies als Signal verstehen, dass sie dasselbe tun können. Dieses Gesetz ist so eindeutig rechtswidrig. Es verstößt gegen alles, worauf wir uns als Union geeinigt haben, und ich kann einfach nicht glauben, dass es Bestand haben wird.

Ungarn hat viel Aufmerksamkeit für seine fortgesetzten legislativen Angriffe auf die Rechte von queeren Menschen erhalten. EU-Mitgliedsstaaten wie Rumänien, Polen und, wie Sie jetzt erwähnt haben, Bulgarien rangieren jedoch auf der ILGA-Europe Rainbow Map noch weiter unten. Wie gehen Sie als Pride-Veranstalter mit diesen Herausforderungen und Risiken um?

Wir machen im Grunde das Gleiche wie in anderen Ländern, aber das Schlimme daran ist, dass es nicht nur diese eine Krise, auf die wir uns konzentrieren müssen, gibt, sondern viele. Und wir arbeiten daran, diese Krisen sichtbar zu machen. Nehmen wir zum Beispiel Bulgarien. Das Land steht kurz davor, einen ähnlichen Weg einzuschlagen wie Ungarn. Als ich mich mit Aktivist:innen dort unterhalten habe, sagten sie mir, dass sie noch nie sehr sichtbar waren, weil queere Menschen in Bulgarien nie sehr viele Rechte hatten. Es gibt kein Antidiskriminierungsgesetz, keine Schutzmaßnahmen, also gibt es nur sehr wenig, was man ihnen wegnehmen kann.

Als wir nach dem Beginn der Invasion die Aufmerksamkeit auf die Ukraine richteten, konnten wir über 100 000 Euro für unsere Mitglieder dort sammeln. Damals wie heute brauchen sie vor allem Geld für den Wiederaufbau, für die Sicherheit der Freiwilligen und für die Unterstützung der Menschen, die zu ihnen kommen. Ich hoffe, dass wir auch weiterhin die Aufmerksamkeit dorthin lenken können, wo sie gebraucht wird, insbesondere in Osteuropa. Nach Belgrad 2022 hoffe ich wirklich, dass wir die EuroPride wieder in die Region bringen können, denn sie ist eine der größten Menschenrechtsveranstaltungen in Europa, die sich den queeren Menschen widmet.

Ich denke, wir dürfen die Macht eines starken Netzwerks nicht unterschätzen. Wenn ein Problem auftritt, weiß das Mitglied, dass es wahrscheinlich ein anderes Mitglied gibt, das ein ähnliches Problem hatte und eine Lösung gefunden hat. Diese Art des unmittelbaren Zugangs, einfach zum Telefon zu greifen, in die WhatsApp-Gruppe zu schreiben oder persönlich Kontakt aufzunehmen, ist unglaublich wertvoll. Das ist es, was dieses Netzwerk funktionieren lässt. Die Prides in Osteuropa zum Beispiel sind seit langem das Ziel von Hooligans und Nazis. Ich erinnere mich an ein Jahr in Prag, als die Leute mit riesigen Engelsflügeln an der Spitze marschierten. Als die Nazis an der Strecke standen, versperrten diese „Engel“ ihnen die Sicht, so dass sich die Teilnehmer:innen sicherer fühlen konnten. Von solchen kreativen, communitybasierten Reaktionen lernen wir und tragen sie weiter. Das ist die eigentliche Kraft des Netzwerks – Menschen, die sich verbinden, sich treffen, Erfahrungen austauschen und gemeinsam Lösungen finden. Ich glaube wirklich, dass dies das Sinnvollste ist, was wir tun können. Meiner Meinung nach ist es sogar wichtiger als die EuroPride.

Außerhalb der EU beobachten wir vermehrt Angriffe auf die Rechte von queeren Menschen in Ländern wie Russland, Aserbaidschan und der Türkei – die alle in der ILGA- Europe-Rangliste am schlechtesten bewertet wurden. Wie verfolgt EPOA die Entwicklungen in diesen Ländern und wie geht die Organisation damit um?

Wir haben keine Mitgliedsorganisationen in Russland. Wir haben keine Mitgliedsorganisationen in Aserbaidschan, und wir hatten auch nie welche. Wir haben ein studentisches Verbandsmitglied in der Türkei. Die Situation in Russland und Aserbaidschan liegt wirklich nicht in unserer Hand, denn wir sind darauf angewiesen, was uns die Menschen vor Ort berichten. Und wenn es niemanden gibt, mit dem wir in Verbindung stehen, dann ist es schwer zu wissen, was wirklich passiert. Natürlich ist es äußerst besorgniserregend – absolut katastrophal. Aber ohne Mitglieder vor Ort können wir die Situation nicht richtig einschätzen.

Was die Türkei betrifft, so weiß ich, dass meine Kollegin Isabel, unsere Menschenrechtskoordinatorin, mit unseren dortigen Mitgliedern in Kontakt steht. Wir haben uns getroffen und versucht, ein Gefühl dafür zu bekommen, was dort los ist. Und die Situation ist ganz anders als in Ungarn. Denn in Ungarn richtet sich der Angriff gezielt gegen die Pride. Was gerade in der Türkei passiert, ist auf einer ganz anderen Ebene – katastrophal, weil es einen Angriff auf alle Bürger:innen des Landes darstellt. Es greift jede Art von Meinungs- und Versammlungsfreiheit an. Wenn politische Gegner inhaftiert werden, nur weil sie für die Regierenden unbequem sind, dann ist das eine ganz andere Art von Krise.

Erst vor ein paar Tagen erhielt ich eine E-Mail aus der Türkei, in der aufgelistet wurde, wie wir helfen können. Und wir werden alles tun, was wir können. Wir werden auf der bevorstehenden Menschenrechtskonferenz darüber sprechen und ihnen eine Plattform bieten, damit sie persönlich mit anderen in der Bewegung sprechen können. Wir versuchen auch, sie mit Prides in ganz Europa in Verbindung zu bringen, damit sie sichtbar werden, eine Plattform bekommen und berichten können, was gerade passiert. Das ist es, was wir tun können, und das ist es, was wir tun.

Haben Sie ähnliche Muster in der Art und Weise, wie diese Regierungen gegen Pride-Veranstaltungen und queere Communities vorgehen, festgestellt? Und was haben Sie in Bezug auf den Widerstand beobachtet – wie wehren sich die lokalen Communities?

Meistens beginnt es damit, dass das Thema in den Schulen verboten wird. Damit fängt es immer an, und es geschieht immer unter dem Deckmantel des Kinderschutzes. Die Leute wollen Kinder schützen. Ich meine, ich möchte Kinder auch schützen, das ist keine schlechte Sache. Aber sie benutzen dieses Argument, um queere Menschen als Gefahr für Kinder darzustellen. Und das passiert überall. So fing es auch in Ungarn an. Was sie wirklich versuchen, ist, die Sichtbarkeit von queeren Menschen zu reduzieren.

Die USA tun dies im Moment auf sehr bemerkenswerte Weise. Sie versuchen, die Geschichte queerer Menschen auszulöschen. Sie versuchen, Trans-Personen einfach auszublenden, indem sie sagen, dass es sie nicht gibt, obwohl wir alle wissen, dass es sie gibt. Wir sehen sie. Wir wissen, dass sie hier sind. Aber trotzdem versuchen sie, etwas anderes zu behaupten. Das ist das Muster, würde ich sagen – der Versuch, ihnen die Sichtbarkeit zu nehmen. Das ist es, was überall passiert. Und die ersten in der Schlange – die ersten, die von den Politiker:innen ins Visier genommen werden – sind Trans-Menschen. Trans-Menschen sind immer die Ersten, die mit Backlash konfrontiert werden.

Wie hat sich die Rolle der Pride in den letzten Jahren gewandelt, insbesondere im aktuellen politischen Klima?

In den letzten Jahren konnten wir deutlich beobachten, dass die Zahl der Prides überall zunimmt. Auch die Beteiligung ist in vielen Städten sehr stark gewachsen. Und das zeigt, dass es einen Bedarf gibt. Die Leute würden nicht hingehen, wenn sie es nicht für sinnvoll hielten. Die Pride ist nach wie vor eine Erfolgsgeschichte. Schauen Sie sich zum Beispiel Deutschland an. Letztes Jahr wurde dort ein Selbstbestimmungsgesetz verabschiedet – das heißt, die Menschen können ihr Geschlecht und ihren Namen selbst bestimmen. Ein großer Erfolg. Und das wäre ohne den Druck von unten nie passiert. Im Jahr davor hat Griechenland die Ehe für alle anerkannt, und nicht nur das, sondern das ganze Paket: Leihmutterschaft, Adoption, alles. Und auch dies ist dem Druck der Straße zu verdanken. Ich sage es noch einmal: Wir werden am 28. Juni in Budapest demonstrieren, trotz des rechtswidrigen Verbots durch Viktor Orbán. Denn die Pride kann man nicht verbieten. Das ist ein Grundrecht.

Und was wir jetzt in der Politik, aber auch in der Zivilgesellschaft beobachten, ist der Wunsch, in eine sogenannte „behagliche“ Vergangenheit zurückzukehren. Eine Zeit, in der alles, was die eigene Weltanschauung in Frage stellte, ignoriert werden konnte. Die Pride ist wichtiger denn je. Sie verbieten die Pride, weil sie wissen, wie mächtig sie ist. Sie wissen, was sie den Menschen bringt – den Mut, auf die Straße zu gehen, sie selbst zu sein, andere zu treffen und sich als Teil einer Community und nicht als Outsider zu fühlen. Und weil sie anderen Menschen zeigt, dass sie keine Angst zu haben brauchen, wenn sie zusammen sind. Ich denke, deshalb ist es wichtiger denn je, die lokalen Prides zu besuchen, um zusammenzukommen. Auch um eine:n Freund:in oder eine Person zu finden, mit der man den Rest des Jahres verbringen kann, um sich zu amüsieren, eine gute Zeit zu haben und neue Energie zu tanken. Denn in Ihrem Alltag sind Sie wahrscheinlich nicht immer von aufmunternden Queers umgeben. Aber die Pride gibt dir das. Und ich glaube wirklich, dass sie in jeder Hinsicht eine starke Wirkung hat.

Vielen Dank für dieses aufschlussreiche Interview, Patrick Orth.