Made with AI; Prompt : „Wie würde Christina von Schweden wohl heutzutage aussehen?”
Historically Queer
In dieser Kolumne blicken wir auf queere Geschichte(n) zurück, sowohl auf persönliche Anekdoten, wie auch auf das Zeitgeschehen.
Falls du etwas dazu beitragen möchtest, dann melde dich bei uns: info@queer.lu
Auf der Suche nach einem neuen Beitrag für diese Rubrik, stieß ich vor Monaten schon auf eine Adlige aus dem 17. Jahrhundert: Königin Christina von Schweden. Nach einer längeren Recherche und der Lektüre von zwei verschiedenen Biografien, habe ich mich gefragt, wie diese Frau wohl ausgesehen haben mag. Es gibt eine ganze Reihe von Stichen und Gemälden von ihr, doch diese zeigen alle eine Frau, die mir nicht ganz realistisch erschien. Ich beauftragte die KI, mir zwei Bilder zu erstellen: Christina in jungen Jahren und Christina als ältere Frau. Damit war es mir endlich möglich, über eine Frau, die sehr progressiv dachte und handelte, zu einer Zeit, in der sich die Protestanten und Katholiken gegenseitig bekriegten (dreißigjähriger Krieg), zu schreiben. Sie ging in die Geschichte Schwedens als die Königin, die partout nicht heiraten wollte, ein.
Christina war das dritte Kind von Gustav II Adolf von Schweden und seiner Gemahlin Maria Eleonora von Brandenburg. Die Eltern hatten sich nach dem Verlust von zwei Töchtern einen Sohn gewünscht, und die Astrologen hatten es zuverlässig verkündet. Man hielt das Kind auch anfangs für einen Knaben und der Jubel darüber erfüllte den ganzen Palast. Die Enttäuschung war umso größer, als man den Irrtum bemerkte. Gustav II fasste sich schnell und äußerte die Worte: “Wir wollen Gott danken; ich hoffe, daß diese Tochter mir einen Knaben reichlich ersetzen werde und bitte, daß er sie mir erhalte, wie er sie mir gegeben hat.”
Frühes Porträt von Christina von Schweden um 1640 (Gemälde eines unbekannten Hofmalers); Projekt Gutenberg.
Damit war das Schicksal der kleinen Christina so gut wie besiegelt. Der König ließ sie wie einen Prinzen erziehen und nahm sie schon als Kleinkind regelmäßig auf militärische Exerzitien mit. Als Christina 3½ Jahre alt war, zog Gustav im Mai 1630 in den Dreißigjährigen Krieg. Vor seiner Abreise hatte Gustav alle Angelegenheiten seines Landes und seiner Familie geregelt und seine Tochter als einzige Erbin und, im Falle seines Todes, als “König” (!!!) von Schweden anerkennen lassen. Die Prinzessin sollte alles lernen, was ein Fürst wissen müsse.
In Christinas späteren Aufzeichnungen stand folgendes: »Der König hat allen meinen Vorgesetzten befohlen, mir eine ganz männliche Erziehung zu geben und mich in Allem zu unterweisen, was ein junger Fürst wissen müsse, um würdig zu regieren. Er erklärte ausdrücklich, daß [sic] man mir durchaus keine Empfindung meines Geschlechtes einflößen solle, mit einziger Ausnahme der Züchtigkeit und Bescheidenheit. Im übrigen sollte ich nach seinem Wunsche ein Prinz sein und in allem unterrichtet werden, was sich für einen Prinzen geziemt. Und hierin war es, wo meine Neigungen seinen Absichten so wunderbar entgegenkamen, denn ich hatte einen Widerwillen und einen unbesiegbaren Abscheu gegen alles, was Frauen tun und sprechen.« In Männerkleidung lernte sie reiten, fechten und den Waffengebrauch.
Anderthalb Jahre später, als Christina fünf Jahre alt war, fiel Gustav II. auf dem Schlachtfeld. Axel Oxenstierna, den Gustav II. während seiner Abwesenheit als Reichskanzler eingesetzt hatte, blieb auf seinem Posten und regelte weiterhin die Regierungsgeschäfte, bis Christina endlich alt genug war, sie selbst zu übernehmen. Erzogen wurde sie nicht von ihrer Mutter Maria Eleonora, sondern von ihrer Tante, der Schwester von Gustav II., da dieser schon zu Lebzeiten bemerkt hatte, dass seine Gemahlin nicht dafür geeignet war und Christina nur verweichlichen würde. Nach dem Tod des Königs forderte Maria Eleonora die Erziehung ihrer Tochter zwar ein, doch nach kurzer Zeit entschieden alle Mitglieder der Reichskanzlei dagegen.
Christina wurde zu einer wissbegierigen Schülerin. Das ließ alle hoffen, sie würde eines Tages eine kluge und weise Herrscherin werden. Mit zehn Jahren konnte sie bereits Schwedisch, Lateinisch und Deutsch. Später kamen noch Französisch, Spanisch und Italienisch dazu. Alle anderen Fächer, wie Mathematik, Philosophie, Astronomie und Physik, verschlang sie genau so. Sie hegte eine große Zuneigung zu all ihren Lehrern, aber vor allem zu Axel Oxenstierna, den sie in ihren Memoiren wie einen Ersatzvater beschrieb. Auch die anderen Regierungsmitglieder waren ihr sehr angetan und wollten sie bereits mit 16 Jahren auf den Thron setzen, was sie aber ablehnte. Erst am 16. Dezember 1644, ihrem 18. Geburtstag, übernahm sie die Regierungsgewalt.
Ihre Zuneigung zu Oxenstierna erkaltete, weil sie verschiedener Meinung waren: Christina wollte aus dem Dreißigjährigen Krieg austreten und endlich Frieden für Schweden, was Oxenstierna nicht gefiel. Er war der Auffassung, dass Schweden für die Opfer, die es gebracht hatte, nicht ausreichend entschädigt worden war. Zudem hatte er im Hintergrund versucht, die Fäden so zu ziehen, dass seine Familie die Herrschaft von Schweden vollends übernehmen könnte und sein Sohn Johann Christina heiraten sollte, was ihn automatisch zum König von Schweden gemacht hätte. Denn Christina sollte zwar die Thronfolge antreten, aber nur unter der Bedingung, dass sie heiratete und damit die Majestätsgewalt an ihren Mann übergehen würde. Wie auch später gegen viele weitere Heiratsanträge, wehrte sie sich erfolgreich dagegen.
Wie Christina selbst mit brutaler Offenheit verkündete: „Ich könnte es nicht ertragen, wenn ein Mann mich so gebraucht, wie der Bauer seine Felder!“ Auch in ihren Memoiren gibt sie sich beim Thema Ehe zugeknöpft: „ Es ist mir nicht möglich zu heiraten, so verhält es sich. Über meine Gründe schweige ich.“ Das waren Sätze, die alle Welt schockierten und wilde Spekulationen auslösten.
Christina führte in den Jahren ihrer Herrschaft Schweden von einem barbarischen, nordischen Volk, zu einem kultivierten Land mit Bibliotheken und Museen. Sie griff tief in die Staatskasse, um Kunstschätze, Bücher und Gemälde zu kaufen und sogar eine Oper bauen zu lassen. Sie lud hoch angesehene Persönlichkeiten und Intellektuelle nach Schweden ein, unter anderem den französischen Philosophen René Descartes. Aber sie orderte auch einen riesigen Kunstraub an und plünderte die Stadt Prag all ihrer Schätze. Insgesamt führte sie ein freies, unkonventionelles Leben, das einer Frau, selbst einer hochangesehen, damals nicht zustand. Sie veranstaltete prunkvolle Feste, gab das Geld mit vollen Händen aus und scherte sich wenig um die Finanzen.
Als Christina 23 Jahre alt war, fand die offizielle Krönung mit allen Feierlichkeiten statt. Zu dem Zeitpunkt hatte sie aber schon insgeheim beschlossen, dass sie abdanken würde, denn der Druck, endlich einen Mann zu heiraten und Nachkommen zu gebären, wurde immer größer.
Fünf Jahre später, mit 28, verkündete sie, nebst ihrer Abdankung als Königin, auch ihre religiöse Konvertierung zum Katholizismus. Das protestantische Schweden war wie vom Donner gerührt. Christinas Vater Gustav Adolf war im Dreißigjährigen Krieg für den Protestantismus gefallen, und seine eigene Tochter wechselte nun zur Gegenreformation? Das war ein herber Schlag für die Schweden und die Protestanten und ein Gewinn für die Katholiken und den Papst. Das Ansehen der Königin fiel ins Bodenlose. Sie wurde als Ketzerin beschimpft, und es gab reichlich Schimpf und Schande aus vielen königlichen Häusern aus ganz Europa.
Wäre sie nicht eine Frau gewesen, die mit solchen [königlichen] Privilegien auf die Welt gekommen wäre, dann hätte man sie vermutlich als Hexe oder als Ketzerin verbrannt.
Ihren Nachfolger hatte sie auch bereits ausgewählt. Es sollte ihr Cousin Karl X. Gustav werden. Klug und mit eiserner Faust verhandelte sie mit dem schwedischen Reichsrat über eine Apanage. Als Königin (denn den Adelstitel Königin behielt sie) ohne Land, gedachte sie weiterhin, ein luxuriöses Leben in Rom zu führen. Heimlich ließ sie viele Luxusgüter vorab nach Rom schaffen.
Aus der Anfangszeit in Rom und bereits davor, stammen viele Briefe die sie an ihre Hofdame und wahrscheinlich Geliebte, Ebba Sparre schrieb: »Ich liebe dich über alles in der Welt, und ich hoffe, du glaubst mir, wenn ich dir sage: Mein Herz gehört dir ganz.«
»Ich kann dir nicht sagen, wie sehr ich dich vermisse. Jeder Tag ohne dich ist eine Ewigkeit. Du bist mein Trost, mein Licht, meine Freude.«
Aus politischen und gesellschaftlichen Gründen konnte Ebba Sparre Christina nicht nach Rom begleiten. Sie wurde mit Jakob Kasimir De la Gardie verheiratet – gegen ihren Willen, wie manche Quellen nahelegen. Die Ehe galt als unglücklich. Die Heirat war aber politisch vorteilhaft und band Ebba an den schwedischen Adel und machte es so gesellschaftlich und finanziell unmöglich, mit Christina zu gehen. Diese schrieb später über Ebba distanziert und desillusioniert in einem Brief: »Ich liebte sie mehr, als sie verdiente.«
In Rom wurde Christina vom Papst mit allen Ehren empfangen und lebte die ersten Jahre im Palazzo Farnese. Sie residierte dort als Gast Ranuccios II., des Herzogs von Parma. Hier gründete sie einen Dichterzirkel, die spätere Accademia dell’Arcadia, und gab jeden Mittwoch einen Empfang, sodass Adelige, Geistliche und Künstler Gelegenheit hatten, die Schönheiten des Palastes, die der Öffentlichkeit lange Zeit vorenthalten worden waren, zu bewundern.
Sie bot sich dem Politiker und Kardinal Mazarin als Diplomatin und Vermittlerin im damaligen spanisch-französischen Krieg an. Sogar Königin von Neapel und Polen wollte sie noch werden und es ging ihr bei all diesen Unternehmungen immer auch ums Geld. Sie bat mehrfach ihren Cousin Karl X. Gustav, ihr mehr Geld zu schicken und die Apanage zu erhöhen, denn Christina lebte verschwenderisch und war immer knapp bei Kasse. Sie blieb bis zu ihrem Lebensende Kunstmäzenin und Förderin von jungen Musikern. Sie gründete sogar ein Theater, in dem auch Frauen auftreten durften, ein absolutes Unikum. Sie nahm nie ein Blatt vor den Mund, was dem Vatikan und anderen kirchlichen Vertretern bei weitem nicht immer passte.
Der französische Kunstforscher Charles de Brosses beschrieb sie an ihrem Lebensende wie folgt: »Sie ist jetzt über 60 Jahre alt, sehr klein und ungemein dick. Ihre Stimme und ihr Gesicht sind männlich, mit einer starken Nase und großen, blauen Augen. Sie ist von angenehmer Mimik und überaus höflichem Wesen.«
Christina starb mit 62 Jahren in Rom und liegt im Petersdom begraben.
Sie wurde zu einer Art Heldin der queeren Bewegung und des Feminismus. War sie intergeschlechtlich? Die anfängliche Verwechslung bei ihrer Geburt und die Beschreibung von Charles de Brosses lassen diesen Schluss durchaus zu. Oder war sie lesbisch oder gar bisexuell? Die Liebesbezeugungen in den Briefen an ihre Hofdame sind ein Indiz dafür. Das Einzige, was man heute mit Sicherheit über sie sagen kann, ist, dass sie nicht genderkonform war und auch nicht so erzogen wurde.
»Zwischen Christina und unserer Zeit liegen dicke Schichten an Staub und Psychoanalyse«, sagte der schwedische Historiker Peter Englund über sie. Oder kurz zusammengefasst; nach 400 Jahren kann man die Fragen zu ihrem Geschlecht und ihrer Sexualität nicht mehr klären.
