Une marche qui devait pourtant marquer les 30 ans de la Budapest Pride. Die Hitze hatte Budapest schon bei Tagesanbruch erfasst. Ein wolkenloser Himmel ragte über der Stadt, wie eine trügerische Ruhe auf einem Hintergrund von unterschwelliger Spannung. Seit mehreren Tagen verstärkten die Behörden ihre Warnsignale: verschärfte Kontrollen, Provokationen in den Medien, Androhungen von Verboten. Die Regierung von Viktor Orbán blieb ihrer Linie treu und hatte alles unternommen, um diesen Marsch zu verhindern. Ein Marsch, der dennoch das 30-jährige Jubiläum der Budapest Pride markieren sollte.

Aber dieses Jahr hatte sich etwas geändert.

Vor Ort hatten die Organisator:innen der Budapest Pride nicht nachgegeben. Mit bewundernswerter Sorgfalt sorgten sie für Koordination, Sicherheit und politische Kohärenz. Die lokalen Behörden, insbesondere der Bürgermeister von Budapest, Gergely Karácsony, übernahmen ihre Verantwortung. Trotz der Versuche der Regierung Orbán, den Marsch zu verhindern, beschlossen sie, die Pride als städtische Veranstaltung beizubehalten, und machten damit deutlich, dass sich die ungarische Hauptstadt nicht der nationalen Propaganda beugen würde.

In diesem Kontext traf ich in Budapest ein, gemeinsam mit mehr als 70 Kolleg:innen aus dem Europäischen Parlament und mehreren nationalen Delegationen. Unsere gemeinsame Anwesenheit war keineswegs zufällig, sondern eine klare und bewusste politische Entscheidung: Wir schauen nicht weg, was Ungarn betrifft. Wir werden die ungarischen Aktivist:innen nicht allein gegen die illiberale Regierung kämpfen lassen.

Bei unserer Ankunft war die Lage klar. Die offizielle Rhetorik stellte erneut die „traditionellen ungarischen Werte” den „aus dem Westen importierten Ideologien” gegenüber. Die staatliche Propaganda bediente sich der gleichen Bilder: das Kind, das es zu schützen gilt, die Familie, die es zu verteidigen gilt, Homosexualität, die als gesellschaftliche Bedrohung dargestellt wird. Ein altes Rezept, aber ein gefährliches und wirksames.

Budapest Pride 2025 © Cini Fodor

Angesichts dieser Maschinerie organisierte sich der Widerstand. Zwei Tage lang nahmen wir an der Internationalen Menschenrechtskonferenz teil. Ein strukturierendes Treffen, das es ermöglichte, eine Bestandsaufnahme der Grundrechtsverletzungen in mehreren Mitgliedstaaten zu machen – allen voran in Ungarn. Lokale NGOs zeichneten ein unerbittliches Bild: zunehmende Kriminalisierung von Organisationen, Isolierung von LGBTIQ-Personen in ländlichen Gebieten, Zensur in den Medien, Instrumentalisierung der Justiz.

Über diese Bestandsaufnahme hinaus arbeiteten wir strategisch. Es war kein Treffen der Prinzipien, sondern ein strategischer Moment. Wir bekräftigen unseren Willen, EU-Mittel an die Einhaltung des Rechtsstaatsprinzips zu knüpfen. Wir erkannten den Bedarf an verstärkter operativer Unterstützung für bedrohte NGOs an. Und wir vereinbarten, Fälle von administrativer, juristischer oder medialer Schikane politisch zu verfolgen.

 Aber die Konferenz war nur ein Teilaspekt. Das Wesentliche spielte sich auf der Straße ab,  durch Begegnungen und Dialoge.

Budapest Pride 2025 © Cini Fodor

Wir haben Stunden mit der ungarischen Zivilgesellschaft verbracht: in unscheinbaren Vereinsräumen, auf Parkbänken, vor Community-Bars. Junge Menschen aus dem Osten des Landes sprachen über ihre Isolation. Mütter, Eltern, Großeltern und Sozialarbeiter:innen erzählten, warum sie sich zum ersten Mal entschlossen hatten, auf die Straße zu gehen. Weil sie schlichtweg genug hatten.

Mehrfach hörte ich denselben Satz: „Es geht nicht mehr nur um LGBTIQ- Belange. Es geht um die gesamte ungarische Demokratie.“ Und dieses neue, diffuse, aber  entschlossene politische Bewusstsein war während des gesamten Marschs zu spüren.

Budapest Pride Team On Stage © Beata Betfaldi

Um 15 Uhr startete der Zug vom Városháza-Park im Herzen der Hauptstadt. Schnell füllten sich die Alleen mit fast 200.000 Teilnehmer:innen. Es war keine unordentliche Menschenmenge, sondern ein strukturierter, zusammenhängender Zug, der Menschen jeden Alters, jeder Herkunft und jeder sozialen Schicht zusammenbrachte. Es war kein Marsch für Budapest von Budapest. Es war ein Marsch eines ganzen Landes.

Gruppen kamen aus dem Landesinneren Ungarns, aus Dörfern, in denen keine LGBTIQ-Sichtbarkeit toleriert wird. Kollektive waren aus mittelgroßen Städten angereist. Sie trugen die Farben der Pride, aber auch die eines Landes im Widerstand.

Was wir an diesem Tag sahen, ging weit über den Rahmen einer Demonstration hinaus. Es war eine seit langem zurückhaltende, seit langem schweigsame Zivilgesellschaft, die sich nun kollektiv zu Wort meldete. Es war der Beweis dafür, dass Ungarn nicht nur aus Orbán und seiner Regierung besteht. Dass die europäischen Werte in der Bevölkerung noch immer lebendige, starke Verankerungen finden.

Unsere Anwesenheit als Europaabgeordnete war nicht symbolisch. Sie war strategisch. Sie sandte eine Botschaft an diejenigen in Brüssel, die noch zögern zu handeln. An diejenigen, die im Namen des institutionellen Gleichgewichts das Inakzeptable tolerieren. An diesem Tag marschierten wir, um daran zu erinnern, dass Europa nicht nur ein Markt ist. Es ist ein Rechtsraum – und wenn diese Rechte mit Füßen getreten werden, haben wir die Pflicht, zu reagieren.

Wir hörten die Stimme der Ungar:innen, ihren Stolz, bei diesem Marsch wieder eine europäische Flagge zu sehen. Nicht weil unsere Anwesenheit alles gelöst hätte. Sondern weil sie zeigte, dass Europa sie sieht. Dass sie nicht allein sind. Dass ihr Kampf auch unser Kampf ist.

Marc Angel at Budapest Pride 2025 © Marc Angel Private Archive

Was in Budapest passiert ist, ist keine Nebensächlichkeit. Es ist kein gewöhnlicher Marsch unter vielen. Es ist ein politischer Wendepunkt, ein Umkehrpunkt im kollektiven Bewusstsein eines Volkes. Die Pride 2025 wird als der Moment in Erinnerung bleiben, in dem ein bedeutender Teil der ungarischen Bevölkerung offen Nein gesagt hat. Nein zur Angst. Nein zur Spaltung. Nein zur Propaganda. Und vor allem Ja zu einer anderen Vorstellung von Ungarn.

Entlang der gesamten Strecke, in Cafés, auf Gehwegen, an Kreuzungen, wurden die Gespräche lebhaft fortgesetzt. Die Stadt war von derselben Energie, demselben Atem durchdrungen. Diese Pride ging über die Forderungen der LGBTIQ-Community hinaus: Sie wurde zum Hebel und zum Auslöser eines größeren Kampfes.

Es war keine gewöhnliche Pride-Parade. Es war ein Moment der Wahrheit, ein kollektiver Wendepunkt, an dem die Gesellschaft sich bewusst wurde, was auf dem Spiel steht. An dem die Masken fielen. An dem die Menschen – am eigenen Leib, in ihrem Alltag – das wahre Gesicht von Orbán erkannten.

 An diesem Tag pulsierte Budapest im Rhythmus eines Marsches für Freiheit und Demokratie. Ein generationsübergreifender Marsch, bei dem sich junge Menschen, ältere Menschen, Verbündete und Mitglieder der LGBTIQ-Gemeinschaft gemeinsam ihre Verbundenheit mit der Rechtsstaatlichkeit bekräftigten.

Während ich marschierte, wurde mir klar: Jedes errungene Recht ist ein Schritt nach vorne. Und jeder Schritt zählt.