Es gibt kaum etwas Schlimmeres als das eigene Kind zu verlieren. Vor allem, wenn es die eigene Schuld ist. Fabère, ein Vater und Detektiv, hat das „Coming-out“ seiner transgender Tochter, Lara, nicht akzeptieren können. Diese hat sich deswegen das Leben genommen. Nun trauert er um sie und trägt ihre Stöckelschuhe, um wortwörtlich in die Schuhe der Anderen zu schlüpfen.
Dass transgender Menschen historisch öfters, wenn nicht immer, die „Anderen“ in jeglichen Medien sind, ist queeren Personen sehr wohl bewusst. Deswegen möchte ich diese Rezension von Tullio Forgiarinis Theaterstück Le Retour de Lucienne Jourdain (2022 Hydre Éditions) etwas anders angehen. Wichtig anzumerken: zwar ist der Autor ein cisgender Mann, Lara jedoch ist der einzige explizit genannte transgender Charakter, der mir als Doktorant in der Luxemburgistik im dritten Jahr in meiner Recherche untergekommen ist. Deswegen ist es umso wichtiger auch öffentlich in einem Magazin wie queer.lu über Trauer und transgender Identität zu schreiben.
Nun möchte ich diese Rezension so verfassen, dass mit dem “trope” des toten transgender Charakters, der nur für die Weiterentwicklung des Protagonisten existiert, kritisch gearbeitet wird. Umso mehr, da man die achtzehnjährige Lara an sich nicht zu Gesicht bekommt. Solange (Laras Mutter / Fabères Frau) und Fabère reden nur über sie, sodass sie narratologisch also anscheinend nur einen Zweck hat: den Ausdruck suizidaler Trauer gegenüber dem Patriarchen (hier Fabère). Ich möchte die folgende Frage etwas ruminieren lassen: Wie kann ein Mann sich vom Patriarchat distanzieren? Ob nun cis- oder transgender? Der Text lebt von diesem “trope”, was einige Probleme mit sich bringt. Hier gilt es eine Metaebene für cis-Männer, welche sich das Theaterstück anschauen / den Text gelesen haben und eine reine textbasierte Ebene für Fabère als cis-Mann innerhalb des Theaterstücks, zu thematisieren.
Wichtig zu betonen hier ist, dass sich eine männlich sozialisierte Person sehr wohl von patriarchalem Gedankengut verabschieden kann. Dies passiert auf der Metaebene des Theaterstücks, das so als “cautionary tale” dient. Die Nachricht lautet “sei nicht wie Fabère” und die Protagonistin, Lucienne, macht dies später ganz klar. Auf der reinen textbasierten Ebene mit Fabère gibt es keine Warnung, sondern eher eine Einladung zur eigenen Hinrichtung. Zum besseren Verständnis brauchen wir eine detailreiche Einsicht in das Leben von Fabère, Lara und Lucienne. Fangen wir mit dem Vater und der Tochter an.
Fabère orientiert sich an seiner Tochter Lara und versucht, sich vom Patriarchat zu distanzieren. Anders gesagt: ein cis-Mann nimmt sich hier ein Beispiel an einer trans-Frau. Die Frage ist dann… wie? Wie hört er ihr zu? Wie verändert er sich durch sie? Wie schaut der Weg, den sie hinterlassen hat, aus? Der Ansatz lautet: wegrennen.
Fabère läuft zwar in den Schuhen seiner toten Tochter herum, dennoch hat er noch einiges zu verstehen. Er läuft, gerade eben wegen der Scham und der Trauer, vor den Konsequenzen seines patriarchalen Denkens weg. Dies macht ihm Lucienne, die Frau im Rentenalter, welche er im Laufe des Theaterstücks interviewt, bewusst. Fabère ermittelt mehrere Mordfälle und Lucienne steht mit allen in Verbindung: ihr Mann, ein Autoverkäufer und ein junger Hotelarbeiter, der nebenher als Gigolo gearbeitet hat. Was er anfangs nicht weiß: Sie hat alle Drei umgebracht, was im Laufe des Theaterstücks immer offentsichtlicher wird.
Fabère dämmert dies auch, langsam aber sicher. Trotzdem drückt er die Ermittlung nicht weiter voran. Er versteht, dass sie keine Schuldgefühle für die Morde empfindet. Immerhin hat ihr Mann sie quasi ihr ganzes Leben lang unterdrückt und ihr jegliche Freuden genommen, der Autoverkäufer wollte sie für dumm verkaufen, und der junge, straffe Mann im Hotel hat sich vor ihrem älteren, eingesackten Körper geekelt. Auch gegenüber Fabère drückt sie Irritation aus.
Lucienne ist vor dem Patriarchat weggelaufen, geflohen, bis ihr als letzte Option, den Patriarchen direkt entgegen zu laufen, in anderen Worten, das Morden, blieb. Bis in ihre 60er rein wollte sie nicht wahrhaben, wie manipulativ und grausam ihr Mann zu ihr war. Gezwungenerweise wurde sie zur netten, nickenden, christlichen Hausfrau. Sie existierte für ihn, nicht für sich selbst. Sie war sein Schatten und nach ungefähr 40 Jahren Ehe lief das Fass auf einmal über.
In Luciennes Rage erkennt Fabère nicht nur die Rechtfertigung für die Morde, sondern auch die Kehrseite zu seiner Schamt. In Forgiarinis Werk lebt die Dualität. Ob Unterdrücker oder Unterdrückte, schlussendlich führt das Patriarchat zu einem von zwei Extremen; der tragische Tod einer Angehörigen gefolgt von Scham und Trauer oder eine Wut, die so tief sitzt, dass nur durch das Nehmen des Lebens der Unterdrücker der Lebenssinn wiedererlangt werden kann. Entweder übt man Gewalt aus, um sich befreien zu können oder man übt Gewalt aus, um die Unterdrückung aufrechtzuerhalten. In beiden Fällen ist das Handeln eine direkte, erzwungene und gar zwangsläufige Konsequenz.
Luciennes Situation erklärt die Kehrseite zu Fabères Beweggründen zur Ablehnung der Identität seiner Tochter Lara. Also kommen wir nun zurück zur ursprünglichen Frage; wie kann ein Mann sich vom Patriarchat distanzieren?
Der erste Ansatz zum Beantworten der Frage bleibt das Wegrennen. In Laras Fall ist diese Frage etwas komplexer, da sie sich als trans-Frau gegen das patriarchal Ideal des Mannes gestellt hat. Ärzte haben ihr die Männlichkeit und Maskulinität bei der Geburt aufgezwungen, da sie mit Penis geboren worden ist. Dies sollte aber nun nicht determinieren, was sie ist, beziehungsweise was sie nicht sein kann. Die Sozialisierung, die mit dem ihr bei ihrer Geburt zugewiesenen Gender einhergeht, hält sie nicht von ihrer Identität fern. Sie hat sich dem Problem der Identität mutig gestellt und sich vor ihrer Familie geoutet. So musste sie sich Fabère, dem Herrn des Hauses, stellen.
Allerdings waren die Konsequenzen dann doch zu groß, sodass sie schlussendlich weglaufen musste. Eine Art ihren Selbstmord zu interpretieren: Lara hat sich vor ihrem Vater, dem Patriarchen, versteckt. Symbolisch gesprochen, ist ihr Charakter das genaue Gegenteil von Lucienne. Zeitgleich muss man bedenken, dass die Zeiten anders für cisgender Frauen wie Lucienne als für transgender Frauen wie Lara, stehen. Vor allem hatte Lucienne als Erwachsene mehr Möglichkeiten zur Verfügung, um sich zu wehren. Und sie hat mehrere Jahrzehnte an tiefsitzender Wut mit sich rumgeschleppt. Lara hingegen war als knapp erwachsene Person von der Familie extremst abhängig, lebte bei ihren Eltern und die Unterstützung der Mutter genügte nicht, um sich am Leben festzuhalten. Dementsprechend muss ihre Entscheidung, den Freitod zu wählen, auch anders interpretiert werden als Luciennes Wahl der Gewalt.
Trotzdem könnten zutiefst negative Stimmen Laras Selbstmord als eine Art Feigheit wahrnehmen. Immerhin ist sie vor ihrer Verantwortung sich selbst gegenüber und vor ihrem Vater weggelaufen, und das definitiv. Dies entspricht einer häufigen medialen Darstellung des Selbstmords als “easy way out”. Jedoch gibt es noch eine weitere Seite des Suizids und ich glaube, aus tiefstem Herzen, dass dies auch die richtige Art ist, Laras Tod zu interpretieren: Der Freitod ist der einzige Tod, den man für sich selbst wählen kann, unter anderem aus politischen Gründen. Suizid kann und, in Laras Fall, soll, als politischer Akt gedeutet werden. Sie hat ihrem Vater den Zugang zu ihr und ihrem Leben verwehrt, weil er sie als Tochter, als eigenes Fleisch und Blut, verstoßen hat. Sie hat ihm auf direkteste Weise klar gemacht, was es bedeutet ein Patriarch zu sein: Minoritäten so zu unterdrücken, bis ihnen die Kraft ausgeht, um weiterzulaufen… weder im Kampf gegen das Patriarchat noch in der Flucht vor dem Patriarchen.
Nun läuft Fabère davon. Nicht nur davor, was er Lara angetan hat, sondern auch vor dem inneren Patriarchen. Und er geht in den Schuhen seiner Tochter, ihren Stöckelschuhen. So bedeutet der Freitod seiner Tochter für ihn einen Neuanfang in seiner Beziehung zu seiner Maskulinität. Was bedeutet es, ein Mann zu sein? Im zeitgenössischen Männerbild ist es nun nicht sehr maskulin, in Stöckelschuhen herumzulaufen. Es ist für Fabère aber, in der Abwesenheit seiner Tochter, der einzige Weg, um herauszufinden, wie sie sich eventuell gefühlt haben könnte. Also lässt er einen Teil seiner Maskulinität zurück, um Lara besser kennenzulernen. Ein erster, wenn auch winziger Schritt in Richtung erneute Selbsterforschung.
Er fängt jedoch nicht an, sich wie sie zu fühlen. Fabère ist immerhin nicht transgender. Allerdings bemerkt er, wie anstrengend es ist, in diesen Schuhen zu gehen. Auf einer praktischen Ebene, aber auch beispielsweise an Luciennes Reaktion auf seinen Auftritt. Ihre Tür war offen, er hat sich eines ihrer Kleider genommen und tanzt, in den Stöckelschuhen, mit dem Kleid als Tanzpartner. In dieser Szene bemerkt man Fabères Wunsch nach etwas Anderem, etwas weniger
Restriktivem als die patriarchalen Geschlechterrollen es von ihm erwarten. Lucienne ertappt ihn dabei. Sie mag das Kleid nicht mehr, er kann es behalten, meint sie. Er schämt sich etwas dafür, dass sie ihn so gesehen hat, sie lässt sich aber nichts anmerken. Man könnte sogar behaupten, es wäre ihr fast gleichgültig, beziehungsweise, sie sei froh, das Kleid endlich loszuwerden. Genau so hätte sich Fabère seiner Tochter gegenüber verhalten sollen. Und dies bringt uns nun zu Fabères eigener queeren Identität.
In der Ablehnung seiner Tochter steckt auch Selbstablehnung. Fabère, dem die Schuhe und das Kleid gefallen, vertraut sich der Femininität an. So distanziert er sich, dank Luciennes Hilfe und Güte, im Laufe des Theaterstücks mehr und mehr vom internalisierten Patriarchat. Fabère beginnt zu verstehen, dass er seine Identität als Mann behalten, aber das patriarchale Gedankengut, langsam aber sicher, abwerfen kann, dass, ob man sich nun feminin(er) oder maskulin(er) präsentiert, man Mann bleibt.
In einem Moment im Theaterstück wird sich Lucienne bewusst, dass der Detektiv ihr eigentlich in die Quere kommt. Sie tötet ihn jedoch nicht einfach, sondern erkennt, dass Fabère sich auf einem gewagten Weg der Selbstfindung und kritischen Introspektion befindet. Er ist nicht mehr ganz am Weglaufen, aber auch nicht ganz am Entgegenlaufen. Er tastet sich langsam aber sicher daran, was Genderidentitäten eigentlich sind und wie fluide diese sein können. Es ist auch in diesem Sinne, dass Fabère weiter gehen muss. Weg vom Patriarchat und in Trauer. Zeitgleich läuft er der Authentizität entgegen und lernt, sich selbst wie auch seine Tochter, etwas besser kennen. Auch dies passiert in Trauer. Denn es schmerzt immer, die alten Schuhe auszuziehen und sich neue anzueignen. Ja, es ist immer schwierig, das alte Ich zurückzulassen, und ein neues Ich anzunehmen.
Allerdings gibt es am Ende des Theaterstücks einen radikalen Umschwung, der an einzelnen Stellen im Laufe des Werkes bereits angedeutet wird.
Fabère erzählt Lucienne, dass seine Tochter sich wegen ihm das Leben genommen hat. Nun lehnt sie ihn ab und fordert ihn auf, sich zu erhängen. Luciennes Wut ist auch hier nachvollziehbar, Fabère, so fühlt man, hat es verdient. Immerhin hat er Lara in den Tod getrieben. Luciennes Motto lautet: wie du mir (oder den Meinen) so ich dir. Hier wird explizit eine wichtige feministische Verbindung zwischen cis-Frauen und transgender Personen dargestellt. So wird ein queerer Feminismus befürwortet. Narratologisch gesehen ist Luciennes Wut schlussendlich ein Plädoyer für radikale Empathie gegenüber Lara und transgender Menschen, die das gleiche Schicksal erleidet haben wie sie. Auf der rein textuellen Basis haben wir also nur für einen Teil des Theaterstücks das Problem, das Fabère sich verändern, sich verbessern möchte, aber eben erst nach dem Tod seiner Tochter, was den “trope” des toten transgender Charakters an sich thematisiert. Indem Lucienne seinen Freitod fordert und ihm nicht weiterhin ihre Hilfe anbietet, haben wir hier einen interessanten narratologischen Wandel. Über Luciennes Ablehnung von Fabère lehnt das Narrativ selbst seine Entwicklung ab. Er ist alleine mit seinem Problem und hat es alleine zu bewältigen, also hört das Theaterstück auch an dieser Stelle auf. Lucienne meinte auch ihm sei nicht zu helfen; deswegen auch der Vorschlag zum Selbstmord.
Jedoch: Wie zielführend ist Luciennes Umgang mit Fabère? Auf dem Niveau der Empathiefrage erreichen wir den Höhepunkt des Theaterstücks. Fabère möchte nicht weiter in einer patriarchalen und restriktiven Welt leben. Er möchte so frei sein wie Lucienne. Er will mit ihr weglaufen und sie nicht wegen der Mordfälle wegsperren. Er würde lieber sterben als von ihr alleine gelassen zu werden. Nun lässt Lucienne ihn alleine und Fabère kann nicht mehr laufen: weder vor sich selbst, noch vor seiner Verantwortung weg, noch in eine neue Welt. Er befindet sich nun in einer Situation, die mit Laras verglichen werden kann. Und die einzige Option die ihm, laut Lucienne, noch offen steht, ist der Suizid. So hat Lucienne ihm die Wahrheit offengelegt: Fabère zieht Laras Schuhe nicht an, um mehr über sie zu lernen, sondern um Vergebung zu finden. Lucienne hat Fabère also in Laras Lage hinein gezwungen und ihm gezeigt, was sie am Ende ihres Lebens wirklich gefühlt hat. Nun sitzt er da und stellt sich die Frage: Soll ich es tun, oder nicht? Da endet das Theaterstück.
Ich glaube, fest und zutiefst, dass Fabère sich nicht umbringen soll, da er eine Verantwortung zu tragen hat. Falls er sich das Leben nimmt, würde er “the easy way out” nehmen. Sein Freitod wäre kein politischer, sondern ein feiger Akt. So kann ich Luciennes Methode in Fabères Fall nachvollziehen, auch wenn ich sie nicht produktiv finde. Auf der Metaebene gilt Fabère als Charakter also, meiner Meinung nach, so zu interpretieren: ja, man kann sich als Mann verändern und sich vom Patriarchat entfernen. Wovon man allerdings nicht ausgehen sollte, ist Vergebung von denjenigen, die man unterdrückt hat.
images of Lucienne Jourdain
by Bohumil Kostohryz
