Ich war am 24. Januar 2025 auf den Straßen von Nürnberg in Deutschland unterwegs, in der Nacht, in der die AfD 20,8 % der Stimmen erhielt. Ich fragte mich, wie sich die Dinge wohl entwickelt hätten, wenn diese rechtsextreme Partei einen Erdrutschsieg errungen hätte, als ein Mann auf einem Fahrrad vorbeifuhr. Er sah mich an, zeigte mit dem Finger in irgendeine Richtung und rief: „Der Flughafen ist da“…
Ich lebe jetzt seit 2 Jahren in Luxemburg und frage mich oft, was mich überhaupt hierher gebracht hat. Ich bin nicht der typische Finanzfachmann aus Indien, der im Ausland lebt und das gute Leben genießt. Ich bin ein ganz normaler Mensch. Meine Karriere wurde durch den wirtschaftlichen Rückgang stark beeinträchtigt, und mein Lebensstandard ist erheblich gesunken. Ich zahle tausend Euro für eine kleine Wohnung, die ich mit homophoben Mitbewohner:innen teile. Als Einwanderer habe ich weniger Rechte als in einwanderungsfreundlicheren Ländern wie Kanada oder Australien. Ich spreche nur Englisch, und ich bin nicht weiß, was meine Möglichkeiten zusätzlich einschränkt.
Aber ich war bereit, all das zu ertragen, in der Hoffnung auf ein glücklicheres, freies Leben als Schuwler. Die allgemeine schwule lokale Community, die finanziell rechts steht, hat mir nichts als Verachtung und Rassismus entgegengebracht. Wann immer ich bei denjenigen, die ich für Freunde hielt, protestierte, wurde ich abgewiesen, einige meinten sogar: „Wenn du nicht glücklich bist, dann geh dahin zurück, wo du hergekommen bist“. Sollte ich das tun?
Ich vermisse Bengaluru, die schwulste Stadt Indiens! Ich erinnere mich noch an das erste Mal, als ich meine Heimatstadt Mumbai hinter mir ließ, um nach Bengaluru (auch bekannt als Bangalore) zu ziehen. Das war im April 2022. Alle hielten mich für verrückt, weil ich die „beste und liberalste Stadt Indiens“ verließ. Aber meiner Erfahrung nach war die schwule Gemeinschaft in Mumbai nicht gerade einladend. Sie war prätentiös, bourgeois, klassistisch und elitär. Doch im Nachhinein betrachtet war es eine gute Schule fürs Leben und ein Vorbote dessen, was mir bevorstand.
Nach einer 24-stündigen Zugfahrt quer durch Indien verflog meine Angst, als der Zug langsam in Bengaluru einfuhr, der größten Stadt in Südindien, einer Region, die zu meiner angenehmen Überraschung mehr Respekt für LGBT+-Menschen hat als der Rest des Landes. In dieser Stadt der Gärten mit ihrem perfekten Wetter konnte ich endlich tief durchatmen und mir einen Neuanfang wünschen. Offensichtlich gab es nichts davon. Ich wandte mich an Grindr, die Dating-App, und die einzige Möglichkeit, mit anderen schwulen Männern in Indien in Kontakt zu kommen. Damals war die Nutzung von Grindr in Indien im Vergleich zu heute relativ sicher. Freund:innen zufolge treiben heutzutage Betrüger:innen auf der App ihr Unwesen. Sie locken Nutzer:innen an, rauben sie aus und belästigen sie in Gruppen. Die Polizei greift nur wenig oder überhaupt nicht ein.
Church Street, Bengaluru © Sunny T
Auf Grindr fand ich heraus, dass Frauenfeindlichkeit und Sissyphobie in der schwulen Szene weit verbreitet sind. Außerhalb Europas können schwule Männer deutlich frauenfeindlicher und sissyphober sein, und Bengaluru war keine Ausnahme, vielleicht war es sogar schlimmer als in Mumbai.
Die Nutzerprofilen gaben unverhohlen ihre Vorlieben an: „Looking for masc Only“, „Femmes can f*** off), “Light-skinned, high caste, non-Muslims only“. Da Indien eine sexuell unterdrückte, toxische und patriarchalische Gesellschaft ist, gab es dort angeblich ein überwältigendes Verhältnis von Tops zu Bottoms.
Aber zum Glück fand ich einen Mann, der Avatar: The Last Airbender liebte! Eine Verbindung, die mich zu Bengalurus Queer Runners Group (Instagram: @bengalurufrontrunners) führte. Die Gruppe traf sich jeden Sonntagmorgen im Cubbon Park, dem zentralen Park der Stadt, der von den Briten benannt wurde, die die Homophobie nach Indien exportierten, so wie Portugal, Spanien, Frankreich, die Niederlande und andere es mit ihren Kolonien taten. Ich hatte das Gefühl, endlich meine erste echte LGBTQ+-Community gefunden zu haben.
Queere Laufgruppe von Bengaluru © Sunny T
Nachdem ich schlechte Erfahrungen mit der schwulen Community in Mumbai gemacht hatte, war ich zunächst skeptisch, ob ich mich der Laufgruppe anschließen sollte. Aber ich wurde eines Besseren belehrt! In Bengaluru lernte ich eine Gruppe fantastischer Queers kennen – einen Einheimischen, eine Transfrau aus Chennai (die eine Wohnung mieten konnte, obwohl sie trans ist), eine queere Person aus Nordostindien, eine Lesbe aus Odisha und mich aus Mumbai. Die Sportlichen gingen joggen (es war eine Gruppe von Queer Runners), während wir anderen auf unseren fetten Ärschen herumlagen und über alle anderen tratschten, haha… Und da wir in Südindien lebten, wo fast alle Englisch sprachen, passte ich problemlos dazu! Wir hingen immer im Konark Cafe ab, wo wir uns oft zu einem herrlichen südindischen Frühstück trafen – einfach himmlisch! Was würde ich dafür geben, in diese unschuldigen Zeiten zurückzukehren!
Es ist schon ein Witz, dass mir das konservative Indien (durch Bengaluru) ein Zusammengehörigkeitsgefühl vermittelt hat, was der so genannte liberale Westen nie geschafft hat.
Später wurde ich zu einer Gay-Party im Bengaluru Social Pub eingeladen. Dies war meine Einführung in das schwule Nachtleben der Stadt. Ich wusste nicht, was mich erwartete, denn meine Erfahrungen in Mumbai waren nicht gerade aufschlussreich. In Mumbai gibt es jeden Samstag eine Party im Kitty Su, dem Lalit, einem der besten Fünf-Sterne-Hotels der Stadt, wo der Eintritt tausend Rupien kostet, ein Vermögen für viele Inder:innen. In Mumbai finden auch mehrere Drag-Shows statt, und im B.N. Maheshwari Udyan gibt es einen Cruising-Bereich, in dem man vor allem am Sonntagabend auf herumstreunende Schwule stoßen kann. Wenn du weiß bist, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass du indische Schwule anziehst wie Scheiße die Fliegen. Wenn du jedoch schwarz bist, solltest du besser einen großen Schwanz haben! Aber auch das schützt dich nicht vor Rassismus. Meiner Meinung nach ist Indien das rassistischste Land, das ich je erlebt habe. Tut mir leid, Niederlande, du musst dich hier mit der Silbermedaille begnügen. Und was die Asiat:innen angeht: Vergiss es und geh stattdessen nach Bengaluru.
Bengaluru ist auch für seine Partys bekannt, nämlich im Kitty Ko’s oder im Indiranagar Social. Solche Etablissements hassen wahrscheinlich Schwule, aber sie lieben unser Geld, es ist also eine Win-Win-Situation für beide Seiten. Ich bin mir aber sicher, dass man auch einige kleine Lokale finden kann, die sich als schwulenfreundlich bezeichnen und wirklich Spaß machen. Meine beste Erfahrung war die Begegnung mit einer Gruppe lokaler Queer-Aktivist:innen! Sie betreiben einen Instagram-Account namens „goodasyou.blr“. Ich weiß noch, wie erschüttert ich war, als der Oberste Gerichtshof Indiens 2012 verkündete, dass er den Paragrafen 377 aufrechterhalten würde (der gleichgeschlechtlichen Geschlechtsverkehr als unnatürlich einstufte und mit einer Geldstrafe und 10 Jahren Gefängnis bestraft wurde – ein Geschenk des britischen Kolonialismus). Ich hatte Indien aufgegeben. Doch dann, irgendwann im Jahr 2018, rief mich ein Freund an, um mir zu gratulieren: „Abschnitt 377 wurde im ganzen Land abgeschafft“ und der Oberste Gerichtshof entschuldigte sich bei der Gay-Community! Ich kann euch gar nicht sagen, wie toll sich dieser Moment angefühlt hat! Es geschah wegen dieser furchtlosen, unaufhaltsamen Menschen!
Und nur 5 Jahre später, im Oktober 2023, drängten diese furchtlosen Aktivist:innen den Obersten Gerichtshof Indiens, über die gleichgeschlechtliche Ehe zu entscheiden. Wie erwartet wurde der Fall abgewiesen und die Entscheidung der Regierung überlassen. Aber auch wenn ich wahrscheinlich der zynischste Mensch bin, den man sich vorstellen kann, bleibe ich hoffnungsvoll. Ich glaube, dass Indien in den nächsten 2 Jahrzehnten die gleichgeschlechtliche Ehe endlich legalisieren wird. Könnt ihr euch vorstellen, wie fabelhaft es wäre, wenn die 1,45 Milliarden Einwohner:innen Indiens gleichberechtigt heiraten könnten? Nach Taiwan, Nepal, Thailand und Griechenland wird Indien hoffentlich das nächste Land sein! Homosexualität und Transidentität sind untrennbare Bestandteile der indischen Kultur, wie die Schnitzereien in vielen indischen Tempeln wie beispielsweise dem Khajuraho-Tempel oder die Darstellung Hindu-Gottheiten wie der männlich-weiblichen Göttin Ardhanarishvara zeigen.
Doch Indien ist ein wahrer Widerspruch – es ist toleranter gegenüber Transmenschen als gegenüber gleichgeschlechtlichen Paaren. Das liegt vielleicht daran, dass die Hijra- Community (Indiens anerkanntes drittes Geschlecht) seit Jahrhunderten mit anderen Gemeinschaften koexistiert. Daher hat der Oberste Gerichtshof die Regierungen der Bundesstaaten angewiesen, Vorrechte für Transmenschen zu schaffen, Antidiskriminierungsgesetze zu erlassen usw. Es ist wirklich erstaunlich! Vergesst die Mondlandung, das ist es, was mich stolz auf Indien macht! Besonders hervorheben möchte ich den fortschrittlichsten südlichen Bundesstaat Tamil Nadu, der so viele erstaunliche LGBTQ+-bezogene Programme hat, wie z. B. den öffentlich finanzierten Zugang zu geschlechtsangleichenden Operationen, Antidiskriminierungsgesetze usw.
Auch in den indischen Medien werden LGBTQ+-Themen mehr und mehr aufgegriffen. Die meisten städtischen Inder:innen (zumindest in Südindien und Bengalen) und jungen Menschen im ganzen Land sind ziemlich aufgeschlossen… In Indien können zwei Männer oder zwei Frauen in der Öffentlichkeit Händchen halten; heterosexuelle Paare können das nicht, haha… Aber es ist immer noch eine Gesellschaft, in der Eltern eher wollen würden, dass ihre Söhne Vergewaltiger sind, als schwul. Auch wenn ich noch nicht von Eltern gehört habe, die ihre Kinder aus dem Haus werfen, weil sie schwul oder Trans sind, bleibt die Konversionstherapie ein Thema.
Vergewaltigungen innerhalb der queeren Community sind ebenso ein großes Problem wie in der heterosexuellen Gesellschaft. Und die Polizei ist unzuverlässig im Kampf gegen diese Plage.
Was die HIV- und STI-Prävention und die Aufklärung angeht, so gibt es in Großstädten wie Mumbai große Gesundheits-NGOs wie Humsafar Trust, die kostenlose Tests und Beratung anbieten. In Mumbai können Sie auch HIV-Medikamente zu einem günstigen Preis erhalten. Es gibt sogar Drive-in-Testzentren an einigen Bahnhöfen wie Bandra.
Nun möchte ich etwas über das Thema Pride erzählen. Jedes Jahr veranstalten immer mehr Kleinstädte ihre eigene Pride-Parade! Die Pride-Feierlichkeiten in den Ländern des Globalen Südens sind so rudimentär und roh, dass man die Emotionen und die Solidarität zwischen den Menschen fast spüren kann und den Kampf lokaler queerer Gruppen miterlebt, die von den örtlichen Behörden die Erlaubnis einholen müssen, den Pride-Marsch abzuhalten. Bei manchen Märschen gibt es Buhrufe, aber die meisten Zuschauer:innen lächeln und unterstützen die Veranstaltung.
Supporters and members of the LGBTQIA+ community at the annual Namma Pride Walk in Bengaluru, 2024 © DH Photo/Pushkar V
In Europa haben jedoch viele das Gefühl, dass die Prides zu einem Ritual geworden sind, bei dem sich ein Haufen Schwuler auf Steroiden mit Drogen zudröhnt und ihren Anus bis zur Ohnmacht ausdehnt.
Auf der Luxembourg Pride 2024 habe ich Unterschriften für eine Petition zum Verbot der Konversionstherapie in der EU gesammelt, viele heterosexuelle Verbündete haben die Petition freundlicherweise unterschrieben, aber meine Mitschwuchteln wollten nicht einmal zuhören.
Obwohl Luxemburg für mich ein bodenloser Abgrund der Verzweiflung ist, denn ich bin kein Multimillionär, ich arbeite nicht für einen großen Konzern, ich bin kein Vermieter und kein Idiot, und obwohl es mir im Gegensatz zu Indien und vielen anderen europäischen Nachbarländern immer noch nicht erlaubt ist, Blut zu spenden, wenn ich in den letzten 12 Monaten Sex mit einem anderen Mann hatte, während im Sommer die Fahne des Roten Kreuzes gehisst wird und die Menschen aufgefordert werden, Geld und Blut zu spenden, hat dieses Land doch einiges zu bieten, wofür ich dankbar bin. Hier ist meine nicht vollständige Liste:
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- Einige der fortschrittlichsten LGBTQ+-Gesetze der Welt;
- Die Einheimischen haben einen guten Sinn für Humor, sie können Kritik ertragen, ohne dass sie beleidigt sind oder drohen, mich als Vergeltung zu verhaften;
- Sie werden dich nicht verprügeln oder verhaften, wenn du eine:n Politiker:in kritisierst, und deine Familie wird nicht belästigt, weil du eine etwas andere Meinung hast;
- Die Menschen hier verehren Hitler nicht;
- Viele Menschen unterstützen Palästina und die Ukraine in ihrem Kampf gegen die Besatzer;
- Die Luftqualität ist gut, man kann in Luxemburg relativ saubere Luft atmen („Pardon my French! Fast hätte ich all die französischen Raucher:innen vergessen, die über die Grenze kommen, um ihre Kohlendioxidreserven aufzufüllen).
Unter diesen Umständen denke ich vorerst nicht daran, dorthin zurückzukehren, wo ich hergekommen bin.
