Design: Lloyd Dunn: Presseconferenz Avis – 28.02.2011, Aktioun bei der Chamber – 21.07.2009, IDAHOBIT-Videoprojet – 2019
Dieses Jahr feiert der Verein Rosa Lëtzebuerg asbl seinen 30. Geburtstag und nach drei Jahrzehnten des Engagements wird es Zeit, Bilanz zu ziehen. Denn aus einer zunächst kleinen politischen Initiative ist inzwischen ein relevanter gesellschaftspolitischer Akteur, der sowohl im Bereich Menschenrechte wie auch Kultur und Community Arbeit aktiv ist, geworden. Mit Rücksicht auf politische Entwicklungen, sowohl in Luxemburg als auch im Ausland, gewinnt die Frage, wie sich Rosa Lëtzebuerg weiterentwickeln kann und wo sich der Verein positioniert, an Bedeutung.
Historischer Überblick und Aktuelle Gegebenheiten
Am 6. Juni 1996 wurde ‚Rosa Lëtzebuerg‘ gegründet – die älteste heute noch bestehende LGBTIQ+-Organisation in Luxemburg. Doch die Gründung war kein Zufall: Schon zuvor hatten verschiedene Vereine versucht, die Rechte queerer Menschen zu stärken. Die 1981 gegründete „Initiativ Grupp Homosexualitéit – Lëtzebuerg (IGHL)“ löste sich bereits 1990 wieder auf. Wie Marc Grond, damaliger Präsident von Rosa Lëtzebuerg, in einem Artikel des Lëtzebuerger Land vom 16. August 1996 erklärte, war die Initiative „durch die Angst der Mitglieder vor der Öffentlichkeit gelähmt”. Carmen Kronshagen, ein weiteres Gründungsmitglied, erinnerte sich ihrerseits daran, dass ihre Ziele “zu schwammig” gewesen wären. Aus diesen Erfahrungen heraus entstand Rosa Lëtzebuerg – mit klarer Vision und festem Willen. Ziel war es, queere Menschen nicht nur als starke Interessenvertretung zu vereinen, sondern auch ein Gefühl von Zusammenhalt und Solidarität, das die Grundlage für Fortschritt und Sichtbarkeit legen sollte, zu schaffen.
In Anlehnung an Marc Gronds frühere Thematisierung der Angst vor Visibilität engagiert sich Rosa Lëtzebuerg auch heute kontinuierlich für die Sichtbarkeit und gesellschaftliche Anerkennung queerer Menschen. Sichtbarkeit ist dabei nicht isoliert zu betrachten, sondern steht in engem Zusammenhang mit der fortlaufenden Weiterentwicklung und Sicherung queerer Rechte. Nach wie vor stimmt, dass mangelnde Auseinandersetzung mit queeren Lebensrealitäten zu Ignoranz führt – eine Ignoranz, die wiederum fehlenden Respekt begünstigt. Dies verdeutlicht das sprichwörtliche „wat de Bauer net kennt, frësst en net“, das aufzeigt, dass Unkenntnis häufig Ablehnung nach sich zieht. Einen wichtigen Beitrag zu dieser Arbeit leistet das Rainbow Center seit seiner Eröffnung in Luxemburg Stadt im Mai 2023. Es handelt sich hierbei um ein Zentrum, das primär auf die Sichtbarmachung lokaler queerer Kultur ausgerichtet ist und zugleich als erste Anlaufstelle fungiert. Durch seine Präsenz im öffentlichen Raum soll es für eine breite Öffentlichkeit sichtbar sein und queeren Menschen einen Ort bieten, an dem Gleichgesinnte aufeinandertreffen und ein Austausch stattfinden kann.
Das Ziel, die unterschiedlichen Lebensrealitäten queerer Menschen zu vertreten, stets im Hinterkopf, feierte man 2015 mit der Ehe für alle einen großen Meilenstein queerer Rechte in Luxemburg. Für einen großen Teil der Öffentlichkeit, die politische Entscheidung, mit der die Gleichberechtigung für alle nun erreicht sei. Auch die jährliche Luxembourg Pride, ehemals „GAY MAT“, unterstreicht für die allgemeine Gesellschaft, dass es queeren Menschen heute nicht mehr an Rechten und Akzeptanz fehle.
Als ich 2022 erstmals aktiv an der Luxembourg Pride mitwirken konnte, wurde mir sehr konkret bewusst, wie viel Arbeit, Zeit und emotionale Energie hinter einer solchen Veranstaltung stehen – und wie sehr sich diese Anstrengung auch in der täglichen Vereinsarbeit fortsetzt. Als Neuling auf diesem Terrain öffnete mir diese Erfahrung die Augen für all das, was sonst im Hintergrund bleibt. Sie veränderte nachhaltig meinen Blick auf die Bedeutung von Sichtbarkeit innerhalb der lokalen queeren Community und war letztlich ausschlaggebend für meine Entscheidung, 2023 dem Vorstand von Rosa Lëtzebuerg beizutreten.
Mit diesem Engagement ging auch eine persönliche Auseinandersetzung mit meinen eigenen Vorstellungen einher. Rückblickend wurde mir bewusst, dass ich trotz der Überzeugung, ein gewisses Verständnis für queere Lebensrealitäten zu haben, vieles ausgeblendet oder vereinfacht, sogar mit Ignoranz betrachtet hatte. Die queere Community, wie ich sie mir zuvor vorgestellt hatte, war geprägt von einer gewissen idealisierten Einheit. Die queere Community, die in meiner anfänglich eher idealisierten Vorstellung existierte, zeigte sich in der Realität als noch komplexer als mir zu dem Zeitpunkt bewusst war: geprägt von unterschiedlichen politischen Haltungen, sozialen Erfahrungen und individuellen Perspektiven. Einheit fand sich weniger in einer gemeinsamen Identität, als in der geteilten Erfahrung von Diskriminierung und Ausgrenzung. Diese Erkenntnis, zugleich ernüchternd als auch bereichernd, verdeutlichte mir, dass selbst innerhalb der Community unterschiedliche Einschätzungen darüber, wie weitreichend die rechtliche Gleichstellung tatsächlich ist, existieren und wo weiterhin strukturelle Ungleichheiten bestehen.
Obwohl Luxemburg im Vergleich zu manch anderem Land, innerhalb und außerhalb der EU, als eher queerfreundlich gilt, ist die Gesetzgebung durchaus lückenhaft. Bei genauerer Betrachtung fällt auf, dass die Marginalisierung queerer Menschen – sei es durch die Pathologisierung von Trans-Menschen, die fehlende automatische Anerkennung von „gleichgeschlechtlichen“ Eltern oder rein ästhetisch motivierte Operationen an Intersex Säuglingen – nach wie vor ein Problem darstellt. Für Rosa Lëtzebuerg bedeutet dies, dass die politische Arbeit weiterhin unverzichtbar ist: Es gilt, kontinuierlich Entscheidungsträger*innen für queerpolitische Themen zu sensibilisieren und Reformen anzustoßen. Hierbei gibt es ein ständiges Ringen um Gehör, Sichtbarkeit und Handlungen. Während die öffentliche Wahrnehmung oft durch sichtbare Veranstaltungen wie die Luxembourg Pride bestimmt wird, findet ein wesentlicher Teil der Arbeit abseits großer Bühnen statt. Vieles, was Rosa Lëtzebuerg tut, passiert weit weg von öffentlichen Statements: Gespräche mit Ministerien, Versuche, komplexe Themen wie Transgesundheit, rechtliche Lücken oder strukturelle Diskriminierung verständlich aufzubereiten und an die zuständigen Stellen zu bringen. Politische Arbeit ist ein kontinuierlicher Prozess, der nur selten schnelle Erfolge ermöglicht – nicht aus fehlender Motivation, sondern weil politische Veränderungen Zeit brauchen und oft von langwierigen Entscheidungsprozessen geprägt sind.
Der Verein arbeitet kontinuierlich – zusammen mit anderen Organisationen – daran, politische Ansprechpartner*innen zu gewinnen, Entscheidungen zu beeinflussen, auch in Perioden, in denen queere Themen für die Politik nicht die Priorität sind. Es ist keine Linie, die stetig nach oben zeigt, sondern eher eine Mischung aus Fortschritten, Verzögerungen und gelegentlicher Frustration. Genau so sieht politische Arbeit im Alltag nun einmal aus. Fortschritte sind dabei oft inkrementell: kleine Anpassungen, veränderte Formulierungen, neue Arbeitsgruppen. Selten spektakulär, aber politisch relevant.
Pride Luxembourg – 2021, Rosa on Ice – 24.11.2012, Gaymat – 1999. Photo Rosa Lëtzebuerg Archive
Strukturelle Herausforderungen im eigenen Haus
Parallel zur kontinuierlichen politischen Arbeit steht der Verein selbst vor der Aufgabe, seine Strukturen an wachsende Anforderungen anzupassen. Ehrenamtliche Arbeit bleibt durch den Vorstand ein Kern der Organisation, doch dieser stößt zunehmend an seine Grenzen. Projekte, Beratungsanfragen, politische Dossiers, Fortbildungsangebote und Community-Arbeit verlangen eine Professionalität, die langfristig nur mit gefestigten Ressourcen aufrechtzuerhalten ist. Dank der Gründung des Rainbow Centers haben sich die Dimensionen, aber auch die Reichweite und Sichtbarkeit von Rosa Lëtzebuerg erweitert. Trotz seiner geringen Angestelltenzahl, stellt das Zentrum lokalen queeren Menschen eine sozio-kulturelle Anlaufstelle, die sowohl erste Informationen zu anderen Angeboten, als auch einen Raum für queere Kultur und Diskussion bietet, dar. Von der Jugendgruppe bis zu den Golden Gays, vom Queer Choir zu Luxemburgisch Kursen, versucht ein kleines Team vor Ort einen sicheren Raum für alle zu schaffen.
Durch die gesellschaftliche Situation, die sich fortlaufend verändert, erfahren queere Themen immer mehr Sichtbarkeit, doch mit der Sichtbarkeit steigen auch Erwartungen. Community-Mitglieder, Medien und politische Partner fordern zunehmend klare Positionierungen, schnelle Reaktionen und fachlich fundierte Stellungnahmen. Für einen Verein, der historisch aus ehrenamtlichen Strukturen gewachsen ist, bedeutet das eine neue Form von Verantwortung. Gleichzeitig wird Luxemburg international häufiger im Kontext LGBTQIA+-Themen wahrgenommen, was den Druck, eigene Standards und gesetzliche Rahmenbedingungen weiterzuentwickeln, erhöht. Rosa Lëtzebuerg ist dabei ein Teil dieses Prozesses, jedoch nicht allmächtig, dementsprechend laufen Veränderungen oft schleppender als erhofft. Zudem stößt der Vorstand zunehmend an seine Grenzen, wenn es darum geht, Repräsentation für alle queere Menschen Luxemburgs zu bieten. Hierbei gilt es stets realistisch zu sein, dass ein eher kleiner Vorstand nicht eine ganze Community, die unendlich divers ist, widerspiegeln kann. Rosa Lëtzebuerg baut daher auch auf die aktive Unterstützung von engagierten Freiwilligen, die mit eigenen Ideen und ihrer Motivation dafür sorgen, dass das soziokulturelle Angebot im Rainbow Center sich stets erweitert und diversifiziert.
Aktioun bei der Chamber – 21.07.2009, Rosa Summerfest – 2012, Rosa Karaoke – 23.10.2015. Photo Caroline Buck
Der Blick nach vorne
Die erhoffte Zukunft des Vereins zeichnet sich durch pragmatische Ziele aus: eine solide Struktur, stabile Finanzierung, klare Aufgabenverteilung und eine stärkere Positionierung in politischen Entscheidungsprozessen. Es gibt auch für den Vorstand und die Mitarbeiter*innen des Rainbow Centers Visionen und zahlreiche Ziele.
Einerseits soll das Projekt „Rainbow Center“ zum „Rainbow House“ werden, so wie es zunächst geplant war. Mittels größerer Räumlichkeiten soll sowohl das Queere Archiv ausgebaut und zugänglicher gemacht werden, als auch eine Verbesserung der Nutzung der Räumlichkeiten für Mitglieder und Partnerorganisationen erreicht werden. Des Weiteren sollen diese Räumlichkeiten komplett barrierefrei und somit zugänglicher als die bisherigen gestaltet werden. Wird das Projekt des Rainbow House umgesetzt, so ergibt sich im Umkehrschluss wiederum mehr Arbeit und mehr Verantwortung. Es ergibt sich aus dem Vorstand vor allem ein großer Wunsch: kontinuierliches Engagement der lokalen Community.
Es gibt glücklicherweise immer wieder Menschen, die laut für queere Rechte eintreten, jedoch in Zeiten politischer Unsicherheiten – die die Fragilität dieser Rechte immer wieder offenlegen – bleibt häufig ein kontinuierliches politisches Engagement aus. Für einen Verein, der auf freiwilliges Engagement angewiesen ist, führt dies zu Stagnation. Umso wichtiger ist es, dass mehr Menschen ihre Perspektiven, Ideen und Energien einbringen. Der Verein möchte vielfältigen Stimmen nicht nur Raum geben, sondern sie aktiv ermutigen, Teil der Arbeit zu werden. Jede einzelne Person, die sich engagiert, trägt dazu bei, die Gemeinschaft stärker, sichtbarer und zukunftsfähiger zu machen. Gemeinsam können wir weit mehr erreichen, als jede*r allein.
Ein Verein, der sich der Vielfalt verpflichtet fühlt, muss natürlich mehr tun, als nur unterschiedliche Stimmen formal zu vertreten. Wirkliche Teilnahme entsteht erst, wenn alle Mitglieder die Möglichkeit haben, aktiv mitzuwirken und ihre Perspektiven in Entscheidungen einzubringen. Um von echter Teilhabe sprechen zu können, reicht es nicht, dass Meinungen gehört werden – sie müssen ernst genommen und in konkrete Handlungen umgesetzt werden. Damit dies gelingen kann, ist sowohl Transparenz nach außen als auch eine aktivere Einbindung von freiwilligen Einzelpersonen und Vereinen nötig.
Zentral dafür ist eine Kultur des Zuhörens. Gerade in heterogenen Gemeinschaften besteht oftmals die Gefahr, dass erfahrene, selbstbewusste oder institutionell gestützte Stimmen den Diskurs dominieren. Unser Verein muss dementsprechend dieser Herausforderung begegnen, indem er gezielt Räume, in denen auch die weniger lauten Stimmen oder bislang marginalisierte Perspektiven Gehör finden, schafft. Denn Chancengleichheit bedeutet nicht automatisch Gerechtigkeit – echte Gerechtigkeit erfordert, Ungleichheiten auszugleichen und benachteiligte Positionen aktiv zu stärken.
Vielfalt zu ermöglichen bedeutet, unterschiedliche Lebensrealitäten anzuerkennen und die eigenen Perspektiven regelmäßig zu hinterfragen. Unterschiede in politischen Haltungen, sozialen Erfahrungen oder Bedürfnissen sind kein Hindernis, sondern Ausdruck der Komplexität unserer Community. Unser Verein nimmt diese Vielfalt bewusst an, betrachtet Konflikte als Lernchance und versteht den Raum für verschiedene Stimmen als Grundlage für gemeinsame Weiterentwicklung – immer im Bewusstsein, dass Respekt und klare Grenzen dazugehören.
Als Basisorganisation sind hier viele Mitglieder auch weit mehr als eine reine Zahl: Sie verleihen den Forderungen politisches Gewicht, sichern eine demokratische Struktur und ermöglichen eine stabile, nachhaltige Arbeit. Je mehr Menschen hinter Rosa Lëtzebuerg stehen, desto stärker kann der Verein auftreten, desto klarer können queere Anliegen vertreten werden und desto widerstandsfähiger bleibt die Bewegung. Deshalb braucht es Menschen, die nicht nur sympathisieren, sondern auch offiziell Teil von Rosa Lëtzebuerg werden möchten. Zudem bilden Mitgliedsbeiträge nicht nur eine verlässliche finanzielle Grundlage, die die Arbeit langfristig absichert – sie stärken auch die politische Stimme des Vereins. Je mehr Menschen hinter dem Verein stehen, desto größer ist unser Gewicht gegenüber Entscheidungsträger*innen, desto sichtbarer wird unsere Community und desto unabhängiger kann agiert werden. Jede Mitgliedschaft ist ein Signal: Wir sind viele, wir sind sichtbar, und wir gestalten gemeinsam eine Zukunft, in der queere Rechte selbstverständlich sind.
Es ist also klar: Rosa Lëtzebuerg bleibt eine Organisation im Wandel, zwischen Basisarbeit und politischer Strategie, zwischen Ehrenamt und Professionalisierung, zwischen gewachsenem Selbstverständnis und neuen Anforderungen. Was aus Rosa Lëtzebuerg in Zukunft werden wird, entscheidet nicht nur der Verein – sondern jede einzelne Person, die bereit ist, Teil dieser gemeinsamen Geschichte zu sein. Die Arbeit geht weiter – und gemeinsam schreiben wir die nächsten Kapitel.
