Offene Beziehung?!
Hi, my boyfriend has initiated a discussion about an open relationship. wuah! I do not know – truly – how I feel about it. In previous relationships, sex was a major thing which made me feel loved, to a degree where I am pretty sure it wasn’t healthy. Now, the discussion of an open relationship did trigger feelings of rejection/disconnection. But after having thought about it, I see this also as having the potential to be an opportunity for personal growth. I somewhat want to push myself to face my triggers and previous unhealthy patterns – but I am unsure how to do it without this all being too uncomfortable/disconnecting… Again: wuah! Any advice?
Danke für diese spannende und sympathische Frage! Eine Beziehung zu öffnen, ist keine leichte Entscheidung, denn diese Form der Veränderung bringt oft viel Arbeit mit sich und kann eine intensive Selbsterfahrung sein. Man kann Lust auf diese Erfahrung haben – oder auch nicht. Beides ist völlig in Ordnung. Herauszufinden, was für einen selbst stimmig ist, ist jedoch oft gar nicht so einfach. Meine Empfehlungen sind: ausführliche Gespräche, ein behutsamer Start, Unterstützung durch Bücher (und andere Quellen) und gegebenenfalls therapeutische Begleitung.
Sprecht wiederholt darüber, was eure Motivationen sind und welche (unterschiedlichen) Herausforderungen ihr beide seht. Warum wollt ihr das (nicht)? Was sind eure Unsicherheiten und potenzielle Trigger genau? Welche möglichen Situationen machen euch Angst? Wie könnt ihr damit umgehen? Welche schönen Situationen wünscht ihr euch? Was stellt ihr euch bereichernd und toll vor? Die gegenseitigen Antworten auf diese Fragen zu kennen, hilft dabei, gute Entscheidungen für euch selbst und gemeinsam zu treffen. Sich in diesen Gesprächen gesehen zu fühlen, ist eine der wichtigsten Voraussetzungen für eine gelungene Kommunikation und Beziehungsöffnung.
Tipp: Seid möglichst ehrlich mit euch (selbst). Ihr tut euch keinen Gefallen, wenn ihr versteckte Motivationen habt, etwa die Beziehung zu öffnen, aus Angst, die andere Person zu verlieren. Das macht gleich auch viel Stress und Druck. (Und wenn ihr zu dem Schluss kommt, dass ihr eine offene Beziehung ausprobieren wollt, dann sollte der Kontext so wenig stressig wie möglich sein.) Wenn ihr merkt, dass ihr in euren Gesprächen immer wieder an denselben Punkten landet und nicht weiterkommt, kann eine Beratung helfen (siehe Infobox). Ein Blick von außen erkennt leichter festgefahrene Muster und hilft, neue Fragen und Perspektiven zu entwickeln.
Familjen-Center – Die Beratungsschwerpunkte des Familljen-Center sind Partner*innenschaften, Trennungen, Familie und allgemein schwierige Lebenssituationen. Ich habe positiv rückgemeldet bekommen, dass sie sich mit offenen und nicht-monogamen Beziehungen auskennen.
CIGALE – Das LGBTIQ+ Zentrum bietet psychologische Beratungen an.
Wenn ihr nach guten Vorbereitungsgesprächen merkt, dass ihr bereit seid, eine Beziehungsöffnung auszuprobieren, könnt ihr ein paar Vereinbarungen treffen und besprechen: Was ist wann, wo, mit wem und wie für wen voraussichtlich (nicht) in Ordnung? Daraufhin könnt ihr behutsam erste Erfahrungen machen, zum Beispiel indem ihr einmal mit jemand anderem flirtet oder ein bisschen knutscht. Anschließend könnt ihr gemeinsam reflektieren: Wie geht es euch damit? Was löst es aus? Wie könnt ihr gut füreinander da sein? Wie funktioniert eure Kommunikation in dieser neuen Situation? Habt ihr neue Grenzen oder Wünsche bei euch bemerkt? Welche Abmachungen haben gut funktioniert und welche wollt ihr verändern? Ihr könnt (und solltet) im Vorfeld günstige Rahmenbedingungen besprechen, mögliche Stolpersteine voraussehen und klare Abmachungen treffen. Gleichzeitig solltet ihr aufpassen, nicht zu viele Absprachen auf einmal zu treffen (das wird schnell unübersichtlich und sorgt für Enttäuschung, wenn die Vereinbarungen dann nicht eingehalten werden). Vermeidet auch, alles bis ins kleinste Detail zu planen oder zu micromanagen (das erzeugt eher Druck als tatsächliche Sicherheit). Manche Herausforderungen werden euch vermutlich überraschen – und es einfach mal auszuprobieren, ist vielleicht der einzige Weg, zu verstehen, ob und wie eine offene Beziehung gerade für euch beide passt.
Wichtig beim vorsichtigen Ausprobieren: Es sollte jederzeit möglich sein, „Stopp“ zu sagen, eine Pause einzulegen und so das Tempo wieder herauszunehmen. Das kann manchmal schwierig sein, weil viele neue und intensive Gefühle im Spiel sind. Langfristig ist diese Möglichkeit oft entscheidend für das Vertrauen in eurer Beziehung. Hierzu ein Gedanke: Es kann förderlich sein, wenn die erste Erfahrung nicht ausgerechnet mit einem langjährigen Crush stattfindet – also mit jemandem, bei dem die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass ihr schnell stark emotional involviert seid. Ein etwas weniger aufgeladenes Setting erleichtert den Einstieg und die Gespräche darüber. Eine erste positive Erfahrung kann (vor allem bei Trauma oder schlechten Vorerfahrungen) sehr hilfreich sein, um zu lernen, dass es sich bei der Beziehungsöffnung um eine sichere Situation handelt. Eine Situation, mit der du und ihr umgehen könnt. Hier kann auch die Unterstützung durch Freund*innen oder (Wahl-)Familie helfen, dein Nervensystem zu regulieren und die Veränderungen einzuordnen.
Achtet bei euren ersten Erfahrungen darauf, dass die „neuen“ Person(en) mit denen ihr flirtet oder knutscht auch wissen, dass ihr in einer (sich öffnenden) Beziehung seid. Das ist grundlegend, damit alle Beteiligten informierten Konsens geben können. Außerdem ist es wichtig, diese Form der Kommunikation für potenziell intimere Situationen (kuscheln, nackt sein, Sex usw.) zu üben. Wenn ein erstes Ausprobieren gut gelaufen ist und ihr Lust habt, eure Beziehung weiter zu öffnen, dann besprecht auf jeden Fall: Welche Formen von Intimität sind außerhalb eurer Beziehung für euch (derzeit) wichtig und möglich? Wie geht es euch mit Händchenhalten oder Küssen in der Öffentlichkeit? Wie geht ihr damit um, wenn sich ein Crush oder Verliebtheitsgefühle entwickeln? Was tut ihr, wenn ihr auf einem Date seid und dabei ein schlechtes Gewissen habt? Und wie könnt ihr euch für die andere Person mitfreuen? (Das Gefühl der Mitfreude heißt in der nicht-monogamen Fachsprache: Compersion.)
Holt euch vor, während und nach euren ersten Erfahrungen Unterstützung durch Bücher und andere Informationsquellen. Mittlerweile gibt es online viele Ressourcen zu nicht-monogamen Beziehungen und Beziehungsöffnung. Manchmal ist es gar nicht so leicht, sich hier zurechtzufinden, deswegen anbei meine vier Buchempfehlungen (und ein Podcast): Wenn du nur zwei Bücher lesen möchtest, dann sind es „Polysecure“ und „Polywise“ von Jessica Fern. Viele der weiteren bekannten Bücher zum Thema Nicht-Monogamie, zum Beispiel „The Ethical Slut“ oder „More Than Two“, find ich weniger hilfreich – die kannst du meiner Meinung nach überspringen. Wenn du mehr zum Thema Selbstregulierung (complete your stress cycle!) und emotionales Wohlbefinden lernen möchtest, empfehle ich „Burnout“ von Emily und Amelia Nagoski. Nicht nur ein Buch für Personen, die herausfordernde Beziehungstransitionen vorhaben, sondern für alle Leute, die im heteropatriarchalen Spätkapitalismus leben. Um Herausforderungen in Beziehungen gut zu meistern und langfristig wohltuende Beziehungen zu führen, müssen wir lernen (konstruktiv und fair) zu streiten und aus dem Streit wieder gut herauszufinden. Hier ist das Buch „5 Konflikte, die jedem Paar begegnen“ von Julie und John Gottman eine hilfreiche Vertiefung. Es gibt viele gute Podcasts. „Multiamory“ ist ein Podcast mit sehr vielen Folgen, bei denen oft Antworten auf spezifische Fragen dabei sind. Hier habe ich zum Beispiel gelernt, warum Vereinbarungen in Beziehungen besser funktionieren als Regeln (siehe Infokasten).
- „Polysecure“ (auf Deutsch oder Englisch) und „Polywise“ (bisher nur auf Englisch erschienen) von Jessica Fern
- „Burnout: Solve Your Stress Cycle“ von Amelia und Emily Nagoski
- „5 Konflikte, die jedem Paar begegnen: … und wie die Liebe daran wachsen kann“ von Julie und John Gottman
- „Multiamory“ Podcast – siehe hier die Folge zu Vereinbarungen vs. Regeln
Manche Dinge lassen sich nicht in der Beziehung lösen, sondern brauchen dafür einen anderen Raum und genug Zeit. Therapie hilft uns, uns selbstsicherer zu fühlen, Handlungsmöglichkeiten zu erweitern und unsere Beziehungen zu stärken – sehr wertvolle Voraussetzungen für eine Beziehungsöffnung. Eine gute Selbstwahrnehmung, ein bestärkter Selbstwert und ein stabiles Beziehungsnetzwerk machen unsere Ängste vor Trennung und Zurückweisung bewältigbar(er). Wenn du vermutest oder herausfindest, dass Trauma involviert ist und dadurch sehr schwierige Gefühle, Erfahrungen und Muster hochkommen, dann rate ich dir zu professioneller Unterstützung. Unbearbeitete traumatische Erfahrungen könnten auch gegen eine Beziehungsöffnung sprechen. Für Tipps dazu, wie du in Luxemburg eine*n passende*n Therapeut*in findest, lies gerne in die letzte Ausgabe dieser Kolumne rein.
Letztendlich ist am wichtigsten, dass du für diesen Prozess (egal wie du/ihr euch entscheidet) unterschiedliche, für dich passende Formen von Unterstützung findest. Damit du die Beziehung zu dir selbst und zu deiner Beziehungsperson mit möglichst verschiedenen Optionen wohltuend gestalten kannst. Ich wünsche dir viel Glück auf diesem aufregenden Weg! Schreib mir gerne anonym, wie es weitergegangen ist – I would love an update.
