Interview mit Thierry Vallenet, Unternehmensverwalter und Mitbegründer des Stiftungsfonds PartÂge, der sich gemeinsam mit der Association des Audacieuses et des Audacieux engagiert.

In Luxemburg wird die Wohnungskrise mittlerweile als nationaler Notstand betrachtet. Doch indem sich die öffentliche Debatte fast ausschließlich auf ihre wirtschaftlichen und strukturellen Aspekte konzentriert, verdrängt sie wesentliche soziale Realitäten in den Hintergrund. Dazu gehört auch das Älterwerden von LGBTIQ+-Personen.

Queere Senior:innen im Großherzogtum, die in der öffentlichen Politik weitgehend unberücksichtigt bleiben, sind mehrfach benachteiligt: Ihr Lebensweg ist oft von Diskriminierung, erhöhter Prekarität und sozialer Isolation geprägt. In einem gesättigten Immobilienmarkt gehören sie zu denjenigen, die am stärksten mit Schwierigkeiten beim Zugang zu menschenwürdigem Wohnraum konfrontiert sind.

Mit seinem Projekt für inklusives Wohnen schlägt Thierry Vallenet, ein aufmerksamer Beobachter der sozialen und demografischen Entwicklungen im Großherzogtum, vor, den Fokus zu verlagern: Wohnen nicht nur als Frage von Angebot und Nachfrage zu betrachten, sondern auch als eine Frage der Würde, der Sicherheit und des sozialen Zusammenhalts.

queer.lu: Wenn man die Situation von LGBTIQ+-Senior:innen angesichts der Wohnungskrise betrachtet, was sagt Ihrer Meinung nach die Tatsache aus, dass dieses Thema in der öffentlichen Debatte in Luxemburg fehlt?

Thierry Vallenet: Zunächst einmal muss man daran erinnern, dass die Wohnungskrise in Luxemburg Teil einer europaweiten Dynamik ist, hier jedoch aufgrund der hohen Grundstückspreise besonders akut ist. Diese Situation lässt sich durch das Zusammenspiel mehrerer Faktoren erklären: die Zunahme von Einpersonenhaushalten infolge von Trennungen, die Alterung der Bevölkerung und eine öffentliche Politik, die diese Entwicklungen unterschätzt hat, insbesondere im Hinblick auf den Druck der Flächennutzungs und die Spekulation.

In diesem Zusammenhang sind es immer die schwächsten Bevölkerungsgruppen, die als Erste und oft am stärksten betroffen sind: Rentner:innen mit geringem Einkommen, Alleinerziehende, Migrant:innen – und unter ihnen die LGBTIQ+-Senior:innen.

Diese Generation verkörpert eine ganz eigene Geschichte. Viele von ihnen sind Überlebende der 1970er- und 1980er-Jahre, geprägt von offener sozialer und beruflicher Homophobie sowie einer geschwächten Gesundheit. Dies führte zu unterbrochenen Karrieren, Diskriminierung am Arbeitsplatz und einer schlechteren Gesundheit. Die Bilanz ist eindeutig: häufig lückenhafte Renten, wenig Vermögen und begrenzte Ressourcen.

Hinzu kommt ein entscheidender Faktor: die Einsamkeit. Viele von ihnen haben weder Kinder noch ein stabiles familiäres Netzwerk. Während andere Senior:innen auf ein nahes Umfeld zählen können, altern viele LGBTIQ+-Personen ohne dieses Netz aus Fürsorge und Sicherheit. Diese Kombination aus wirtschaftlicher und sozialer Schwäche rechtfertigt meiner Meinung nach eine besondere Aufmerksamkeit.

Kann man von einer Unsichtbarmachung dieser Senior:innen sprechen?

Ich würde nicht von einer absichtlichen Unsichtbarmachung sprechen. Glücklicherweise gibt es heute keine offen diskriminierenden politischen Maßnahmen mehr. Das System bleibt jedoch gegenüber bestimmten Realitäten blind.

Die Wohnungskrise wirkt wie ein wirtschaftlicher Filter: Sie schließt in erster Linie diejenigen aus, die über weniger Ressourcen verfügen. Doch die Lebenswege von LGBTIQ+-Senior:innen in Luxemburg, wie überall sonst in Europa, bringen sie häufiger in diese Situation. Das Problem ist also weniger eine direkte Diskriminierung als vielmehr die Nichtberücksichtigung ihrer Geschichte und ihrer Bedürfnisse.

Allerdings muss man konsequent bleiben: Die LGBTIQ+-Bewegung hat sich stets für Inklusion eingesetzt. Es geht nicht darum, auf diese Unsichtbarkeit mit der Schaffung neuer Formen der Ausgrenzung zu reagieren. Deshalb basiert das Modell, für das wir eintreten, auf einem grundlegenden Prinzip: Inklusion.

Erzählen Sie uns doch etwas über dieses Modell: Was ist ein „Haus der Vielfalt“?

Es handelt sich um inklusive Wohnformen, die in erster Linie für LGBTIQ+-Senior:innen bestimmt sind, aber auch Verbündeten offenstehen (gay-friendly). Das erste Haus der Vielfalt wurde im Herbst 2025 in Lyon im Stadtteil Croix-Rousse eröffnet.

Was dieses Modell auszeichnet, ist gerade seine Offenheit: Es handelt sich nicht um abgeschottete Orte, sondern um Räume, die in die Stadt integriert und mit ihrem Viertel verbunden sind. Das Ziel ist ein doppeltes: ein sicheres Umfeld für Menschen zu schaffen, die häufig mit Stigmatisierung konfrontiert sind, und gleichzeitig ein vielfältiges und vernetztes Sozialleben zu ermöglichen.

In wirtschaftlicher Hinsicht versteht sich das Modell als innovativ. Während ein Platz in einem nicht medizinisierten Seniorenheim sehr hohe Kosten verursachen kann, ermöglicht die Association des Audacieuses et des Audacieux, erschwingliche Mieten von rund 400 Euro pro Monat anzubieten. Um dies zu erreichen, musste ein Gleichgewicht zwischen drei Säulen gefunden werden: ein öffentliches Grundstück, das von einer Kommune zur Verfügung gestellt wird; eine teilweise öffentliche Finanzierung des Baus; und eine private Beteiligung durch Mäzenatentum, um die verbleibenden Kosten zu decken.

Hinzu kommen zwei wesentliche Elemente: ein:e Verantwortliche:r für das gemeinschaftliche Leben, der:die die sozialen Kontakte fördert und Isolation vorbeugt; sowie ein generationenübergreifendes Modell, bei dem ein:e Studierende:r im Austausch für bestimmte Dienstleistungen kostenlos untergebracht wird. Dieses Modell fördert Solidarität, Selbstständigkeit und soziale Vielfalt.

Ist die Angst, im Altenheim „wieder zurück in den Schrank“ zu müssen, begründet?

Sie ist sehr real. Trotz der Fortschritte bestehen in bestimmten Einrichtungen weiterhin Formen von Homophobie: unangemessenes Verhalten, Vorurteile, die Isolation bestimmter Bewohner:innen und die Unsichtbarmachung ihrer Identitäten.

Es gibt nach wie vor Situationen, in denen Menschen es vorziehen, ihre sexuelle Orientierung zu verbergen oder sogar persönliche Fotos wegzuräumen, weil sie Angst vor den Reaktionen anderer haben. Diese Realität darf nicht ignoriert werden.

Natürlich findet mit dem Generationswechsel eine Entwicklung statt. Sie verläuft jedoch nur langsam. Deshalb sind zwei Ansätze notwendig: die Fachkräfte des Sektors für diese Themen zu sensibilisieren und entsprechend zu schulen sowie Alternativen wie die „Häuser der Vielfalt“ zu entwickeln, in denen Menschen altern können, ohne ihre Identität aufgeben zu müssen.

Kann Coliving, also ein Modell des gemeinschaftlichen Wohnens, bei dem die Bewohner:innen im selben Wohnraum leben, aber jeweils über ein eigenes Zimmer verfügen, eine Alternative darstellen?

Ja, teilweise. Coliving bietet bereits Antworten auf zwei zentrale Probleme: die Wohnkosten und die Isolation. Durch die gemeinsame Nutzung von Räumen lassen sich die Ausgaben reduzieren und gleichzeitig das Gemeinschaftsleben fördern.

Dieses Modell, das bei jungen Berufstätigen in Luxemburg bereits weit verbreitet ist, könnte an die Bedürfnisse von LGBTIQ+-Senior:innen angepasst werden. Es würde eine Alternative bieten, die sowohl erschwinglicher als auch weniger einsam ist als das Wohnen in einem Einzelhaushalt.

Ich befürworte insbesondere generationenübergreifende Modelle, die den Austausch zwischen Menschen unterschiedlicher Altersgruppen ermöglichen. Ausschließlich unter Gleichaltrigen alt zu werden, ist nicht unbedingt wünschenswert.

Wie sehen Sie die Entwicklung der Situation in den kommenden Jahrzehnten?

Ich bleibe vorsichtig optimistisch. Langfristig könnte der Rückgang der Geburtenrate den Druck auf den Wohnungsmarkt verringern. Kurz- und mittelfristig bleibt die Lage jedoch angespannt.

Die Behörden zögern, massiv zu investieren, aus Angst vor einer langfristigen Marktkorrektur. Diese Vorsicht ist verständlich, darf aber nicht verhindern, auf aktuelle Bedürfnisse zu reagieren.

Es ist unerlässlich, dass die Situation von LGBTIQ+-Senior:innen als spezifisches Thema anerkannt wird, das an der Schnittstelle von Wohnen, Altern, psychischer Gesundheit und Gleichstellung steht. Ohne diese Anerkennung sind keine konkreten Fortschritte möglich.

Wo stehen die lokalen Akteure in dieser Gleichung, können sie eine Rolle spielen?

Ihre Rolle ist zentral. Vereine und Medien können diese Realität sichtbar machen, die Behörden herausfordern und Verbindungen zu wirtschaftlichen Partnern herstellen.

Aber auch hier ist eine Priorisierung der Maßnahmen erforderlich: Zunächst muss ein klares öffentliches Engagement erreicht werden, dann müssen Unternehmen und Sponsoren mobilisiert werden. Ohne institutionelle Basis bleiben die Initiativen fragil.

Was fehlt in diesem Zusammenhang heute, damit ein solches Projekt in Luxemburg tatsächlich umgesetzt werden kann?

Das Modell existiert, es funktioniert. Die Bedürfnisse sind erkannt, die Mittel sind vorhanden. Nichts macht dieses Projekt tatsächlich unmöglich.

Was fehlt, ist eine Entscheidung.

Die Wohnsituation von LGBTIQ+-Senior:innen zu einer klaren politischen Priorität zu machen, genau wie andere soziale Notlagen. Sobald diese Verpflichtung eingegangen ist, sind die Voraussetzungen gegeben, um konkrete Projekte auf den Weg zu bringen.

Weitere Informationen: www.audacieusement.org