Als queere:r Aktivist:in aus der Türkei habe ich jahrelang sowohl die Kämpfe als auch die Widerstandsfähigkeit meiner Community beobachten können. Heute könnte ich über einen Gesetzesentwurf sprechen, der darauf abzielt, Gender-Nonkonformität zu kriminalisieren, oder über die kürzliche Verhaftung von fast 50 LGBT+-Aktivist:innen. Aber in einer Zeit, in der sich so viele hoffnungslos fühlen, möchte ich etwas Schönes über die queere Kultur in meinem Land erzählen. Hier ist also die Geschichte von Lubunca, einer verschlüsselten Sprache, die seit Jahrhunderten trotz aller Widrigkeiten überlebt hat.
Einfach gesagt ist Lubunca eine Geheimsprache, die von Transfrauen und schwulen Männern im Osmanischen Reich entwickelt wurde. Angesichts der riesigen und vielfältigen Struktur des Osmanischen Reichs hatten trans Menschen und Homosexuelle – von denen viele unterschiedliche Muttersprachen hatten – große Schwierigkeiten, sich untereinander auszutauschen. Um diese Kluft zu überbrücken, entwickelten sie eine Möglichkeit, sich auf der Straße zu erkennen und auf einer einfachen Ebene sicher miteinander zu kommunizieren. Die genauen Ursprünge dieser Sprache sind zwar nicht bekannt, aber historische Aufzeichnungen belegen, dass Lubunca schon im 17. Jahrhundert gesprochen wurde. Es wurde in traditionellen osmanischen Badehäusern, Kaffeehäusern und Palastunterhaltungen verwendet. Insbesondere die Zennes – männliche Tänzer, die in Frauenkleidern auftraten – integrierten Lubunca in ihre Aufführungen. Es ist wahrscheinlich, dass die osmanische Aristokratie, nachdem sie die Sprache bei diesen Unterhaltungen gehört hatte, begann, selbst einige Lubunca-Wörter zu verwenden. Über den alltäglichen Gebrauch der Sprache gibt es jedoch nur wenige Dokumente.
Obwohl die genauen Ursprünge unbekannt bleiben, lassen sich in historischen Aufzeichnungen Spuren des Lubunca bis ins 17. Jahrhundert zurückverfolgen.
Trotz der relativen Toleranz des Osmanischen Reiches gegenüber Homosexualität – es war die weltweit zweite Nation, die sie 1858 entkriminalisierte – hatten nicht alle Homosexuellen und trans Menschen so viel Glück wie diejenigen in den Palästen. Viele waren tatsächlich gezwungen, mit Sexarbeit ihren Lebensunterhalt zu verdienen, und lebten in überfüllten Ghettos zusammen auf engstem Raum. In diesen Vierteln lebten auch andere marginalisierte Minderheiten, so dass ein vielfältiges und zugleich prekäres Umfeld, das von wirtschaftlicher Not, sozialer Ausgrenzung und häufigen Razzien der Behörden geprägt war, entstand. In diesem Umfeld waren queere Menschen nicht nur mit sozialer Diskriminierung, sondern auch mit systemischer Gewalt, die sie in einem ständigen Zustand der Angst und Unsicherheit beließ, konfrontiert. Um sich heimlich verständigen zu können, ohne von Nachbar:innen, Kund:innen oder der Polizei verstanden zu werden, begannen trans- und homosexuelle Sexarbeiter:innen, Wörter aus den Sprachen ihrer Umgebung zu entlehnen – aus dem Romani, dem Griechischen, dem Arabischen, dem Bulgarischen, dem Armenischen, dem Persischen, dem Kurdischen und anderen, woraus schließlich das Wort Lubunca entstand. Sie übernahmen das romanische Wort lubni/lubun, das „Prostituierte“ bedeutet, um sich selbst zu beschreiben. Damit schufen sie einen neuen Oberbegriff, der auch heute noch innerhalb der Community verwendet wird, um alle LGBT+-Personen in der Türkei zu bezeichnen.
Das Romani-Wort lubni bzw. lubun, mit der Bedeutung „Prostituierte“, wurde als Selbstbezeichnung übernommen.
Die Idee hinter Lubunca war einfach: Man stelle sich einen Satz mit fünf Wörtern vor, wobei jedes Wort aus einer anderen Sprache entlehnt ist. Jeder, der nicht mit allen fünf Sprachen vertraut ist, hätte Mühe, den Inhalt zu verstehen. Um die Sache noch schwieriger zu machen, verdrehten die Lubunen die Bedeutung einiger Wörter, indem sie beispielsweise „Wal“ statt „Soldat“ sagten, was die Botschaft noch schwerer verständlich machte. Allerdings mussten die Lubunen dafür keine völlig neue Sprache lernen. Sie brauchten sich nur ein paar hundert geliehene Wörter zu merken, die es ihnen ermöglichten, einander zu erkennen und sicher zu kommunizieren, auch ohne eine gemeinsame Muttersprache. Allerdings war Lubunca nicht für beiläufige Unterhaltungen wie „Ich habe heute Morgen Kartoffeln gegessen“ gedacht. Stattdessen war es für dringende Aussagen wie „Dieser Mann ist ein Psychopath“, „Dieses Haus ist gefährlich“, „Die Polizei kommt“, „Du musst rennen“ oder sogar „Hast du gerade gefurzt?“ gedacht. Es bot auch eine Möglichkeit, über psychische und sexuelle Gesundheit, sexuelle Leistungsfähigkeit, Penisgröße, Schönheit und finanzielle Angelegenheiten zu sprechen. In gewisser Weise erlaubte es den Menschen, vor anderen offen zu tratschen – und erfüllte damit perfekt alle grundlegenden Kommunikationsbedürfnisse eines Lubun.
Aus dem Buch Sawaqub al-Manaquib, 1691
Ein entehrter Sodomit von Khayr Allah Khayri Jawush Zadah, 1721
Tuhfet Ül-Mülk („Das Geschenk des Reiches“) von Shaykh Muhammad Ibn Mustafa Al-Misri, 1773
Lubunca in der modernen Türkei
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war das Osmanische Reich zusammengebrochen und hatte den Weg für die neu gegründete Republik Türkei geebnet. Die Herausforderungen, für die LGBT+-Community verschwanden jedoch nicht. Die junge Republik hatte mit Militärputschen zu kämpfen, und die Last dieser Putschregime traf LGBT+-Personen, insbesondere trans Frauen, besonders hart. In den 1980er Jahren wurden sie von der Regierung gewaltsam aus ihren Ghettos vertrieben und in verschiedene Teile der Türkei umgesiedelt. In dieser Zeit erlebte Lubunca ihr goldenes Zeitalter, denn das Bedürfnis nach einer verschlüsselten Sprache, mit der man sich verständigen konnte, ohne von missbräuchlichen Polizeibeamt:innen verstanden zu werden, war groß. Trans Sexarbeiter:innen hielten noch stärker an der Sprache fest, erweiterten ihr Vokabular und prägten sie in ihrer modernen Form. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Lubunca in der gesamten LGBT+-Community verbreitet, obwohl trans Frauen es nach wie vor am besten beherrschen. Einst ein Geheimcode in traditionellen Badehäusern verwendet, hatte sich Lubunca nun auch zu einer Geheimsprache entwickelt, die in Clubs, Diskotheken und Bars gesprochen wurde.
Transgeschlechtliche Sexarbeiterinnen erweiterten den Wortschatz und prägten ihn in seiner heutigen Form.
Nach den 1990er Jahren entwickelte sich Lubunca zu einem spielerischen Instrument für Humor und Satire, das es LGBT+-Personen ermöglichte, sich über gesellschaftliche Normen lustig zu machen, während es in den Medien allmählich an Popularität gewann. Mit der Zeit begannen LGBT+-Schauspieler:innen, -Sänger:innen und -Komiker:innen, Lubunca-Wörter in Fernsehsendungen einzubauen. Eine meiner lebhaftesten Erinnerungen ist die an Huysuz Virjin („Mürrische Jungfrau“), eine berühmte Drag Queen, die mit ihrem scharfen Verstand und ihrem extravaganten Humor die Leinwand erhellte. Sie benutzte oft Lubunca, um das Publikum zu necken, und alle, die ich kannte – einschließlich meiner Familie – schauten ihr zu. Obwohl solche Fernsehsendungen mit dem zunehmenden Autoritarismus in der Türkei an Bedeutung verloren, dauerte es nicht lange, bis Lubunca in den sozialen Medien ihren Platz fand. Heute kann man Lubunca über YouTube-Videos oder persönliche Blogs lernen, und trotz des anhaltenden Drucks nimmt ihre Popularität weiter zu. Während diese Sichtbarkeit ein positiver Schritt für die LGBT+-Repräsentation ist, hat sie auch Debatten innerhalb der Community ausgelöst. Einige argumentieren, dass die weit verbreitete Verwendung von Lubunca die geschützten Räume von trans Sexarbeiter:innen, die diese Sprache ursprünglich zum Schutz geschaffen hatten und sich darauf verließen, verletzt. Daraufhin haben sie neue Wortspiele und Abwandlungen entwickelt, um die Sprache wieder zu schützen.
Note: One of the most significant ghettos mentioned was perhaps Istanbul’s Beyoğlu district. The changes that took place in this area greatly shaped the language. For instance, with the construction of the Italian Catholic Church, some Italian and Latin words found their way into Lubunca, while some Spanish and Hebrew words were introduced through the Jewish diaspora that had fled Spain. It is also believed that some French words entered Lubunca after the relocation of the French embassy to this area. Here are three of them, along with their meanings:
Pissoire / Pişar: To urinate
La Bouche / Lapuş: To kiss
Lavage / Lavaj: Enema
Heute, fast 400 Jahre später, ist Lubunca immer noch ein untrennbarer Teil des Kampfes von LGBT+ Menschen in der Türkei. LGBT+-Organisationen unterrichten aktiv Lubunca und nutzen es als Mittel des Widerstands gegen Unterdrückung. Ein aktuelles Beispiel ist das Queer Film Festival (KuirFest), das trotz eines staatlichen Verbots seit zwei Jahren unter dem Namen „Küründen Online“ (Vorgeben, online zu sein) stattfindet. Da die Behörden die Bedeutung des lubunischen Wortes „Küründen“ nicht verstehen, gehen sie davon aus, dass das Festival tatsächlich online stattfindet und greifen nicht ein. Gleichzeitig teilen diejenigen, die die Bedeutung verstehen, sie mit anderen, was die Solidarität weiter stärkt. Das bedeutet, dass nicht jede LGBT+ Person in der Türkei Lubunca kennt, aber eines der ersten Dinge, die sie tun, wenn sie der Community beitreten, ist, es zu lernen. Das müssen sie auch, denn in einigen Fällen hängt ihr Überleben noch immer davon ab.
Eine Welt jenseits von Geschlechterrollen, in der sich alle gleichberechtigt und einbezogen fühlen.
In Anbetracht all dessen ist Lubunca mehr als nur eine verschlüsselte Sprache; es ist ein kultureller Raum, der die Menschen zusammenbringt und ihnen ein Gefühl der Zugehörigkeit vermittelt. Sie schafft eine verborgene Welt, in der diejenigen, die sie verstehen, Grüße austauschen – eine Welt jenseits der Geschlechterrollen, in der sich alle gleich und einbezogen fühlen.
TDie Gelehrten sind allesamt von Knaben entzückt,
Keiner bleibt, der noch weibliche Liebe beglückt.
Einer der bekanntesten Dichter des 17. und 18. Jahrhunderts, Nedim, thematisiert in einem seiner Gedichte die Verbreitung von Homosexualität innerhalb des Reiches.
