Kannst du ein Zimmer anbieten?
Ein Liebesbrief an Luxemburgs Wohnungskrise
Kürzlich wurden mir angeboten, in zwei Autos, einem Keller und – vielleicht am kreativsten – einem Einkaufszentrum intim zu werden. Die Bandbreite der Vorschläge ist beeindruckend. Ich frage mich immer wieder, was jemanden dazu bringt, auf den Rücksitz seines Renault Clio von 2010 zu schauen und zu denken: „Was für ein schöner Ort für Zweisamkeit“.
Nachdem ich mit diesem Maß an Innovation konfrontiert wurde, ist klar, dass kreative Lösungen für Sexdates selten eine Wahl sind – sie sind eine Notwendigkeit. Doch da ähnliche Vorschläge immer häufiger vorkommen, frage ich mich: Beeinträchtigt der luxemburgische Wohnungsmarkt unsere Privatsphäre so sehr, dass er uns in den öffentlichen Raum drängt?
Ist das weit hergeholt, oder doch nicht?
Um es klar zu sagen: Sex in der Öffentlichkeit ist für manche eine Vorliebe. Doch neben den eher unkonventionellen Vorschlägen – „Du kannst um 22 Uhr vorbeikommen, meine Frau schläft dann schon“ – scheint das Treffen an ungewöhnlichen Orten zu einer Überlebensstrategie geworden zu sein. In einem der reichsten Länder Europas, mit dem höchsten durchschnittlichen Bruttogehalt in der EU, können sich immer mehr Menschen Privatsphäre schlichtweg nicht leisten.
Zwischen 2015 und 2024 stiegen die Wohnkosten in Luxemburg um 62 %. Eine Einzimmerwohnung in Luxemburg-Stadt kostet mittlerweile zwischen 1.900 € und 2.300 € im Monat. Ein Fünftel der Bevölkerung lebt an der Armutsgrenze – in demselben Land, in dem die Löhne EU-weit am höchsten sind. Mit 26,9 Jahren liegt das Durchschnittsalter, in dem Luxemburger:innen das Elternhaus verlassen, knapp über dem EU-Durchschnitt von 26,2 Jahren. Co-Living und Wohngemeinschaften, Konzepte, die hier vor einem Jahrzehnt kaum existierten, sind zur Norm für alle geworden, die Unabhängigkeit suchen.
Privatsphäre wird zunehmend zum Luxus, statt eine Selbstverständlichkeit zu sein. Hosting wird zum Indikator für finanzielle Stabilität – ein subtiler Maßstab dafür, wie gut man sein Erwachsenenleben meistert. Intimität wird heute eher ausgehandelt als vorausgesetzt.
Luxemburgs Paradox: Verwirrend wie immer
Um diese Annahmen zu überprüfen, beschloss ich, eine Umfrage durchzuführen: Ich schaute mir 20 Profile auf meiner lokalen Dating-App an und erkundigte mich, ob sie Gäste beherbergen könnten. Nur vier konnten das nicht – und das waren diejenigen mit den ausgefallenen Ortsvorschlägen.
Das macht die Sache komplizierter. Luxemburg passt trotz seines Wohnraummangels nicht ganz in das Klischee eines Ortes, an dem alle in ihrem Kinderzimmer zusammengepfercht sind oder neugierige Mitbewohner:innen sie davon abhalten, gelegentliche One-Night-Stands zu hosten. Auf dem Papier haben die Luxemburger:innen mehr Platz pro Person als fast überall sonst in der EU – durchschnittlich 2,2 Zimmer pro Person, verglichen mit dem EU-Durchschnitt von 1,6, womit sie gemeinsam mit Malta den höchsten Wert auf dem Kontinent aufweisen. Nur 7,4 % der Menschen leben in überfüllten Wohnungen, deutlich unter dem EU-Durchschnitt von 16,8 %. Dies ist ein Land, in dem manche Menschen noch Platz zum Atmen haben – und theoretisch auch Platz, um gelegentliche One-Night-Stands zu empfangen.
Doch die Kosten für diesen Platz stellen eine Hürde dar. Während die Wohnkosten in die Höhe schnellen, haben Einpersonenhaushalte und Wohngemeinschaften zugenommen, allerdings zu einem Preis, den sich ein erheblicher Teil der Bevölkerung nicht leisten kann. Gastfreundschaft ist möglich, vorausgesetzt, man gehört zu denen, die sich die Eintrittskosten leisten können.
Es stimmt auch, dass nicht alle Situationen, in denen man „keine Gäste empfangen kann” gleich sind. Manche Menschen fühlen sich wohl damit, jemanden zu sich einzuladen, während ihre Eltern zu Hause sind; andere nicht. Manche sind nicht in der Lage, ihre sexuelle Orientierung gegenüber den Menschen, mit denen sie zusammenleben, zu offenbaren. Bei Privatsphäre geht es nicht nur um Raum für alle möglichen Freizeitaktivitäten, sondern auch um Sicherheit. Darum, ob das Leben, das man führt, von anderen gesehen werden darf.
Luxemburgs Mangel an bezahlbarem Wohnraum wird nicht so schnell verschwinden. Und solange Privatsphäre ein Privileg ist, bleibt die soziale Währung des Beherbergens in den Händen einiger weniger.
Eine sich wandelnde Landschaft der Intimität
Treibt Luxemburgs Wohnungsmarkt die Menschen in die öffentliche Intimität – oder in gar keine? Es gibt keine eindeutige Antwort.
Und Zahlen erzählen nicht die ganze Geschichte. Im Gegensatz zu vielen europäischen Städten mangelt es in Luxemburg an geschützten Räumen, in denen Intimität gelebt werden kann. In Berlin, Paris, Brüssel oder Amsterdam gibt es, wenn man niemanden zum Übernachten einladen kann, alternative Möglichkeiten: Badehäuser, Cruising-Bars, Darkrooms, sexpositive Clubs. Historisch gesehen waren queere Communities auf diese Räume angewiesen, wenn das eigene Zuhause keine Option bot.
Wenn das Beherbergen zur einzigen Option geworden ist, wird Intimität zu einem stillen Indikator dafür, wer Zugang zu Privatsphäre, Sicherheit und Unabhängigkeit hat.
Die Frage ist nicht, ob Luxemburgs Wohnungsmarkt uns unfreiwillig zum Zölibat zwingt. Es ist einfacher und schwieriger zugleich: Was passiert mit unserer Intimität, wenn Privatsphäre zu einem immer größeren Privileg wird und es keinen anderen Ort mehr gibt?
illustrations Sirah Haris
