Historically Queer: Wie queer sind alte Märchen?

ES WAR einmal ein nicht mehr ganz so junger Herr aus vorzüglichem Hause mit Namen Joël. Sein Wissensdrang war schier unersättlich. Da er regelmäßig für dieses Magazin schrieb, stellte er sich eines Tages folgende Frage: Wie viel Queeres steckt in den alten Märchen der Gebrüder Grimm oder Hans Christian Andersen? Gibt es queeres Verhalten in den Fabeln von Jean de la Fontaine? Um seinen Wissensdurst zu stillen, machte er sich auf den Weg über sieben Berge (die sieben Zwerge wohnen gleich nebenan), um der nationalen Märchentante Tatta Tom, alias Tom Hecker, einen Besuch abzustatten. Er tauchte ab in eine Welt, die von A wie Abschlachten bis Z wie Zauberei alles zu bieten hat.

Triggerwarnung: Gewalt, unter anderem sexualisierte Gewalt und Ausnutzung von Machtgefällen.


🎙️ Interview mit Tatta Tom
Das Interview gibt es als Podcast.

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Die Gebrüder Grimm

Die Gebrüder Grimm haben die Geschichten nicht selbst erfunden, sondern sie haben Hausmärchen gesammelt und aufgeschrieben. Es sind Geschichten aus alter Zeit, in der das Blut noch in Strömen floss; Selbstverstümmelung und Ofenverbrennungen waren an der Tagesordnung. Die original Erzählungen haben nur wenig gemeinsam mit den kindgerechten und weichgespülten Erzählungen der Disney Filme von heute.

Es ist somit nicht verwunderlich, dass die bekanntesten Märchen, wie zum Beispiel Schneewittchen, oft als pornografische Vorlage herhalten mussten. So gab es bereits in den 70er Jahren eine Zeichentrickversion mit dem Titel „Schneeflittchen und die geilen Zwerge“ (Originaltitel: Snow White and the Seven Perverts (1973)) von David Grant. Auch Rotkäppchen und Dornröschen wurden für Porno Variationen immer wieder gern als Vorlage verwendet.

Die Originalgeschichte von Dornröschen ist übrigens vom Schluss her völlig anders. Der Prinz küsst die Prinzessin nicht wach, sondern verliebt sich in sie, lässt seinen Lenden freien Lauf und begattet sie. Die Prinzessin bringt daraufhin, immer noch schlafend, Zwillinge zur Welt, wovon eines der Mutter das Gift der Dorne aus dem Finger saugt und Dornröschen endlich erwacht. Allein die Vorstellung, aus einem hundertjährigen Schlaf zu erwachen, um festzustellen, dass man inzwischen mit zwei Bälgern und einem sexsüchtigen Gatten behaftet ist, ist der schlimmste Alptraum! Und wenn sie nicht gestorben sind, vergewaltigt der Prinz sie noch heute!

Ich schweife ab…

In den Grimmschen Märchen, also den rund 200 Geschichten, die Jacob und Wilhelm Grimm im 19. Jahrhundert gesammelt und veröffentlicht haben, gibt es keine explizit queeren Figuren oder Geschichten nach heutigem Verständnis von LGBTIQ+. Sie wurden in einer Zeit, in der diese Themen tabuisiert oder kriminalisiert wurden, niedergeschrieben. Jedoch gibt es zwischen Jacob und Wilhelm selbst eine große Bruderliebe, die aus ihren Briefwechseln hervorgeht. So schrieb Jakob einst an Wilhelm:

Lieber Wilhelm,

Wir wollen uns einmal nie trennen, und gesetzt, man wollte einen anderswohin thun, so müßte der andere gleich aufsagen.

Wir sind nun diese Gemeinschaft so gewohnt, daß mich schon das Vereinzeln zum Tode betrüben könnte. Ich kann nicht sagen, wie mich das freut, daß du so bald kommst. Ich habe mich in der letzten Zeit sehr einsam gefühlt. Es ist doch sonderbar, daß ich, der früher so gerne allein war, jetzt durchaus nicht mehr ohne dich sein mag. Ich danke dir herzlich für deinen lieben Brief und alles, was du darin schreibst. Ich bin überzeugt, daß wir, wenn wir zusammenbleiben, noch manches Rechtes zuwege bringen werden. Lebe recht wohl, mein lieber Bruder, und komm bald. Dein dich herzlich liebender

Jacob

Wenn das nicht die große Liebe ist, dann weiß ich auch nicht!

Manche ihrer Märchen lassen sich aber queer lesen, wenn man auf die Geschlechterrollen, Körper, Identität und Beziehungen achtet. Allerleirauh ist so ein Fall. Eine Prinzessin verkleidet sich mit einem Mantel aus Tierhäuten, flieht vor ihrem Vater und lebt inkognito als Küchenmagd. Ihre Identität wird durch Kleidung verborgen, was eine Interpretation Richtung Cross-Dressing zulässt. In zwei anderen Erzählungen, Die zwölf Brüder und Die sechs Schwäne, nehmen Frauen traditionell männliche Rollen ein, kämpfen und retten andere. Diese Märchen zeigen Frauen, die große Aufgaben und Mutproben zu bewältigen haben und die gegen normative Rollenzuweisungen agieren. Eine innige Geschwisterliebe findet man in Schneeweißchen und Rosenrot. Zwei Schwestern leben zurückgezogen im Wald mit ihrer Mutter und erleben ein Abenteuer mit einem Bären (verzauberter Prinz), wobei dieser als Bedrohung gesehen werden kann. Die starke, selbstgewählte Schwesternbeziehung steht über der romantischen Beziehung. Noch deutlicher ist es im Märchen vom Eisenhans. Ein wilder Mann wird gefangen, dann freigelassen, und erzieht einen Prinzen im Wald. Die enge Beziehung zwischen dem „wilden Mann“ und dem Prinzen lässt sich als queere Mentorschaft oder Vaterfigur außerhalb der Norm verstehen.

Hans-Christian Andersen

Andersen hat, im Gegensatz zu den Grimm Brüdern, alle seine Geschichten selbst geschrieben. In den heutigen Märchenbüchern werden die Geschichten der Grimms und Andersen oft vermischt, weil sie in die gleiche Richtung gehen, mit Feen, Hexen und sprechenden Tieren. Andersen selbst war höchstwahrscheinlich bisexuell wenn auch nur auf platonischer Ebene.

Die kleine Meerjungfrau schrieb Andersen kurz nachdem er von einem Mann verschmäht worden war. In einem Brief an ihn schrieb er:

„Ich sehne mich nach dir wie nach einem schönen Calabrischen Mädchen.“

Doch der besagte Mann distanzierte sich und heiratete eine Frau. Andersen hat sich zeitlebens nie vermählt. Diese Verschmähung spiegelt sich in der kleinen Meerjungfrau wider. Die Meerjungfrau lebt „zwischen zwei Welten“, weder ganz Fisch noch Mensch. Sie verliebt sich, darf aber ihre Gefühle nicht offen leben – wie viele queere Menschen zu Andersens Zeit. Ihre Selbstaufgabe, ihre Sprachlosigkeit und ihr tragisches Ende spiegeln Erfahrungen von queerer Unsichtbarkeit und Selbstverleugnung wider.

Die Erzählung Das hässliche Entlein ist eines von Andersens bekanntesten Märchen und handelt von einem jungen, vermeintlich hässlichen Entlein, das von anderen verspottet und ausgegrenzt wird – bis es schließlich entdeckt, dass es in Wahrheit ein wunderschöner Schwan ist. Das kann man sehr gut als Coming-out Geschichte lesen, sowohl in Richtung sexuelle als auch Geschlechtsidentität.

Das Märchen Der Schatten können die meisten nachvollziehen. Ein Gelehrter verliert seinen Schatten. Dieser verselbständigt sich, wird reich und mächtig, während der Gelehrte verarmt. Am Ende lässt der Schatten ihn töten. Das Verhältnis zwischen dem Mann und seinem Schatten kann als Darstellung innerer Zerrissenheit gelesen werden. Die Kontrolle über die eigene Identität, bzw. der Verlust davon, ist etwas das queere Menschen gut verstehen. Man kann den Schatten auch symbolisch als gesellschaftlich akzeptierte Fassade ansehen.

Jean de la Fontaine

Jean de la Fontaine schrieb seine Fabeln in Frankreich im 17. Jahrhundert. Queere Identitäten oder Sexualitäten im heutigen Sinn konnten damals nicht offen dargestellt werden. Moral, Hofkultur und Zensur setzten dafür zu enge Grenzen. Deshalb findet man auch hier keine eindeutigen queeren Figuren oder Beziehungen in den Fabeln.

Die Fabeln kann man auch nur sehr bedingt als Märchen verstehen. Sie sind eher in der Satire anzusiedeln, mit einem moralischen Ende und die darin vorkommenden Tiere und ihre Eigentümlichkeiten basierten zum Teil auf realen und teils bekannten Menschen. De la Fontaine musste höllisch aufpassen, dass niemand sich in den Geschichten wiedererkannte, da er sonst unter einer Flut von Verleumdungsklagen begraben worden wäre.

Wenn man eine Umdrehung weiter denkt, könnte man queeres Verhalten auf indirekter Ebene entdecken. Viele der Tiere handeln „gegen ihre Natur“. Löwen sind schwach oder manipulativ, Füchse scheitern an ihren schlauen Vorhaben und Esel werden zur moralischen Instanz. Aus queerer Perspektive kann man das als Infragestellung natürlicher Ordnung lesen, aber das ist, zugegeben, sehr weit hergeholt.

Versuchen wir es mit einem Beispiel: „Le Loup et l’Agneau“ (Der Wolf und das Lamm). Der Wolf sucht alle möglichen Vorwände, um das Lamm zu fressen. Alle rationalen Argumente des Lamms werden vom Wolf zurückgewiesen. Die Moral:

„La raison du plus fort est toujours la meilleure.“
(Die Vernunft des Stärkeren setzt sich immer durch.)

Klassisch gelesen ist es eine Kritik an der Willkürherrschaft und eine Warnung vor falschem Vertrauen gegenüber einer höheren Gewalt. Wenn man es aber queer betrachtet, steht das Schaf für soziale Gruppen, die sich legitimieren müssen, obwohl sie niemandem schaden. Das Schaf argumentiert, erklärt, verteidigt sich, was queeren Menschen in einer normativen Gesellschaft sehr vertraut sein dürfte.


Als der Herr aus vorzüglichem Hause sein Werk vollendet hatte, legte er den Federkiel, der vom vielen Schreiben ganz stumpf geworden war, erschöpft, aber glücklich nieder. Er ließ nach einem Laufburschen rufen, der auf schnellstem Wege zur Redaktion von queer.lu eilte und das fertige Manuskript übergab.

Und wenn er nicht gestorben ist, dann schreibt er noch heute.

Bilder: Dornröschen von Paul Hey, Jahr unbekannt. — Le loup et l’agneau von Jean Baptiste Oudry, 1751. — Illustration von Eduard Kretzschmar zu „Der Schatten“ in H.-C. Andersen, „Märchen und Geschichten“, 1873.