Ungeahnter
politischer Erfolg
in Badeshorts
„Moien! Zwee mol Piscine, wann ech gelift.“
Ein Freitagmorgen wie jeder andere. Naja, fast. Denn eigentlich gehen mein Partner und ich immer mittwochs zum Gerätetraining und anschließendem Schwimmen. Auf der Hinfahrt haben wir uns schon ausgemalt, was an einem Freitag alles anders laufen könnte: Was ist, wenn Freitag genau der Tag ist, an dem immer alle gehen und wir uns auf einmal mit einer Menschenmasse konfrontiert sehen, die uns mittwochs aus purem Glück bislang erspart blieb? Was ist, wenn wir das vertraute Ökosystem stören und wie Eindringlinge aus einer Parallelwelt den Betrieb aus seinem gewohnten Takt bringen? Weiß das Drehkreuz eigentlich mittlerweile, wer wir sind, und verweigert uns vielleicht den Zutritt, weil es so verwirrt ist, uns Mittwochgänger_innen an einem anderen Wochentag anzutreffen? Dann fiel uns plötzlich erleichternd ein: Es sind Osterferien in Luxemburg und damit der Wochenrhythmus zumindest ein Stück weit außer Kraft gesetzt. Und so standen wir – nach dem Passieren eines kaputten Drehkreuzes (das so immerhin nicht meckern konnte), dem üblichen Umziehen und obligatorischen Toilettengang vorab – vor einem fast leeren Schwimmbecken und einem komplett freien Fitnessbereich nur für uns allein.
Zum Trainieren an den Geräten trage ich stets das Outfit, mit dem ich danach auch schwimme. Meinen Beobachtungen zufolge macht das der Großteil der anderen Besucher_innen genauso, was bei dem tropischen Schwimmbadklima, das auch im Fitnessbereich herrscht, wenig überrascht. Einige Personen ziehen sich höchstens noch ein Sporttanktop über oder tragen Trainingshandschuhe. Konkret besteht mein Outfit aus einem sportlichen Bikinioberteil und einem strammen Bikinislip, über den ich kurze, deutlich über den Knien sitzende und zum Oberteil abgestimmte Badeshorts aus der Frauenabteilung trage. Ich persönlich finde, dass ich darin ziemlich athletisch aussehe.
Fertig mit den Geräten ging ich wie gewohnt den Schweiß von meinem Körper und meiner Kleidung abduschen (was meinen Beobachtungen zufolge einige andere Besucher_innen wiederum leider nicht machen) und daraufhin ins Schwimmbecken. Ich bemerkte, dass ein mir bis dahin noch unbekannter, junger Schwimmmeister – freitags arbeiten anscheinend andere Personen als mittwochs, so meine Erklärung – mich bereits bei meinem Gang ins Becken ganz genau ins Visier nahm. Da so wenig los war, hatte er allerdings auch keine große Auswahl an Schwimmenden, denen er seine Aufmerksamkeit schenken konnte, und so schwamm ich unbeirrt meine zehn Minuten von einem Rand zum anderen. Um die Fitnessexperience abzurunden, legte ich mich schließlich auf einen der halbwegs bequemen Liegestühle und blickte glücklich und zufrieden umher. Dabei fiel mir besagter Schwimmmeister ins Auge, der sich mit einem Mal schnurstracks auf mich zubewegte. „Pardon, madame.“ In einem Ruck richtete ich mich auf und erwiderte mit einem Puls, der von 60 auf 120 sprang: „Jo?“ Ich ahnte schon, was nun passieren würde. Mit einer unüberhörbaren Unsicherheit in seiner Stimme – denn auch ihm war diese Situation offensichtlich genauso unangenehm wie mir – wies er mich darauf hin, dass die Badeshorts, die ich zum Schwimmen trug, nicht erlaubt seien. Direkt kamen Erinnerungen an eine Bikepacking-Tour durch Frankreich in mir hoch. Vor jedem einzelnen Schwimmbecken, egal wie klein, findet mensch dort akribisch-detaillierte Schilder vor, die aufzeigen, mit welcher Art von Kleidung es gestattet bzw. vielmehr mit welchen tausenden Möglichkeiten es verboten sei, sich ins Wasser zu begeben. Tatsächlich war als eine der untersagten Kombinationen häufig ganz genau mein Schwimmoutfit abgebildet, weshalb ich in Frankreich unter Beobachtung zur Abkühlung allenfalls mal vom Beckenrand meine Beine ins kühle Nass baumeln ließ – und selbst das fühlte sich ohne das Tragen hautenger Kleidung, die bei Frauen am besten mit so wenig Stoff wie möglich den Genitalbereich und die Brustwarzen verdecken soll, wie eine höchst illegale Handlung an.
Vor dem kaputten Drehkreuz war jedoch lediglich eine Abbildung zu finden, die eine durchgestrichene, bis unter die Knie reichende Hose zeigt, der zum Klischee nur noch ein Hibiskus-Muster fehlt. Das trage ich nun wirklich nicht. Und so fragte ich den Schwimmmeister, was denn das Problem an meinen Badeshorts sei. Dieser antwortete, nun umso unangenehmer berührt, dass er durchaus sehen würde, dass ich definitiv Schwimmkleidung trage und betonte, dass meine Shorts ja auch keine Hosentaschen oder Ähnliches aufweisen. Ihn störe jedoch die dünne Lage Stoff, die locker über dem hautengen Hauptteil der Hose liegt. Nein, sie störe nicht ihn persönlich, aber er wüsste einfach nicht, wie er anderen Badegäst_innen erklären soll, dass meine kurzen, aber eben mit einem Hauch von lockeren Stoff umhüllten Shorts okay seien, jedoch knielange Hosen aus festem Material mit Hibiskus-Muster ein No-Go sind. Das müsse ich doch verstehen. Verdutzt nahm ich die, wenn auch gleichsam wie eine Entschuldigung klingende, Ansage mit einem: „Äh, okay?“ zur Kenntnis, verwies jedoch im gleichen Atemzug auf die dahingehend unklare Kleiderordnung am Eingang. Da keine wirkliche Reaktion folgte, fügte ich hinzu, dass ich dann einfach fortan nicht mehr schwimmen werde. Das schien mein Gegenüber zum Nachdenken angeregt zu haben und so ging er, noch geduckter als schon zuvor, zu seinen Kolleg_innen.
Starr und in Emotionen versunken, verweilte ich auf meinem hochgeklappten Liegestuhl und wartete darauf, dass mein Puls sich so weit senkt, dass ich das zweite Mal duschen gehen kann. Glücklicherweise hatte mein Partner vom Weiten die Situation bemerkt und kam zu mir, um zu fragen, was passiert sei und ob es mir gut gehe. Erleichtert über seine Präsenz fing ich an zu erzählen, wurde jedoch kurz darauf von einem mittelalten Mann unterbrochen, der sich schnell als Oberschwimmmeister herausstellte, dicht gefolgt vom jungen Schwimmmeister und einem weiteren Kollegen, den ich schon öfter an einem Mittwoch wahrgenommen habe. Nach einigen musternden Blicken auf meinen Hüftbereich, wurde ein Urteil gefällt: Wir haben es in meinem Fall mit einer Grauzone zu tun. Dafür könne niemensch was, die Anweisungen kämen von ganz oben. Erneut entgegnete ich, dass, wenn dem so sei, ich in Zukunft nicht mehr schwimmen gehen kann. „Firwat dann?“, so der Oberschwimmmeister weiter, als Frau hätte ich doch eine riesige Auswahl an anderer flotter Badekleidung zur Verfügung.
Was dann geschah, kann ich mir noch immer nicht vollends erklären. Es mag damit zusammenhängen, dass Freitag war, oder damit, dass ich morgens vergessen hatte, meine ADHS-Medikamente zu nehmen. Vielleicht hatte sich in mir aber auch einfach ungeahnt viel Selbstbewusstsein angestaut, was genau jetzt herauswollte. Auf jeden Fall begann ich zu erzählen, dass ich eine trans Frau bin. Nachdem ich daraufhin vor drei fragenden Gesichtern stand, ging ich weiter ins Detail und erklärte, dass ich keine geschlechtsangleichende Operationen an den Genitalien habe und bei gewissen Badeunterteilen die Gefahr besteht, dass sich eine Beule in meinem Schritt abzeichnet (wenn ich nicht gerade die Muße aufbringe, vor dem Schwimmengehen meinen Genitalbereich mit wasserfestem Tucking Tape zu bearbeiten, obwohl ich eine Pflasterallergie und auch einfach keinen Bock darauf habe). Der lockere Überstoff meiner Badeshorts hilft effektiv dabei, sich abzeichnende Details im Genitalbereich zu kaschieren und gibt mir damit enorm viel Sicherheit. So muss ich nicht ständig checken, ob sich mein Bikinislip gelöst hat oder wie weit ich beim Schwimmen die Beine auseinander bewegen darf, dass ja nichts verrutscht. Ohne weitere Nachfragen verkündete der Oberschwimmmeister nach aufmerksamem Vernehmen meiner Ausführungen, dass die Art von Badeshorts, die ich trug, ab sofort erlaubt sei. Für alle Badegäst_innen. Ich war schon startbereit, das nächste Argument abzufeuern und von einer cis Freundin zu erzählen, die große Vulvalippen und daher ähnliche Struggles wie ich hat, aber nein: Meine Badeshorts sind erlaubt. Ab sofort. Und zwar für alle. Weder der junge Schwimmmeister noch Kollege Nummer Drei, der mittwochs ohnehin nie ein Problem mit meinem Schwimmoutfit gehabt zu haben scheint oder mich zumindest nie darauf ansprach, hatten Widerreden und lächelten mir und meinem Partner harmoniebedürftig zu. Den krönenden Abschluss bildete, dass der Oberschwimmmeister mir einen versöhnlichen Fist Bump anbot, den ich wie im Autopilot erwiderte, und uns als Entschädigung für die Unannehmlichkeiten dazu einlud, kostenlos und so lange wir wollen, den Saunabereich zu nutzen – er würde auch vorab mitkommen und uns alles zeigen.
Noch unter der Dusche entstand in meinem Kopf bereits eine ausgereifte E-Mail an die Einrichtung, die das Geschehene und den darauffolgenden Beschluss schriftlich festhält und in aufklärerischer Manier meine Argumente noch einmal detailliert zur Verfügung stellt. Sie beginnt mit: „Für gewöhnlich spreche ich mit Fremden beim ersten Kennenlernen nicht über meine Genitalien und das sollte auch niemensch müssen. Heute aber hatte ich das Gefühl, dass es immerhin etwas ins Rollen bringen konnte.“ Die Situation zeigt trotz ihres letztlich positiven Ausgangs – der meinen Erfahrungen nach eine klare Ausnahme, keinesfalls die Regel darstellt –, wie viel Willkür und Unwissenheit trans Personen alltäglich in etlichen Lebensbereichen ausgesetzt sind. Deshalb benötigt es Bildungsmaterialien und Fortbildungen für Badepersonal, die grundlegende Kompetenzen für einen respektvollen, diskriminierungssensiblen Umgang mit trans, inter und abinären Personen vermitteln, mit dem Ziel Unsicherheiten abzubauen, Handlungssicherheit im Arbeitsalltag von Schwimmmeister_innen zu stärken und letztlich einen sicheren, inklusiven Raum für alle Badegäst_innen zu gewährleisten – wovon im Übrigen ebenso endo und cis Menschen profitieren und niemenschen etwas weggenommen wird. Schulungspläne und Flyerentwürfe liegen bereits vor. Was fehlt, ist eine finanzielle Förderung und die Bereitschaft luxemburgischer Badeanstalten zum Wahrnehmen dieser Bildungsangebote. Damit auch transmaskuline Personen ohne Brustentfernung nicht auf das Tragen eines Binders und/oder Schwimmshirts angesprochen werden. Damit alle die für sie passenden Umkleidekabinen und Duschen nutzen können. Damit jede_r angstfrei schwimmen gehen kann.
Endogeschlechtlich: Endo oder dyadisch bezeichnet Menschen, die nicht inter sind, also keine Variationen der Geschlechtsmerkmale haben. Ihre körperlichen Merkmale entsprechen den üblichen medizinischen Vorstellungen von männlich oder weiblich. Die Begriffe werden verwendet, um diese Vorstellungen sichtbar zu machen.
Quelle: Caïtia.de
