Die queere Kraft
der Märchen
In der 10. Ausgabe von queer.lu hat Joël Seiller einen Artikel verfasst, in dem er einige der berühmtesten Märchenautoren und deren Verhältnis zur Queerness untersucht. Es ist ein faszinierendes Thema, das nahezu unendliche Diskussionsmöglichkeiten bietet.
Ich habe selbst schon darüber nachgedacht, einen Beitrag zum Thema Märchen vorzuschlagen, daher ist dies für mich eine großartige Gelegenheit, genau das zu tun. Mein eigener Ansatz besteht meist darin, mich mit den tieferen, oft vernachlässigten Aspekten des Themas auseinanderzusetzen, was einen interessanten Kontrast zu Seillers Artikel bilden könnte.
Diskussionen über Märchen sind faszinierend zu beobachten. Jeder kennt sie, jeder hat eine Meinung dazu. Dennoch nehmen sich die meisten Erwachsenen selten die Zeit, Märchen aus einer erwachsenen Perspektive zu betrachten. Ihr Verständnis wird daher weitgehend von Kindheitserinnerungen geprägt. Ich erinnere mich noch lebhaft daran, wie allgegenwärtig dieses Thema 2020 in den ungarischen sozialen Medien wurde. Wusstet ihr, dass Ungarns berüchtigte Medienzensur ursprünglich eine Diskussion um eine Märchensammlung auslöste? Das Buch trug den Titel Meseország Mindenkié (auf Deutsch: Ein Märchen für alle) und wurde vom lesbischen Verein Labrisz herausgegeben, mit dem Ziel, Eltern eine Sammlung sozialbewusster und inklusiver Märchen an die Hand zu geben. Die eigentliche Kontroverse begann, als ein rechter Politiker das Buch öffentlich zerfetzte, weil es queere Geschichten enthielt. Von da an weitete sich die Debatte zu einer breiteren Diskussion über Bücher, Zensur und darüber aus, was in Märchen erlaubt sein sollte und was nicht. Was mir beim Lesen der Online-Kommentare in den sozialen Medien auffiel, war, wie wenig viele Menschen über Märchen wussten.
Obwohl wir Märchen heute stark mit Kindern assoziieren, war das Genre ursprünglich für Erwachsene gedacht. Die erste literarische Märchensammlung, das italienische Pentamerone, Il racconto dei racconti (Das Pentamerone (Die Erzählung der Erzählungen)), das 1634 und 1636 in zwei Teilen erschien, ist berüchtigt für die Düsterkeit seiner Geschichten. Wenn Seiller in seinem Abschnitt über die Brüder Grimm von der „ursprünglichen Dornröschen“-Geschichte spricht, in der es um Vergewaltigung geht, bezieht er sich auf die Geschichte Sonne, Mond und Talia aus dem Pentamerone.
Märchen richteten sich noch einige Zeit an Erwachsene. Im Jahr 1697 veröffentlichte die französische Autorin Marie-Catherine d’Aulnoy ihre eigene Sammlung, Les Contes des Fées, deren Titel sich schließlich zu contes de fées, dem französischen Begriff für Märchen, entwickelte. Madame d’Aulnoy gehörte zu einem Kreis literarischer Frauen, die das Genre des Märchens nutzten, um über ihre Stellung in der Gesellschaft und die Formen der Unterdrückung zu sprechen, denen sie ausgesetzt waren. In den frühen 1700er Jahren war die arrangierte Ehe eines der drängendsten Themen. Es überrascht daher nicht, dass sich ihre Geschichten um romantische Liebe drehten und darum, dass Frauen sich ihren Ehemann selbst aussuchten. Weitere Motive, die von diesen Frauen eingeführt wurden und seitdem zu Grundpfeilern des Genres geworden sind, sind die gute Fee (wörtlich: eine Patin, die zufällig eine Fee ist) sowie Menschen, die in Tiere verwandelt werden und die Liebe einer anderen Person benötigen, um den Zauber zu brechen. Das berühmteste Beispiel ist Die Schöne und das Biest, geschrieben von Madame de Villeneuve, das erstmals 1740 erschien.
Obwohl Madame d’Aulnoy selbst nicht queer war, gehörten einige ihrer Freundinnen dazu. Henriette-Julie de Castelnau de Murat, selbst eine erfolgreiche Märchenautorin, wurde wegen ihrer Homosexualität verhaftet und daraufhin inhaftiert. Während dieser Zeit schrieb sie weiter. Ihr Roman Les Lutins du château de Kernosy soll von ihrer Inhaftierung inspiriert sein.
Madame de Murat war bei weitem nicht die einzige queere Märchenautorin. Seiller hat ausführlicher über Hans Christian Andersen gesprochen. Aber auch die gefeierten Autoren Oscar Wilde und Selma Lagerlöf, die eher für ihre anderen Werke bekannt sind, schrieben zahlreiche Märchen.
Ein Autor aus jüngerer Zeit, dessen Werk mich besonders beeindruckt hat, ist der Amerikaner Peter Cashorali, der in den 1990er Jahren zwei Bücher veröffentlichte: Fairy Tales: Traditional Stories Retold for Gay Men und Gay Fairy & Folk Tales: More Traditional Stories Retold for Gay Men. Seine Geschichten sind eher dem Beriech der Fabel angesiedelt, da er Erzählungen schaffen wollte, die für schwule Erwachsene wichtige Lebensweisheiten bewahren und deren Weitergabe an die nächste Generation erleichtern. Angesichts der Zeit, in der er schrieb, ist die AIDS-Krise in seinem Werk allgegenwärtig, neben Themen wie Liebe und Altern.
Ebenso besonders ist für mich die Reihe „Asexual Fairy Tales“ der zeitgenössischen Autorin Elizabeth Hopkinson. Als Amateur-Märchenforscherin durchforstete Hopkinson die Märchen aus aller Welt nach Geschichten, die sie als asexuelle Person besonders ansprachen. Anschließend schrieb sie diese um, um die asexuellen Themen deutlicher hervorzuheben, und fügte kurze Einleitungen hinzu, in denen sie den Ursprung jedes Märchens erläuterte und darlegte, womit sie persönlich eine Verbindung spürte. Die daraus entstandenen Bücher sind reichhaltige Märchensammlungen und bieten zugleich interessante Einblicke in die Beziehung einer Person zu ihrer Asexualität.
Ich könnte endlos so weitermachen. Wir sind am Ende des zweiten Artikels zu diesem Thema angelangt und haben die außergewöhnliche Kraft und den Reichtum von Märchen gerade erst angeschnitten. Zum Beispiel haben wir uns noch nicht einmal über europäische Traditionen hinausbewegt. Wir haben noch nicht über die konkreten Auswirkungen gesprochen, die bestimmte Geschichten auf unsere queere Community hatten, wie zum Beispiel die Bedeutung von Der Zauberer von Oz für schwule amerikanische Männer im 20. Jahrhundert. Ebenso wenig haben wir uns mit Zensur, Kindern oder den anhaltenden Auseinandersetzungen darüber befasst, was in Märchensammlungen akzeptabel ist – denn diese Auseinandersetzungen dauern bis heute an. Meseország Mindenkié war lediglich ein bemerkenswerter Schauplatz in einem viel größeren kulturellen Kampf. Wir könnten auch noch tiefer eintauchen und die „Kinder“ der Märchen – Fantasy und Science-Fiction – sowie deren Stellenwert innerhalb der queeren Kultur diskutieren. Wie gesagt: Dies ist ein Gespräch, das endlos weitergehen könnte.
