Die Vulgata-Version der Artusromane; Band 3

Queere mittelalterliche Literatur

Je älter eine queere Geschichte ist, desto mehr fühlt es sich an, als würde man einen verborgenen Schatz entdecken.

Seit einigen Jahren bemühe ich mich bewusst, jedes Jahr mindestens ein oder zwei Werke der klassischen Literatur zu lesen – wobei ich den Begriff „klassisch“ möglichst weit fasse. Das bedeutet in der Regel eines von zwei Dingen: Abenteuerromane aus dem frühen 20. Jahrhundert oder irgendwelche mittelalterlichen Texte, die mit dem Artus-Mythos zu tun haben.

Queerness in der mittelalterlichen Literatur ist eine komplizierte Angelegenheit, vor allem weil sich ihr kultureller Rahmen so sehr von unserem unterscheidet. Es stimmt wirklich: Die Vergangenheit ist ein anderes Land, und wie alle Länder hat sie ihre eigenen Vorstellungen von Geschlecht und Sexualität sowie ihre eigenen Erzählkonventionen. Man könnte (und sollte wahrscheinlich auch) einige Hintergrundrecherchen anstellen, aber es gibt eine Menge Material. Wenn man kein:e Expert:in ist, kann man sich sehr schnell verlieren. The Handbook of Medieval Sexuality (Vern L. Bullough und James A. Brundage) beispielsweise war eine sehr interessante Lektüre, widmet jedoch nur ein Kapitel der Queerness – und keines der Literatur. Ein besserer Ansatz ist es, zuerst einen Text auszuwählen und sich dann eingehender mit seinem Kontext zu befassen. Für Le Roman de Silence fand ich Valerie R. Hotchkiss‘ Clothes Make the Man: Female Cross Dressing in Medieval Europe sehr hilfreich.

Das Wichtigste vorab: Die Menschen im Mittelalter verstanden Queerness nicht so wie wir heute. Aber queere Menschen gab es sehr wohl, und sie tauchten auch in der Literatur auf. In diesem Artikel werde ich einige Texte vorstellen, die ich persönlich kenne. Es gibt noch mehr – insbesondere, wenn wir uns außerhalb des sehr kleinen Genres bewegen, das ich bisher betrachtet habe, oder über das christliche Europa hinausschauen. Genau zu verstehen, wie die Menschen damals mit diesen Geschichten und Figuren umgegangen sind, ist eine Aufgabe für Fachleute. Was ich mit Sicherheit sagen kann, ist, dass queere Leser:innen heute einen Zugang zu den Geschichten und Figuren finden und dass sie es wert sind, als Teil unseres gemeinsamen kulturellen Erbes in Erinnerung zu bleiben.

Es ist deutlich schwieriger zu argumentieren, dass nicht-binäre Menschen etwas Neues sind, wenn ein Text aus dem 13. Jahrhundert explizit das Geschlecht hinterfragt.

Man muss natürlich nicht das Original in mittelalterlichem Französisch lesen. (Ich habe es versucht. Erstaunlicherweise verständlich – aber auch: NEIN). Man muss sich nicht einmal mit wörtlichen Übersetzungen herumschlagen, wenn einem das keinen Spaß macht. Mittelalterliche Erzählungen folgen nicht dem modernen Erzähltempo, und das kann einen aus dem Konzept sein. Für viele Texte gibt es Nacherzählungen für zeitgenössische Leser:innen – sogar für Kinder. Fabien Clavels „Le Chevalier Silence“ ist kurz, leicht zu lesen und originalgetreu, mit nur geringfügigen Aktualisierungen, um die Geschichte für ein modernes Publikum verständlicher und zugänglicher zu machen. Und wer nicht recherchieren möchte, lässt es einfach bleiben. Man kann auch einfach die Geschichten lesen. Meistens geht es darum, dass sich Leute mit Schwertern bekämpfen. Es ist leicht zu verstehen.

Also dann, weiter zur Liste

„Was ich mit Sicherheit sagen kann, ist, dass sich queere Leser*innen heute mit [mittelalterlichen Geschichten] identifizieren können und dass es sich lohnt, sie als Teil unseres gemeinsamen kulturellen Erbes in Erinnerung zu behalten.“

Bisclavret (12. Jahrhundert)

Ein Werwolfritter bleibt in Wolfsgestalt stecken, weil seine Frau und ihr Liebhaber die Kleidung verstecken, die er braucht, um sich zurückzuverwandeln. Er endet als Haustierwolf des Königs, bis die Wahrheit ans Licht kommt. Spoiler-Alarm: Es endet damit, dass der König den Ritter auf seinem Bett küsst.

Der Vulgata-Zyklus (12. Jahrhundert)

Der Vulgata-Zyklus ist ein mehrbändiges Epos, das die gesamte Saga von König Artus Hof erzählt. Darin passiert also eine Menge. Ich habe nur einen Teil davon gelesen und nehme mir immer noch vor, es eines Tages noch einmal zu versuchen und es tatsächlich von vorne bis hinten zu lesen. Ich empfehle, sich eine bessere Ausgabe zu besorgen, als die, die ich besitze – sie ist in mittelalterlichem Französisch verfasst und enthält kurze Zusammenfassungen in modernem Englisch am Rand. Eine interessante Art, Literatur zu erleben, das ist sicher. Wer es ausprobieren möchte, findet die Bücher im Internet Archiv. Die Szene, die wir als Illustration verwendet haben, stammt aus „The Vulgate Version of the Arthurian Romances, Volume 3”, Seite 253 (258 im Dokument). Man kann dort einfach hineinblättern.

Die stark vereinfachte Geschichte lautet wie folgt:

Als Artus zum ersten Mal die britischen Inseln eroberte, gab es einen anderen König, der dasselbe tat: Galehaut, der Sohn eines Riesen. Und er war besser darin. Er hätte gewonnen, hätte Lancelot ihn nicht davon überzeugt, sich stattdessen Artus zu ergeben (ich habe diese Episode einmal als „das eine Mal, als Lancelot einen Krieg gewann, indem er den feindlichen König verführte” beschrieben gesehen). Galehaut wurde ein enger Verbündeter von Lancelot und damit auch von Artus und spielte insgesamt eine ziemlich wichtige Rolle in den frühen Tagen der Legende. Dann – denn die Legende von König Artus ist eine Tragödie – starb er an gebrochenem Herzen, als er glaubte, Lancelot sei tot. Sie sind gemeinsam begraben.

Leider veränderte sich die Geschichte im Laufe der Zeit, und im 15. Jahrhundert wurde Galehauts Rolle in Mallorys Le Morte d’Arthur deutlich reduziert. Wichtig zu wissen ist, dass, wenn jemand, der eine moderne Adaption erstellt, tatsächlich auf die mittelalterliche Quelle zurückgreift – und das ist ein großes Wenn! –, dann liest er in der Regel La Morte d’Arthur. Infolgedessen ist Galehaut, der aus Liebe zu Lancelot starb, von der breiten Öffentlichkeit vergessen worden.

Le Roman de Silence (13. Jahrhundert)

Dieser französische Text erzählt vom Ritter Silence, der als Frau geboren, aber als Junge aufgezogen wurde. Das Geschlecht von Silence ist daher etwas schwierig zu bestimmen, und der Dichter diskutiert ausdrücklich Gender-Normen und die Frage „Natur oder Erziehung“. (Ich persönlich habe mich für die Pronomen „er/ihn“ entschieden, da Silence in den meisten Teilen des Gedichts als Mann bezeichnet wird.) Er erlebt eine Reihe von Abenteuern, wird ein großer Ritter, gewinnt einen Krieg und wird schließlich von Merlin entlarvt. An diesem Punkt verwandelt er sich auf magische Weise in ein sehr hübsches Mädchen und heiratet, denn wir befinden uns im 13. Jahrhundert, und eine Debatte über Gender-Rollen führt zu einem anderen Ergebnis als heute.

Yde und Olive (13. Jahrhundert)

Ist das einzige Werk auf dieser Liste, das ich noch nicht gelesen habe. Wie Bisclavret ist es nicht Teil der Artus-Sage. Die Geschichte handelt von einer jungen „Frau“ namens Yde, die als Mann verkleidet von zu Hause wegläuft und schließlich die Tochter des Kaisers von Rom heiratet. Er wird fast ertappt, aber im letzten Moment erscheint ein Engel und verwandelt seinen Körper in einen männlichen.

Sir Gawain und der Grüne Ritter (14. Jahrhundert)

Eine meiner Lieblingsgeschichten und auch eine meiner liebsten Weihnachtsgeschichten. Sie handelt von Sir Gawain, dem Neffen von König Artus und einem der besten Ritter der Tafelrunde, und seine Auseinandersetzung mit dem mysteriösen Grünen Ritter, der ihn am Neujahrstag enthaupten will. Während seiner Suche hält er sich in einem Schloss auf, wo der Lord und die Lady ein seltsames Spiel mit ihm spielen, bei dem er den Lord mehrmals küssen muss. Was er mit solcher Begeisterung tut, dass der Lord dies kommentiert. (Wie die Vulgata-Szene zeigt, hatte Gawain schon zuvor sehr heterosexuelle Momente.)

Von all diesen Geschichten ist Sir Gawain und der Grüne Ritter die bekannteste, die mehrfach verfilmt wurde. Empfehlenswert ist Sire Gauvain et le Chevalier Vert (2014). Oder noch besser: Fragt mich irgendwann persönlich danach. Ich erzähle diese Geschichte wirklich sehr gerne.

Das ist meine Liste bis jetzt. Vielen Dank, dass Sie bis hierher dabei geblieben sind – ich hoffe, ich habe Ihr Interesse geweckt. Allzu oft tun wir das Mittelalter als nichts als religiös und homophob ab, wenn wir über die Geschichte der queeren Literatur sprechen. Das war es auch, aber es gab auch einige gute queere Geschichten, die es wert sind, wiederentdeckt zu werden.

Wenn ihr weitere verborgene Schätze entdecken möchtet (nicht alle aus dem Mittelalter!), veranstalte ich einen monatlichen Buchclub, in dem jede:r seine Lieblingsbücher vorstellen kann. Details findet ihr auf der Facebook-Seite des Rainbow Centers. Ich würde mich freuen, euch dort zu sehen!