Luxemburg liebt Pornos, und zwar sehr. Allein im Juli 2025 wurde Pornhub.com im Großherzogtum häufiger aufgerufen als Amazon.de. Obwohl der Konsum unbestreitbar hoch ist, ist das Thema Porno nach wie vor mit einem starken Stigma und der guten alten luxemburgischen Scham behaftet, zumindest laut unseren Interviewpartner:innen. Für viele von uns ging es bei Pornos nie nur um Neugier oder Vergnügen. Sie prägten unsere Wahrnehmung unserer queeren Sexualität und waren oft der einzige Raum, um Begehren erkunden, uns selbst wiedererzukennen und das zu lernen, was formale Bildung uns nicht vermittelt hat. Während der Pornokonsum unter jungen Menschen hoch ist – eine aktuelle Studie des Luxemburger Nationalen Jugenddienstes (SNJ) ergab, dass 58 % der 12- bis 17-Jährigen und 79 % der 18- bis 30-Jährigen in irgendeiner Form Pornos konsumieren – zeigen internationale Studien, dass queere Jugendliche im Durchschnitt sogar noch mehr Pornos konsumieren als ihre heterosexuellen Altersgenoss:innen.
Mainstream-Pornos sind jedoch mit einer schweren Last behaftet: Ein Großteil der Inhalte ist von Heteronormativität, Misogynie und einer engen Vorstellung von Sexualität und Körper geprägt. Um zu erörtern, wie Pornos die Identität der queeren Community in Luxemburg geprägt haben, hat queer.lu mit drei jungen queeren Menschen über ihre Beziehung zu Pornos gesprochen.
„Wenn du oder deine Partnerin eine Zeit lang keine starke Libido habt, fängst du an zu denken: Bin ich eigentlich genug? Bin ich begehrenswert? Du beginnst zu glauben, dass du irgendwie wie eine Person in einer Pornoszene behandelt werden musst.“
Jung, verwirrt und autodidaktisch
„Insgeheim wurde mir klar, okay … ich mag es irgendwie, wenn keine Frauen dabei sind“, sagt T (26). Deren Selbstfindung wurde, wie die vieler queerer Jugendlicher, stark von Pornos und dem Mangel an verfügbaren Ressourcen beeinflusst.
„Das war etwas, das unter Jungs herumgereicht wurde“, sagt dey und erinnert sich daran, dass es sie:ihn nicht wirklich angesprochen hat.
Als dey älter wurde, wuchs deren Appetit auf kuratierte Inhalte, die deren eigenen Wünsche widerspiegelten. „Mit etwa 17 begann ich, meinen Tumblr-Blog pikanter zu gestalten“, erklärt dey. Schließlich erstellte dey einen separaten Blog nur für Pornos, eine Art eigene kuratierte Galerie. „Ich habe durch Pornos so viele Dinge gesehen, die mir sonst nie begegnet wären. Ich dachte immer: ‚Wow, ich wusste nicht, dass es so etwas tatsächlich gibt, aber es ist verrückt, dass es existiert.‘“
Interessanterweise trat Pornografie für T in den Hintergrund, als dey von Luxemburg nach Berlin zog. Was sonst vielleicht eine Nischenerfahrung im Internet geblieben wäre, wurde durch die Clubkultur der Stadt und das queere Dating in einer Großstadt greifbar. „Wenn man in Berlin lebt, ist es wirklich nur eine Frage der Zeit. Mit genügend Clubbing-Erfahrung, besonders wenn man ins Berghain, KitKat oder Whole Festival geht, sieht man Dinge, die man vielleicht nur in Pornos gesehen hat, aber nie im Alltag“, erklärte T. „Ich war einmal auf diesem Festival und habe buchstäblich gesehen, wie ein Mann von drei anderen Männern gleichzeitig gefistet wurde, und ich dachte nur: Krass!“ Für T wären diese Selbstentdeckungsreisen ohne den Luxus des Berliner Nachtlebens ausschließlich durch Pornos zugänglich geblieben.
Doch während die Clubs eine unerwartete, immersive Form der Sexualaufklärung boten, gab es in der Schule so gut wie keine, nicht einmal zu den Grundlagen. „Mir wurde gesagt: ‚Hey, Pornos sind nicht real‘“, erinnert sich T an das einzige Mal, als Pornos im Biologieunterricht thematisiert wurden. „In diesem Moment dachte ich: ‚Schätzchen, dafür ist es ein bisschen zu spät.‘“ Da T sich selbst mit queerer Sexualität auseinandersetzen musste, wandte dey sich Büchern, Shows und Gesprächen mit anderen zu. „Ich habe meine eigene Aufklärung in die Hand genommen“, fügte dey hinzu.
Auch für Steven (29) hinterließ die formale Bildung Lücken, die später durch Pornos gefüllt wurden. „So habe ich gelernt, was ich beim Sex mag und was nicht“, sagt er. „In der Schule wird einem beigebracht, dass ein Penis in eine Vagina eingeführt wird. Was Männer angeht, lernen wir durch Pornos, wie es funktioniert.“
Pornos boten ihm eine Vorlage dafür, was schwule Sexualität bedeuten könnte, eine Möglichkeit, sein Verlangen und seine Identität zu erforschen. „Ich glaube, das hat mich wirklich weitergebracht“, reflektiert er. „Die Tatsache, dass ich schwul war und dies im realen Leben nicht ausleben konnte, hat mein Interesse noch mehr geweckt. Für mich war nicht Pornografie beängstigend, sondern meine Sexualität.“
Für T und Steven wurde Pornografie zum Ersatz für fehlende Aufklärung. Dies ist bei vielen jungen queeren Menschen üblich. Pornos dienen nicht nur der Information, sondern auch der Selbstfindung. Studien zeigen, dass Pornos queeren Minderheiten helfen können, nicht-heterosexuelle Praktiken zu normalisieren, indem sie ihnen die Möglichkeit bieten, neue Stellungen und Techniken zu lernen und Fantasien zu erforschen. Sich jedoch ausschließlich auf Mainstream-Darstellungen von Sexualität zu verlassen, anstatt auf strukturierte Sexual- und Geschlechterbildung, bringt Risiken und Einschränkungen mit sich.
„Es ist irgendwie lustig, dass ich jetzt offen über Pornografie spreche, denn ich muss sagen, das war für mich lange Zeit ein Tabu.“
Es ist keine Überraschung, dass in einer Gesellschaft, die von patriarchalischen Strukturen und Normen dominiert wird, auch Pornos davon durchdrungen sind. S, 27, reflektiert über die Schwierigkeiten, sich als junge queere Person im Mainstream-Porno zurechtzufinden.
„Ich erinnere mich, dass ich mit Freund:innen darüber gesprochen habe, welche Seiten sie besuchen“, erinnert sich S. „Ich hatte keine Ahnung, wo ich das alles finden konnte.“ Als S zum ersten Mal nach Pornos suchte, wurde schnell klar, dass es noch schwieriger war, Inhalte zu finden, die S ansprachen. „Ich habe einige Seiten besucht, und als ich bestimmte Dinge sah, hat mich das ein bisschen abgeschreckt.“
Deren erste Begegnung mit lesbischen Pornos hatte dey über Tumblr: „Das erste Mal, dass ich zwei Frauen zusammen gesehen habe, war durch solche Inhalte. Gleichzeitig dachte ich, ‘das ist doch für Männer gemacht.’“ Dey hatte ohnehin schon mit der gesellschaftlichen Wahrnehmung bisexueller Frauen zu kämpfen, und der männliche Blick in lesbischen Pornos verstärkte diese Schwierigkeit noch. „Als bisexuelle Frau wird man nicht ernst genommen. Man bekommt zu hören, dass man Männer mehr mag als Frauen. […] Wenn also sogar heterosexuelle Männer das heiß finden, bin ich dann wirklich queer?“
Mainstream-Pornos priorisieren überwiegend männliche Wünsche, daher bleibt jede Art der Darstellung verzerrt. Auf Pornhub identifizieren sich nur 38 % der Besucher:innen als weiblich (Pornhub-Bericht 2024). Die mangelnde Darstellung wird noch deutlicher, da lesbische Inhalte in eine einzige Unterkategorie verbannt werden, ohne jegliche Nuancen. Schwule Pornos hingegen haben eigene Seiten mit zahlreichen Unterkategorien. Es ist klar, dass wir in der großen Welt der Pornos nicht alle gleich vertreten sind.
Für S war Mainstream-Porno lange Zeit keine Option, da es an der Darstellung mangelte, die dey suchte, und die Ethik zu einem weiteren Problem wurde. Dey erinnert sich an ein Interview mit einer Pornodarstellerin: „Sie sagte: ‚Als wir mit den Dreharbeiten begannen, war alles besprochen, dass wir diese und jene Handlung machen würden. Aber dann passierte plötzlich etwas anderes, Analverkehr, obwohl das nicht vereinbart war, und natürlich hatte sie Schmerzen, weil es keine Vorbereitung oder so etwas gegeben hatte.‘“ Diese Unsicherheit veranlasste dey, deren eigenen Konsum zu überdenken: „Dieser Zweifel … Das ruiniert irgendwie die Stimmung. Ich fühle mich schlecht, weil ich daran überhaupt Freude habe.“
Infolgedessen suchte S nach alternativen, besser kuratierten Inhalten: „Amateurpornos bedeuten hoffentlich zumindest, dass alle Beteiligten wissen, dass sie gefilmt werden.“ Dey beschreibt auch, dass dey nach Inhalten sucht, die von Frauen produziert wurden: „Der männliche Blick ist sonst so überall so präsent.“ Dey fügt hinzu: „Wenn man sich dieser patriarchalischen Strukturen einmal bewusst ist, kann man solche Inhalte nicht mehr wirklich ansehen, ohne darüber nachzudenken. Selbst wenn niemand aktiv zu Schaden kommt.“
Steven macht sich auch Gedanken über ethische Fragen, besonders bei großen Altersunterschiedeb. „Ich frage mich immer, ob diese Inhalte in Richtung Pädophilie gehen oder nicht, das ist ein etwas widersprüchlicher Gedanke.“
„Es ist ein bisschen zweideutig“, sagt Steven. „Wenn es ein 60-Jähriger mit einem 18-Jährigen, der wie 16 aussieht, ist, dann denke ich wirklich: ‘Oh.’“ Die gleiche Unsicherheit, die S davon abhielt, Mainstream-Inhalte zu konsumieren, wirft bei ihm Fragen zum Alter und zum Consent auf: „Vielleicht sind sie manchmal wirklich jünger als 18“, was unterstreicht, wie schwierig es ist, zu wissen, was wir konsumieren. Diese Inhalte sind in Pornos weit verbreitet, einige Websites und Serien haben sich darauf spezialisiert, ausschließlich kleinere, jünger aussehende Männer mit älteren, größeren Männern zu zeigen. Das bekommt eine weitere Dimension, wenn die Darsteller nicht nur jung aussehen, sondern oft auch gerade einmal 18 Jahre alt sind.
Inhalte mit Altersunterschieden sind besonders beliebt. Pornhub erklärte MILF zur meistgesehenen Kategorie im Jahr 2024, und ihr Pride-Bericht für 2025 zeigte, dass Twink die beliebteste Kategorie für Schwulenpornos in den meisten Teilen Europas und Russlands war.
Stevens Bedenken sind nicht unbegründet, insbesondere im Zeitalter von „Community-Pornos“, die über Plattformen wie X und Telegram verbreitet werden. Es ist einfacher denn je, mit fragwürdigen Inhalten konfrontiert zu werden.
Genau in diesem Fall zeigt Community-Porno für T seine Stärken, indem er die Möglichkeit diskutiert, problematische Personen und Inhalte direkt zur Verantwortung zu ziehen: „Ich habe festgestellt, dass solche Leute auf Twitter aktiv gecancelt werden, wenn sie problematisches Verhalten gezeigt haben, insbesondere wenn Pornodarsteller beteiligt sind, die extrem jung aussehende Männer als Filmpartner einsetzen, und man sich fragt: Ist diese Person überhaupt schon 18?”, so T. „Solche Leute werden gecancelled, und wenn ich davon erfahre, kann ich mich aktiv dafür entscheiden, diese Inhalte nicht zu konsumieren oder dieser Person nicht zu folgen.“
Soziale Medien können zwar für mehr Verantwortungsbewusstsein im Pornogeschäft sorgen, aber sie führen auch dazu, dass wir Pornos wie nie zuvor konsumieren. Studien zeigen, dass der weltweite Pornokonsum in den letzten zehn Jahren sprunghaft angestiegen ist, und während sexuelle Erregung und Neugierde nach wie vor die Haupttreiber sind, greifen viele zu Pornos, um vorübergehend Stress und Einsamkeit zu reduzieren. Es wird immer wichtiger, Pornos nicht nur ethisch, sondern auch achtsam zu konsumieren.
Es ist erwiesen, dass Pornos unsere Selbstwahrnehmung und unser Körperbild beeinflussen. Für manche, wie T, steht daher der achtsame Konsum von Pornos im Vordergrund. Nicht nur, wenn es darum geht, wie viel wir konsumieren, sondern auch, wie wir es verarbeiten. Im Laufe der Jahre hat dey gelernt, sich deren Konsums bewusster zu werden, und festgestellt, wie leicht man sich darin verlieren kann: „Man scrollt von Video zu Video, besonders auf Twitter, wo alles superschnell geht.“ Für dey ist dies Teil der Entwicklung eines umfassenderen Bewusstseins für Konsum, das über Pornos hinausgeht und ihm:ihr hilft zu erkennen, wann man einen Schritt zurücktreten muss. Manchmal bedeutet das, sich ganz von Pornos abzuwenden. Ohne Pornos „hat man auch eine ganz andere Beziehung zu seinem Körper. Es gibt eine andere Art der Stimulation als nur auf unseren Bildschirm zu schauen.“ Dey zeigt auf deren Kopf und fügt hinzu: „Denn dort ist eine Menge gespeichert.“
Heute hat T zwar eine gesunde Beziehung sowohl zu deren Sexualität als auch zu Pornos, erkennt aber die unrealistischen Erwartungen, die Pornos wecken können. „Pornos können oft dazu führen, dass man sich sexuell etwas prüde oder zurückhaltend fühlt“, sagt dey und erklärt, wie die Darstellung von Sexualität in Pornos Unsicherheiten verstärken kann. „Wenn du oder dein:e Partner:in eine Zeit lang keine starke Libido habt, fängst du an zu denken: Bin ich eigentlich gut genug? Bin ich begehrenswert? Du fängst an zu denken, dass du irgendwie wie eine Person in einer Pornoszene behandelt werden musst.“
Es ist also klar, dass ein offenes Gespräch über Pornos notwendig ist, um zu untersuchen, warum wir sie konsumieren und wie wir dies sicher und ethisch vertretbar tun können. Aber warum ist diese Diskussion so begrenzt? In Luxemburg beispielsweise bietet BEE Secure Schulungen und Tools für ein gesünderes Online-Verhalten an, darunter auch Informationsmaterial darüber, warum und wie wir Pornos konsumieren. Die Diskussion stützt sich jedoch nach wie vor weitgehend auf kleine Initiativen, und Lehrer:innen entscheiden weiterhin, was im Sexualkundeunterricht vermittelt wird.
Für Steven ist klar, dass der allgemeine Tabustatus von Pornos in Luxemburg seine eigene Beziehung zu pornografischen Inhalten beeinflusst hat. „Es ist irgendwie komisch, dass ich jetzt offen über Pornos spreche, denn ich muss sagen, dass es für mich lange Zeit ein Tabu war“, gibt Steven zu. Bis vor kurzem versuchte er zu verbergen, dass er sich Pornos ansieht. „Selbst jetzt, wo ich älter bin, gibt es Leute, mit denen ich darüber spreche, aber ich habe immer noch das Gefühl, dass es irgendwann eine Barriere gibt. Es wird immer noch irgendwie als pervers angesehen.“
Ein Teil dieser Scham, sagt Steven, ist kulturell bedingt. Da er sowohl in Luxemburg als auch in Portugal gelebt hat, ist ihm ein deutlicher Unterschied aufgefallen. „Ich finde, dass man in Portugal viel offener über Sex spricht. Im Allgemeinen hört man davon im Fernsehen, im Radio, die Leute machen Witze darüber, es ist mehr dekonstruiert.“ Mit Blick auf das konservativere Klima in Luxemburg fügt er hinzu: „Ich denke, in Luxemburg ist es stärker stigmatisiert.“
“People like that get cancelled, and when I become aware of it, I can actively decide not to consume that content or not to follow that person.”
Keine Tabus mehr rund um Pornos
Pornos sind mehr als nur Unterhaltung, sie können Selbstfindung, Aufklärung und Erkundung bedeuten. Wie die meisten Dinge im Leben sind auch Pornos nicht für jede:n gleich. Keine:r unserer Befragten konnte sich ihnen entziehen, egal ob sie von Freund:innen eingeführt wurden oder ob sie sie selbst entdeckt haben. Pornos spielten eine entscheidende Rolle dabei, wie sie sich mit ihren eigenen sexuellen Wünschen und Identitäten auseinandersetzten.
Die Probleme rund um Pornos sind real und müssen angegangen werden – nicht, um ihre Nutzung zu verhindern, sondern um einen offenen, informierten und ehrlichen Dialog über psychische und physische Gesundheit zu fördern. Die Enttabuisierung von Pornografie und die Förderung ehrlicher Gespräche darüber, warum und wie wir sie konsumieren, sind wichtige Schritte nicht nur hin zu einer gesünderen Beziehung zu Pornos, sondern auch hin zu unserer eigenen Sichtweise auf Sexualität.
Quellen:
- https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/13634607241274526
- https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/13634607241274526#:~:text=We%20found%20that%20pornography%20played,orientations%2C%20acts%2C%20and%20identities.
- https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC9922938/#:~:text=Technology%20and%20especially%20the%20internet,self%2Dgratification%20%5B1%5D.&text=Not%20only%20has%20pornography%20been,drug%2Drelated%20effects%20of%20pornography.
- https://scholarworks.harding.edu/cgi/viewcontent.cgi?article=1058&context=jger
