DE: Eine Kolumne mit Kelly Kosel, in der an Gefühlen gefummelt, Fäden verfolgt und Themen rund um Sexualität, Körper, Intimität und Beziehungen eingeladen werden.
FR: Une chronique qui s’adresse aux émotions pour démêler certaines de vos questions sur le sexe, les relations, le corps et l‘intimité.
EN: An Advice Column that fiddles about feelings to untangle some of your questions about sex, relationships, bodies and intimacy.
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Wir leben in einer Welt, in der wir immer „besser“ werden sollen – das gilt auch für Sex. Bücher, Kolumnen, Podcasts und soziale Medien vermitteln uns: Hab mehr Zeit für Sex; hab mehr Lust, Freude, Verbundenheit und Vergnügen beim Sex; hab mehr unterschiedlichen Sex, usw. Doch was, wenn wir gar keinen Sex haben? Und zwar nicht, weil wir Sex grundsätzlich blöd oder komisch finden (which would be totally fine), sondern weil es sich einfach nicht ergibt. Obwohl es eine oder mehrere Personen gibt, mit der Sex möglich wäre. Viele Partner*innenschaften sind sexlos – manchmal gewollt, manchmal ungewollt, meistens eine Mischung davon (weil woher wissen wir, was wir wollen, weil wir es wirklich wollen und was wir wollen, weil wir unterbewusst denken es wollen zu sollen).
Warum haben wir keinen Sex? Und warum sind wir deswegen frustriert?
Generell regiert in unserer Gesellschaft die Vorstellung, dass alle Menschen Interesse an Sex haben und haben sollen (Stichwort: compulsory sexuality). Diese Norm wird nicht nur durch Medien, sondern auch von Sexualwissenschaften und Sexualtherapie durchgesetzt: Wenn Personen gewissen Vorstellungen von „normaler“ und „gesunder“ Sexualität nicht entsprechen, wird bei ihnen gerne mal eine „Störung“ oder „Dysfunktion“ festgestellt, wie etwa sogenannte Orgasmusstörungen. Es wird uns also nicht nur beigebracht, dass wir Sex haben sollen, sondern auch, wie der sein soll. Hinzu kommen dann noch Botschaften unserer sexnegativen Gesellschaft, die uns vermitteln, dass Sex „gefährlich“ und/oder „moralisch schlecht“ sei. Das löst oft weitere Unsicherheit und Scham aus – oder braucht zumindest Arbeit, um diese Gefühle nicht mit in unser Leben zu nehmen. Insgesamt also ganz schön viel Ballast für Sex.
Dieser Druck guten/richtigen/überhaupt Sex zu haben paart sich mit dem Stress aus unserem komplexen Alltag (Job, Familie, Freund*innen, Finanzen, Versicherung, Soziales, Politik, etc.). So entsteht ein Kontext, der Sex (und viele weitere potenziell schöne Erfahrungen) wenig lustvoll, uninteressant oder unmöglich macht. Denn wenn wir gestresst sind, wird alles als Bedrohung wahrgenommen – auch eine zarte Berührung oder ein flirtender Blick. Denn unsere Emotionen werden alle am gleichen Ort im Gehirn verarbeitet. Dieses Kontrollzentrum steuert unsere Bedürfnisse und Reaktionen auf Umwelteinflüsse. Das heißt: Wenn wir gerade Streit mit einer Freund*in oder der Chef*in hatten oder 100 To-do’s auf unserer Liste, dann ist unser Hirn meistens zu sehr damit beschäftigt und hat einfach andere Prioritäten als Sex.
Um lustvolle Erfahrungen in uns entstehen und zulassen zu können, müssen wir zuerst mit dem Stress in unserem Körper/Hirn umgehen (siehe „How to complete your Stress Cycle“ in den Quellen). Selbst wenn wir entspannt sind und einen Kontext, der grundsätzlich schöne Erfahrungen ermöglicht, schaffen, ist da immer noch der normative Druck, der mit Sex verbunden ist. Denn wir haben leider die gesellschaftlichen Erwartungen und Normen verinnerlicht und beurteilen (unterbewusst) unser Leben nach ihnen. Die Sexualwissenschaftlerin Emily Nagoski beschreibt unsere Erwartungen als „little monitors“ (siehe „Come As You Are“ in den Quellen). Die kleinen Monitore in uns haben ständig am Schirm, was wir als ,normal‘ verinnerlicht haben – und werden sehr schnell ungeduldig und frustriert, wenn wir diese Ziele (z.B. entspannt sein, Sex haben, regelmäßig Sex haben, einen Orgasmus beim Sex haben, etc.) nicht möglichst schnell erreichen. Dann denken wir, dass etwas mit uns, unseren Beziehungen und/oder unserem Leben nicht stimmt. Die Monitore schreien: Kein Sex = Problem! Je frustrierter die Monitore werden, desto mehr Druck und Stress baut sich in uns auf – und desto weniger Lust, Entspannung und Sex haben wird. Und so wird das „Problem“ scheinbar immer größer.
Anstatt Sex?
Es gibt generell kein Problem, wenn wir keinen Sex haben (wichtig!). Auch wenn unsere Gefühle von Frust, Unsicherheit und Mangelhaftigkeit uns etwas anderes zuflüstern. Wir haben andere Prioritäten in unseren Beziehungen und in unserem Leben – und das ist total normal. Gleichzeitig sind mit Sex oft Bedürfnisse, die für uns und für unsere Beziehungen wichtig und wohltuend sind, verbunden. Wenn du also frustriert bist, weil du keinen Sex hast, kannst du dir überlegen: Liegt es wirklich am Sex? Oder liegt es an unerfüllten Bedürfnissen? Hier eine kleine, unvollständige Liste an Bedürfnissen, die Sex abdecken kann:
- Aufregung
- Spielen
- Freude
- Leichtigkeit
- Genuss
- „den Kopf ausschalten“
- Körperlichkeit
- Nackt sein
- Nähe
- Intimität
- Zärtlichkeit
- (Gemeinsam) etwas Neues erleben
- Vertrauen
- Hingabe
- …
Diese Bedürfnisse lassen sich z.B. durch gemeinsame Spieleabende, eine Wanderung, nackt kuscheln, eine Fahrradtour, leicht angetrunken flirten, eine Reise, gemeinsame Zukunftspläne oder einen Tanzabend erfüllen. Und das ohne den Druck, jetzt den richtigen/guten/endlich Sex zu haben. Du kannst aufschreiben, welche Bedürfnisse dir wichtig sind und ob dir etwas fehlt. Besprich mit deiner oder deinen Beziehungspersonen und auch mit Friends. Macht konkrete Pläne. Nimm deine Bedürfnisse ernst. Und erzähl es allen, die es hören wollen (und dir selbst): Du musst keinen Sex haben, um Begehren, Spaß, Vertrautheit oder Aufregung zu erleben.
Quellen
- Buch: „Come as you are“ von Emily Nagoski (erhältlich in verschiedenen Sprachen)
- Rubriken: „Stress & Sex in Context“ und „How to: Complete your stress cycle“ auf www.sexpodcast.lu (auf Luxemburgisch)
P.S. Und falls du draufkommst, dass du doch mal wieder in deiner Beziehung Sex haben magst, um Freude, Genuss und Leichtigkeit zu spüren, dann empfehle ich dir 1. das Buch von Emily zu lesen und 2. ein Sexverbot. Verbot heißt: Ihr dürft jede Art von Nähe zulassen – außer Sex. Denn nie wird Sex attraktiver und kreativer, wie wenn der Druck weg ist, Sex haben zu müssen.
