Es gibt einen Moment gleich zu Beginn von Zwischen damals und heute, in dem die Kunst aufhört, distanziert zu wirken, und sich langsam wie ein Teil des eigenen Körpers anfühlt. Am Eingang zu Igshaan Adams‘ Ausstellung sind die Besucher:innen dazu eingeladen, Stoffmuster zu berühren, die direkt aus dem Atelier des Künstlers stammen. Fäden, Seile, Perlen und gewebte Fragmente liegen auf Tischen und Sockeln, an manchen Stellen rau, an anderen weich. Diese Geste wirkt intim und leicht entwaffnend. Museen erwarten von uns normalerweise, dass wir Abstand halten. Hier beginnt die Ausstellung mit der Aufforderung, zu fühlen.
Igshaan Adams: Between Then and Now
Mudam Luxembourg – Musée d’Art Moderne Grand-Duc Jean
10. Februar — 23. August 2026
Gemeinsam organisiert mit The Hepworth Wakefield in Zusammenarbeit mit dem ARoS Aarhus Kunstmuseum
Es ist Adams‘ erste große Ausstellung in Luxemburg. Sie vereint mehr als sechzig Werke, darunter große Wandteppiche, hängende „Wolken“-Skulpturen und eine neue Installation aus Tanzabdrücken, die in Zusammenarbeit mit Performern entstanden ist. Die Ausstellung erstreckt sich über mehrere Räume, wirkt jedoch keineswegs wie eine einfache Retrospektive. Sie präsentiert sich vielmehr als eine gewebte Landschaft aus Erinnerung, Bewegung und Zugehörigkeit.
Ausstellungsansicht Igshaan Adams: Between Then and Now, 10.02.2026 — 23.06.2026, Mudam Luxembourg – Musée d’Art Moderne Grand-Duc Jean. Foto: Marc Domage © Mudam Luxembourg
Adams wurde 1982 in Kapstadt, Südafrika, geboren und wuchs in Bonteheuwel auf, einem durch die Apartheid rassistisch segregierten Vorort. Er verbrachte seine Kindheit damit, sich zwischen vielschichtigen und manchmal widersprüchlichen Identitäten zurechtzufinden. Diese Spannung spiegelt sich stillschweigend in all seinen Werken wider. Er spricht offen darüber, als schwuler Mann in einer muslimischen Gemeinschaft aufgewachsen zu sein, und über die Schwierigkeit, Sexualität, Glauben und Zugehörigkeit miteinander in Einklang zu bringen. Diese vielschichtige Identität wird nicht nur als Raum des Konflikts dargestellt, sondern auch als Raum der Verhandlung.
Die Komplexität dieser Erfahrung zieht sich still durch seine Materialwahl und seinen künstlerischen Ansatz. Seine Praxis bewegt sich zwischen Textil, Skulptur und Performance, doch das Weben bleibt ihr Kern. Für Adams ist das Weben nicht nur ein technischer Prozess. Es ist meditativ und intuitiv. Er hat darüber gesprochen, eine formale Ausbildung bewusst zu vermeiden, um aus einem Zustand des Nichtwissens heraus zu arbeiten. Diese Ablehnung der Meisterung ist wichtig. Sie verlagert den Fokus weg von Perfektion und Gewissheit, hin zu Experiment, Intuition und verkörpertem Wissen.
In der gesamten Ausstellung tragen die Materialien Geschichten in sich. Seile, Nylonschnüre, Perlen, Stofffetzen und Fundstücke werden sorgfältig zu dichten Oberflächen und schwebenden Strukturen verflochten. In Werken wie Oorskot und Weerhoud sammeln sich Materialreste wie Staub in den Winkeln der Erinnerung. Diese Stücke wirken zerbrechlich, aber auch beständig. Sie legen nahe, dass das, was weggeworfen oder übersehen wird, dennoch Bedeutung haben kann. Staub wird zum Archiv. Rückstände werden zur Präsenz.
Die großen Tanzabdrücke, darunter Residues of Togetherness, führen diesen Gedanken weiter. Sie entstanden in Zusammenarbeit mit Tänzer:innen, die sich über mit frischer Farbe bedecktes Linoleum bewegen und so körperliche Gesten direkt auf die Leinwand übertragen. Fußabdrücke, Verschmierungen und überlagerte Spuren bleiben als Zeugnisse von Körpern in Bewegung zurück. Sie sind keine Illustrationen des Tanzes, sondern Abdrücke gelebter Erfahrung. Jeder Schritt wird zu einer Aufzeichnung. Jede Geste wird zum Beweis, dass jemand dort war.
Die Zeit entfaltet sich in dieser Ausstellung nicht in einer geraden Linie. Es gibt keinen klaren Anfang und kein klares Ende. Stattdessen bilden die Werke eine Art geflochtene Zeitleiste. Vergangenheit und Gegenwart sind miteinander verwoben. Persönliche Erinnerung trifft auf kollektive Geschichte. Diese Struktur wirkt besonders kraftvoll, wenn man sie durch eine queere Linse betrachtet. Queere Leben folgen selten linearen Erzählungen. Sie sind geprägt von Unterbrechungen, von verborgenen Kapiteln, von Momenten, die sich der öffentlichen Anerkennung widersetzen. Adams‘ Ablehnung linearer Abläufe spiegelt diese Erfahrung wider. Seine Arbeit legt nahe, dass Identität etwas Vielschichtiges und Fortlaufendes ist, etwas Zusammengenähtes statt etwas Festes. In Interviews hat Adams beschrieben, wie seine eigene queere Identität sein Verständnis von Sichtbarkeit und Verborgenheit geprägt hat – Themen, die in Werken nachhallen, in denen sich Fäden überlagern, verstecken und gegenseitig offenbaren.
In Luxemburg fühlt sich diese Parallele sehr vertraut an. Das Land präsentiert sich oft als fortschrittlich und offen, und in vielerlei Hinsicht ist es das auch. Doch das Leben als queere Person wird hier, insbesondere für Migrant:innen, People of Color oder Menschen mit religiösem Hintergrund, immer noch vorsichtig und diskret ausgehandelt. Zugehörigkeit ist nicht immer einfach. Sie ist durchwoben von familiären Erwartungen, kulturellen Normen und öffentlicher Sichtbarkeit. Adams‘ vielschichtige Oberflächen spiegeln diese Aushandlung wider. Sie erinnern uns daran, dass Identität selten einheitlich ist. Sie entsteht aus sich überschneidenden Geschichten, Kompromissen und Akten der Resilienz. Die Ausstellung wird in meinen Augen zu einem Spiegel, der zeigt, wie queere Communities in Luxemburg weiterhin Raum für sich schaffen, manchmal sanft, manchmal sichtbar, immer beharrlich.
Workshop mit Garage Dance Ensemble, Zeitz Museum of Contemporary Art Africa, Kapstadt, Südafrika, 2022. Mit freundlicher Genehmigung des Künstlers, Thomas Dane Gallery und blank projects. Fotos: Lindsey Appolis © Igshaan Adams
Ein starkes Gemeinschaftsgefühl zieht sich zudem durch die Ausstellung. Aufgezeichnete Gespräche mit Mitgliedern von Adams‘ Atelier sind zu hören, und mehrere Sprachen fließen durch den Raum. Das Atelier erscheint nicht als einsamer Arbeitsraum, sondern als gemeinschaftlicher Ort. Die Urheberschaft wird kollektiv. Diese Offenheit wirkt großzügig. Sie erkennt an, dass Zugehörigkeit nicht im Alleingang entsteht.
Die Erlaubnis berühren zu dürfen, verweilt als stiller Kontrapunkt durch die gesamte Ausstellung. Selbst in den Räumen, in denen Kontakt nicht mehr erlaubt ist, bleibt die Erinnerung an die Textur in den Fingerspitzen. Die Werke fühlen sich weniger wie ferne Objekte an, sondern eher wie Oberflächen, denen man bereits begegnet ist. Diese Verschiebung verändert das Tempo des Betrachtens. Man wird sich der Arbeit bewusst, die in jedem Knoten und jeder Perle steckt, der Zeit, die in Wiederholung eingebettet ist. Die Ausstellung verlangsamt den Körper. Sie fördert Aufmerksamkeit, Geduld und Achtsamkeit. Was wir aus dem Raum mitnehmen, ist nicht nur ein Bild, sondern ein Gefühl, eine Erinnerung daran, dass Verständnis in der Haut beginnen kann, bevor es den Verstand erreicht.
Ausstellungsansicht Igshaan Adams: Between Then and Now, 10.02.2026 — 23.06.2026, Mudam Luxembourg – Musée d’Art Moderne Grand-Duc Jean. Foto: Marc Domage © Mudam Luxembourg
Between Then and Now wirkt letztlich wie eine Ausstellung über den Stellenwert von Dingen. Sie nimmt bescheidene Materialien zurück und behandelt sie als etwas Heiliges. Sie würdigt Zerbrechlichkeit, ohne sie in Schwäche zu verwandeln. Sie lässt Narben und Rückstände sichtbar bleiben. Damit schafft Adams einen Raum, in dem Erinnerung nicht etwas ist, das es zu überwinden gilt, sondern etwas, das in die Gegenwart eingewoben wird.
Diese Ausstellung, die bis zum 23. August 2026 im Mudam Luxembourg zu sehen ist, schlägt eine andere Weise vor, über Zeit, Gemeinschaft und Identität nachzudenken. Sie lädt uns ein, in diesen Raum zwischen damals und heute zu treten und zu erkennen, dass auch wir aus vielschichtigen Fäden bestehen, uns bewegen und uns verändern.
Artikel komplett.