Zwischen einem kleinen deutschen Dorf und der Stadt, die mich ich selbst sein lässt


Wenn ich vom Bahnhof nach Hause fahre, gibt es diesen einen Moment, den ich inzwischen ganz genau kenne. Ich komme mit dem Fahrrad aus dem Wald, fahre den Feldweg entlang und sehe die ersten Häuser meines Dorfes. Dann geht es diesen kleinen Hügel hoch und der Radweg wird wieder zur normalen Straße.
Eigentlich passiert dort gar nichts. Aber in meinem Kopf passiert jedes Mal etwas. Es ist, als würde jemand einen Schalter umlegen. Eben war ich noch unterwegs, irgendwo zwischen Schule, Stadt, Freunden oder vielleicht sogar Luxemburg, und plötzlich bin ich wieder im Dorf.
Dabei mag ich mein Dorf eigentlich. Viele stellen sich unter einem Dorf wahrscheinlich etwas Romantisches vor, und ganz ehrlich: vieles davon stimmt sogar. Wir haben ungefähr tausend Einwohner. Es gibt keinen Edeka mehr, keine Tankstelle, eigentlich fast nichts außer Häusern, Feldern und einem See. Wenn ich aus dem Haus gehe, sind es nicht mal hundert Meter zum Wasser. Im Sommer ist es dort wunderschön. In meiner Straße fährt manchmal gefühlt eine Viertelstunde lang kein Auto vorbei. Es ist ruhig. Man hört die Vögel, den Wind und manchmal einen Traktor.
Ich bin hier aufgewachsen und habe eine wirklich schöne Kindheit gehabt. Trotzdem ist da dieses andere Gefühl. Dieses Gefühl, dass jeder jeden kennt und dass alles, was irgendwie anders ist, sofort auffällt.
Ich glaube, das Schwierige ist gar nicht unbedingt offene Homophobie oder die Ablehnung queerer Menschen im Allgemeinen. Natürlich gibt es die auch. Es gibt Leute im Dorf, bei denen man ziemlich genau weiß, was sie von queeren Menschen halten. Es gibt Leute, die ihre politischen Ansichten sehr offen zeigen.
Aber noch anstrengender finde ich manchmal diese ständige Beobachtung durch andere. Oder vielleicht auch nur das Gefühl, beobachtet zu werden.
Wenn sich zwei Leute auf der Straße begegnen, wird geschwätzt. So sagt man bei uns. Es wird immer geschwätzt. Hast du schon gehört? Hast du gesehen? Der macht jetzt das. Die arbeitet jetzt dort. Der läuft plötzlich so rum. Warum macht der das?
All das natürlich im typisch kurpfälzischen Dialekt - wer den nicht spricht, gehört nicht richtig dazu. Der ist ein "Reingeplackter".
Es ist oft nichts Böses gemeint, aber man merkt schnell, dass alles registriert wird.
Seit ich auf eine Schule in einer anderen Stadt gehe, habe ich eigentlich zwei Leben. Morgens verlasse ich das Dorf und abends komme ich zurück. Ich schlafe eigentlich nur noch zuhause und bin sonst immer auf Achse. Alles andere, außer schlafen, passiert außerhalb des Dorfes. Meine Freunde, die Schule, meine Musik- und Sportvereine, Ausflüge, Luxemburg.
Manchmal habe ich das Gefühl, dass diese Welten möglichst nichts miteinander zu tun haben sollten. Wenn ich jemanden aus der Schule mit ins Dorf bringe, denke ich sofort darüber nach, wer uns sehen könnte. Nicht weil ich etwas Verbotenes mache. Einfach weil ich weiß, wie schnell etwas weitererzählt wird.
Manchmal habe ich das Gefühl, dass diese Welten möglichst nichts miteinander zu tun haben sollten.
Ich merke auch, dass ich mich verändere. Das klingt vielleicht komisch, aber wenn ich bestimmten Leuten begegne, dann werde ich automatisch vorsichtiger.
Vor ein paar Wochen kam mir eine Nachbarin entgegen, die im Dorf für ihre ziemlich rechten Ansichten bekannt ist. Eigentlich war das nur eine ganz normale Begegnung auf der Straße. Aber sofort lief ich anders. Aufrechter. Die Stimme etwas tiefer. Mehr Dialekt. Mehr Selbstsicherheit nach außen. Fast schon übertrieben männlich.
Ja nicht "weich" wirken, ja nicht irgendwas tun, weshalb sie denken könnte, dass ich auf Jungs stehe.
Das passiert automatisch. Ich denke nicht aktiv darüber nach. Es passiert einfach.
Und genau das macht mich manchmal traurig. Nicht weil ich mich für mich selbst schäme - ich mag mich eigentlich. Sondern weil ich merke, dass ich ständig überlege, wie ich auf andere wirke.
Manchmal stelle ich mir vor, wie es wäre, irgendwann einen Freund zu haben und mit ihm einfach durchs Dorf zu laufen. Nicht aus Protest. Nicht um irgendwem etwas zu beweisen. Einfach spazieren gehen wie jedes andere Paar auch.
Und wenn ich ehrlich bin, kann ich mir das kaum vorstellen. Nicht weil ich es nicht möchte, sondern weil ich sofort die Blicke vor Augen habe.
Ist das nicht traurig?
Vielleicht ist all das der Grund, warum Luxemburg für mich so wichtig geworden ist: Zum ersten Mal war ich 2019 dort. Damals als achtjähriger Junge mit meinen Großeltern. Ich war noch ziemlich jung und konnte überhaupt nicht erklären, warum mich dieses Land so fasziniert hat. Aber irgendwas war da, warum ich meine Großeltern bat, einen Tagesausflug in eine so weit entfernte Stadt mit mir zu machen.
Die Stadt wirkte offen. International. Es wurde überall gebaut. Menschen sprachen verschiedene Sprachen. Es war komplett anders als alles, was ich bis dahin aus meinem kleinen, behüteten Umfeld kannte.
Danach wollte ich immer wieder zurück.
Mit zehn Jahren habe ich angefangen, Luxemburgisch zu lernen. Zwar mehr schlecht als recht, aber ich bin bis heute begeistert von dieser Sprache. Später kam Französisch dazu und inzwischen ist Französisch wahrscheinlich sogar die Sprache, die ich mit Luxemburg am meisten verbinde.
Ich meine, ich möchte eines Tages in Frankreich und später auch einmal in Luxemburg leben. Ich spreche eigentlich besser Französisch als Englisch, mache mein Abitur auf Französisch und so weiter. Sie wurde die Sprache meines Herzens.

Heute fahre ich ungefähr alle vier Wochen dorthin. Viele Leute finden das wahrscheinlich verrückt, es sind ja immerhin pro Wegstrecke fast 300 km.
Für mich ist es inzwischen völlig normal geworden, morgens um vier Uhr aufzustehen, in den Zug zu steigen und mehrere Stunden unterwegs zu sein.
Und jedes Mal passiert etwas, sobald die Türen sich schließen. Ich sitze dann mit meinem Rucksack im Zug und habe plötzlich das Gefühl, alles andere hinter mir zu lassen: Die Schule, das Dorf, die Erwartungen, der Stress, die Sorgen.
Natürlich verschwinden sie nicht komplett. Aber sie sind weit genug entfernt, dass ich für einen Tag durchatmen kann, dass ich Abstand nehmen kann.
Besonders deutlich wurde mir das bei meinem ersten Besuch im Rainbow Center.
Ich hatte vorher ewig überlegt, ob ich überhaupt hineingehen soll. Ich habe Rezensionen gelesen, Bilder angeschaut und mir alle möglichen Szenarien ausgemalt, um etwas beruhigter dort reingehen zu können.
Als ich schließlich vor der Tür stand, war ich unglaublich nervös. Ich schaute mich um, dass mich auch keiner beobachtet oder komisch anstarrt, weil ich dort hineingehe.
Eigentlich sinnlose Überlegungen in meinem Safespace in Luxemburg, aber das sind genau die Folgen, die das Aufwachsen und Leben in einem kleinen deutschen Dorf mit sich bringen. Doch dann bin ich einfach reingegangen.
Ein Mitarbeiter kam direkt auf mich zu und fragte freundlich, ob ich zum ersten Mal hier sei. Ich sagte ja, zitterte leicht, aber versuchte, es mir nicht anmerken zu lassen.
Eigentlich wollte ich nur kurz schauen. Am Ende blieben wir lange im Gespräch.
Und ich weiß noch, wie ungewohnt sich das angefühlt hat. Zum ersten Mal konnte ich offen mit einem anderen queeren Menschen über Dinge sprechen, die ich sonst meistens mit mir selbst ausmachen musste.
Irgendwann sagte ich, dass es Familienmitglieder gibt, die mich wahrscheinlich nicht akzeptieren werden. Dass mich das beschäftigt. Dass mich das verletzt.
Und seine Antwort darauf blieb mir bis heute immer im Gedächtnis.
Er sagte, das Problem sei nicht, wie ich mich besser anpassen kann. Die einzig wichtige Frage war, ob ich mich mein ganzes Leben lang verstellen möchte, damit andere zufrieden sind, und am Ende sowieso zu merken, dass es nicht funktioniert.
Dass man nie alle glücklich machen kann, und das auch gar nicht muss.
Als ich später wieder draußen war, fühlte sich die Stadt irgendwie anders an.

Vielleicht war es aber nicht die Stadt. Vielleicht war es eher ich selbst.
Mittlerweile ist Luxemburg für mich kein Reiseziel oder einfach irgendein Ort mehr: Wenn ich heute mit der L40 aus Saarbrücken über die Grenze in Schengen fahre und dann die ersten vertrauten Straßen sehe, habe ich jedes Mal das Gefühl, zurückzukommen.
Nicht nach Hause im klassischen Sinn. Meine Familie lebt nicht dort. Ich bin dort nicht aufgewachsen.
Aber es ist trotzdem ein Ort geworden, an dem ich mich sicher fühle. Und deshalb ist es doch irgendwie ein kleines bisschen so, als würde ich nach Hause kommen.
In "mein" Luxemburg.
In die Stadt, in der ich mich besser auskenne als in Heidelberg, welches nur 15 Minuten von meinem Wohnort entfernt ist.
Manchmal denke ich, dass ich zwischen zwei Welten lebe. Da ist das Dorf, das ich liebe und das immer ein Teil von mir bleiben wird. Und da ist Luxemburg, das mir gezeigt hat, dass es auch anders geht.
Wenn ich meinem Dorf heute etwas sagen könnte, würde ich wahrscheinlich sagen:
Danke.
Danke für die Kindheit, für die Natur, für die Erinnerungen.
Aber ich brauche ein bisschen mehr Platz, als du mir geben kannst.
Und Luxemburg würde ich einfach danken, dass ich dort nicht darüber nachdenken muss, wer ich sein soll.
Dort reicht es, einfach ich zu sein.
