Gesellschaft · Meinung

Wo endet unsere Gerechtigkeit?

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Fragt man Menschen nach ihrer Haltung zu Gewalt, Diskriminierung und Ausbeutung, reagieren die meisten vermutlich schon auf die Frage mit Unverständnis. Natürlich seien sie dagegen. Gleichzeitig unterstützen viele von uns tagtäglich ein System, das ohne Gewalt und Ausbeutung kaum bestehen könnte. Oft geschieht das unbewusst, häufiger wird der Widerspruch verdrängt. Doch wie kann es sein, dass wir uns grundsätzlich gegen Gewalt aussprechen und sie dennoch hinnehmen, sobald sie bestimmte Opfer trifft?

Dabei spreche ich nicht von der Gewalt und Ausbeutung gegenüber Menschen, die bis heute überall existieren. Ich spreche von unserem Umgang mit anderen empfindungsfähigen Lebewesen: den Tieren. Obwohl sie Schmerzen, Angst und Leid erfahren können, werden sie systematisch ausgebeutet, zu Waren gemacht und getötet. Warum enden unsere moralischen Überzeugungen ausgerechnet dann, wenn das Opfer kein Mensch ist?

Eine abschließende Antwort auf diese Frage gibt es nicht. Ein psychologischer Begriff kann den Widerspruch jedoch zumindest teilweise erklären: kognitive Dissonanz. Damit ist ein unangenehmer innerer Zustand gemeint, der entsteht, wenn unsere Überzeugungen und Handlungen nicht miteinander übereinstimmen. Genau das zeigt sich in unserem Verhältnis zu Tieren. Viele Menschen würden sagen, dass sie Tiere lieben und ihre Ausbeutung ablehnen. Auf das Schnitzel, den Käse oder das Frühstücksei möchten viele von uns dennoch nicht verzichten. Dieser Konflikt zwischen Mitgefühl und Konsum wird in einer Studie der University of Kent (2010) als „Fleischparadox“ bezeichnet.

Den meisten ist grundsätzlich bewusst, dass tierische Lebensmittel von fühlenden Lebewesen stammen. Im Alltag wird diese Verbindung jedoch oft verdrängt. Dazu trägt auch unsere Sprache bei: Wir sprechen von „Fleisch“ und „Produkten“, nicht von Leichen und getöteten Tieren.

Ein weiterer Weg, den Widerspruch abzuschwächen, besteht darin, sogenannten Nutztieren weniger Intelligenz, Gefühle oder Leidensfähigkeit zuzuschreiben. Wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen jedoch, dass viele Tiere Schmerzen, Angst und Stress empfinden und über komplexe geistige und soziale Fähigkeiten verfügen. Davon abgesehen sollte Intelligenz ohnehin nicht darüber entscheiden, ob ein Lebewesen vor Gewalt geschützt werden soll. Ein Tier leidet nicht weniger, nur weil es eine Rechenaufgabe nicht lösen oder seine Gefühle nicht in menschlicher Sprache ausdrücken kann. Wer schon einmal versehentlich einem Hund auf die Pfote getreten ist, konnte seine Reaktion vermutlich deutlich erkennen. Bei sogenannten „Nutztieren“ ist das nicht anders. Ob Kuh, Schwein oder Huhn: Auch sie reagieren durch ihr Verhalten auf Verletzungen, Angst und Stress. Ihre Empfindungen müssen nicht genauso aussehen wie unsere, um moralisch bedeutsam zu sein. Unterschiede zwischen Menschen und Tieren geben uns nicht automatisch das Recht, sie auszubeuten.

Ist Schmerz weniger bedeutsam, wenn es von Tieren empfunden wird, anstatt von Menschen?

Dabei geht es nicht nur um körperliche Schmerzen. Bei zahlreichen Tierarten lassen sich Freude, Angst, Stress, soziale Bindung und trauerähnliches Verhalten beobachten. Sie teilen ihre Empfindungen durch Laute, Bewegungen, Blicke und Veränderungen ihres Verhaltens mit. Und eigentlich brauchen wir keine Worte, um Schmerz und starke Gefühle zu erkennen. Auch Kleinkinder oder Menschen, die nicht sprechen können, schützen wir nicht erst dann, wenn sie ihr Leiden sprachlich erklären können. Warum sollten wir bei Tieren plötzlich einen anderen Maßstab anlegen? Entscheidend sollte nicht sein, ob ein Lebewesen menschlich ist oder unsere Sprache spricht. Sondern eher, ob es fühlen und leiden kann. Ist Schmerz weniger bedeutsam, wenn es von Tieren empfunden wird, anstatt von Menschen?

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Das unterschiedliche Bewerten von menschlichem und tierischem Leid bezeichnet der britische Psychologe Richard D. Ryder 1970 erstmals als „Speziesismus”. Damit ist die Benachteiligung oder Abwertung von Lebewesen allein aufgrund ihrer Art gemeint. Besonders deutlich wird Speziesismus an unserem unterschiedlichen Umgang mit Haus- und sogenannten Nutztieren. In Luxemburg wäre es für die meisten Menschen unvorstellbar, eine Katze zu töten und zum Essen zu servieren. Beim Schwein, das ebenfalls Schmerzen, Angst und soziale Bindungen erleben kann, gilt das als normal. Die Katze ist ein Familienmitglied, das Schwein dagegen eine Ware. Diese Grenze lässt sich kaum mit ihrer Leidensfähigkeit erklären. Sie beruht vor allem auf der Kategorie, in die wir das jeweilige Tier eingeordnet haben.

Als Menschen verfügen wir über enorme Macht gegenüber anderen Tieren. Wir entscheiden, wie sie gezüchtet werden, wo und wie lange sie leben, ob sie ihre Jungen behalten dürfen und wann sie sterben. Wir benutzen sie als Nahrungsmittel, für Kleidung, Unterhaltung, Kosmetik und medizinische Forschung. Dahinter steht häufig die Vorstellung, Tiere seien hauptsächlich dazu da, menschliche Bedürfnisse zu erfüllen. Doch unsere Macht sollte uns nicht das Recht geben, Schwächere auszubeuten. Sondern eher die Verantwortung, sie zu schützen. Wenn wir für Gerechtigkeit und gegen Gewalt eintreten wollen, darf unsere Solidarität nicht dort enden, wo ein Lebewesen einer anderen Spezies angehört. Gerade weil Tiere keine politische Stimme haben, nicht demonstrieren und nicht selbst für ihre Rechte kämpfen können, sind sie auf unseren Schutz angewiesen. Wie wenig wir dieser Verantwortung bisher gerecht werden, zeigt ein Blick auf die Zahlen, und ihr Ausmaß ist kaum vorstellbar.

Den Daten der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) nach, die von Our World in Data ausgewertet wurden, wurden im Jahr 2022 weltweit rund 83 Milliarden Landtiere für Fleisch getötet. Das entspricht rechnerisch etwa 227 Millionen Tieren pro Tag, das sind mehr als 2.600 in jeder Sekunde.

83 Milliarden Landtiere wurden laut den im Artikel genannten Daten 2022 weltweit für Fleisch getötet.

Gleichzeitig ergab das „Special Eurobarometer 533“ der Europäischen Kommission aus dem Jahr 2023, dass 84 Prozent der Menschen in der EU einen besseren Schutz landwirtschaftlich gehaltener Tiere befürworten. Die Zustimmung zum Tierschutz scheint also groß. Die Zahl der getöteten Tiere ist es ebenfalls. Genau in diesem Widerspruch zeigt sich, wie weit unsere moralischen Überzeugungen und unser tatsächliches Handeln auseinanderliegen. Wer mit diesen Zahlen konfrontiert wird, sucht häufig nach Rechtfertigungen. Eine davon begegnet einem besonders oft: „Menschen und Tiere sind aber nicht gleich“.

Natürlich sind Mensch und Tier nicht in jeder Hinsicht gleich. Ein Schwein braucht kein Wahlrecht, und ein Huhn muss nicht zur Universität gehen. Trotzdem haben beide das Bedürfnis, nicht eingesperrt, verletzt oder getötet zu werden. Wir Menschen schätzen unsere Freiheit und erkennen sie als etwas Wertvolles an. Auch Tiere zeigen durch ihr Verhalten, dass sie sich frei bewegen, Schmerzen vermeiden und ihr Leben bewahren wollen. Dennoch nehmen wir ihnen genau diese Selbstbestimmung. Wir sollten tierisches Leid ebenfalls ernst nehmen und anerkennen, dass Schmerz, Gewalt und Ausbeutung nicht an der Grenze unserer Spezies aufhören. Wer sich grundsätzlich gegen Missbrauch und die Unterdrückung Schwächerer einsetzt, sollte deshalb auch Tiere in diese Haltung einschließen.

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Häufig hört man außerdem, der Konsum tierischer Produkte sei natürlich oder habe eine lange Tradition. Doch eine Tradition ist nicht automatisch moralisch richtig. Auch andere schwere Ungerechtigkeiten wurden in der Geschichte mit Gewohnheit, gesellschaftlichen Normen oder Traditionen gerechtfertigt. Dabei geht es nicht darum, unterschiedliche Erfahrungen miteinander zu vergleichen. Sie zeigen jedoch, dass das Alter einer Praxis nichts über ihre moralische Gerechtigkeit aussagt. Menschen haben immer wieder bewiesen, dass sie gesellschaftliche Normen überprüfen und verändern können. Warum endet diese Bereitschaft ausgerechnet beim Schnitzel auf dem Teller?

Queere Bewegungen haben immer wieder gezeigt, dass gesellschaftliche Normen nicht unveränderlich sind. Sie haben Vorstellungen davon infrage gestellt, welche Körper, Beziehungen und Lebensweisen als normal, wertvoll oder schützenswert gelten. Die Erfahrungen queerer Menschen sind dabei nicht mit der Ausbeutung von Tieren gleichzusetzen. Dennoch lässt sich aus queeren Kämpfen etwas Grundsätzliches lernen: Befreiung beginnt dort, wo scheinbar natürliche Hierarchien hinterfragt werden. Und Solidarität wird dann konsequent, wenn sie nicht an den Grenzen der eigenen Identität oder, in diesem Fall, Spezies endet.

Am Ende geht es nicht darum, von heute auf morgen moralisch perfekt zu sein. Es geht darum, den Widerspruch zwischen unseren Überzeugungen und unserem Handeln nicht länger zu verdrängen. Wenn wir Gewalt, Ausbeutung und die Unterdrückung Schwächerer grundsätzlich ablehnen, dürfen wir nicht wegsehen, sobald die Betroffenen keine Menschen sind. Die Verantwortung liegt bei uns: Wir können unsere Gewohnheiten hinterfragen, auf tierische Produkte verzichten und Alternativen, die ohne Ausbeutung von Tieren auskommen, unterstützen. Vielleicht beginnt Veränderung bereits damit, nicht länger nur das fertige Produkt zu sehen, sondern das Lebewesen, das dahinter steht. Denn die entscheidende Frage ist nicht, ob Tiere uns ähnlich genug sind, um unseren Schutz zu verdienen, sondern eher, ob unsere Vorstellung von Gerechtigkeit weit genug reicht, um auch ihr Leiden anzuerkennen. Eine Gerechtigkeit, die an der Grenze der eigenen Spezies endet, kann keine konsequente Gerechtigkeit sein.

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