Unfiddling Feelings #11

Schöner Wohnen mit den Eltern

Ein*e Leser*in schreibt

Hello Kelly! My parents are quite open-minded and supportive of me being queer (I live at home, I am in my early 20s). Nevertheless, I experience micro-aggressions from them and do not really know how to deal with this. I know that they will block when I start explaining to them why their behavior and their opinions hurt me – do you have any tips on how to educate them, or how to make my home more of a safe space for me?

Danke für deine offene und ehrliche Frage! Schön zu lesen, dass deine Eltern dich grundsätzlich unterstützen. Gleichzeitig heißt das leider nicht automatisch, dass alles verletzungsfrei ist. Viele queere Menschen erleben diesen Zwiespalt in der Beziehung zu Familienmitgliedern: Fürsorge auf der einen Seite – kleine Kommentare, unpassende Fragen oder stereotype Annahmen auf der anderen. Gerade wenn die Beziehung eigentlich gut ist, können sich diese Situationen verwirrend anfühlen.

1.Was sind Mikroaggressionen?

Mikroaggressionen sind Bemerkungen, alltägliche Verhaltensweisen und unbewusste Reaktionen, die abwertend oder diskriminierend sind – oft ohne sogenannte böse Absicht. „Mikro“ heißt nicht, dass sie harmlos sind. Es bedeutet, dass sie oft subtil passieren: beiläufige Kommentare, Witze oder „Komplimente“, komische Gesichtsausdrücke, falsche Annahmen, unflexible Verhaltensweisen oder kleine Grenzüberschreitungen. Die Mikroaggressionen stauen sich an und die ständige Wiederholung im Alltag führt zu Stress und psychischer Belastung. Mikroaggressionen verändern sich je nach Form von Diskriminierung – auch solche gegenüber queeren Personen unterscheiden sich. Zum Beispiel:

„Du hast halt einfach noch nicht die richtige Person getroffen“ gegenüber asexuellen oder aromantischen Personen.

„Musst du das so offen zeigen?“, „Das ist vielleicht nur eine Phase“, „Schade, du bist so hübsch“ oder „Man sieht dir das ja gar nicht an“ gegenüber homo-, bi- oder pansexuellen Personen.

Gegenüber trans und/oder nichtbinären Personen sind es oft falsche Pronomen oder Namen, Fragen zum Körper oder Kommentare wie „Ich kann mich nicht daran gewöhnen.“

Oft stecken dahinter Unsicherheit, Scham, Unwissen oder gesellschaftlich gelernte Normen. Das macht die Aussagen jedoch nicht harmlos, da die Wiederholung dazu führen kann, dass das eigene Zuhause sich weniger sicher anfühlt.

2.Was kannst du für dich tun?

Ich find’s super, dass du für dich erkannt hast, dass du nicht jede Diskussion führen möchtest oder kannst. Viele Queers geraten in die Rolle zu erklären, (sich) zu rechtfertigen oder „pädagogisch wertvoll“ reagieren zu müssen. Schau gut drauf, was deine Grenzen sind – die kannst du nämlich nur selbst formulieren und sie funktionieren auch nur dann, wenn du sie selbst umsetzen kannst. Du kannst nicht erzwingen, dass deine Eltern nie wieder etwas Verletzendes sagen. Aber du kannst entscheiden, wie du reagieren möchtest und welche Situationen du verlässt. Äußere möglichst klar, was für dich geht und was nicht. Zum Beispiel:

„Über mein Datingleben möchte ich gerade nicht sprechen.“

„Wenn solche Witze gemacht werden, gehe ich aus dem Raum.“

„Ich diskutiere meine Identität nicht.“

Schaffe dir außerdem (mehr) kleine sichere Räume innerhalb und außerhalb deines Zuhauses. Das kann ein eigenes Zimmer sein, Zeit allein, queere Freund*innen, Online-Communitys oder eine Beratung (siehe Infobox). Orte, an denen du dich nicht erklären musst. Und Orte, an denen du auch die Beziehung zu dir selbst durch Selbstfürsorge, Hobbys und eigene Interessen stärken kannst. Leider sind Veränderungen in Familiendynamiken oft ein langwieriges Unterfangen. Da ist es besonders wichtig, sich gut um sich zu kümmern.

Infobox

CIGALE. Das LGBTIQ+ Zentrum bietet (psychologische) Beratung und Unterstützung für queere Personen an.

Familljen-Center. Das Familljen-Center bietet Beratung zu herausfordernden Situationen in/mit der Familie an. Sie haben einen expliziten Schwerpunkt für queere Personen, weshalb Queers hier auf der Warteliste Priorität bekommen.

Familienberatungen (z.B. gemeinsam mit Eltern) können Personen zum Beispiel bei Pro Familia oder der Erzéiungs- a Familljeberodung machen. Wie gut sie sich mit queeren Themen und Mikroaggressionen auskennen, hängt wahrscheinlich von der jeweiligen Berater*in ab.

Die ITGL-Elterngruppe (Intersex & Transgender Luxembourg) bietet Eltern von trans, intergeschlechtlichen und abinären Kindern einen geschützten Raum für Erfahrungsaustausch und Beratung. Die Treffen finden abwechselnd online und in Präsenz statt. Informationen zur Elterngruppe gibt es auf der Webseite des Begleitungs- und Informationszentrum zu Fragen über trans, inter und abinäre Themen: www.caitia.de

3.Was kannst du mit deinen Eltern tun?

Wenn du das Gefühl hast, dass deine Eltern grundsätzlich lernbereit sind, kann es helfen, das Thema nicht erst im Konfliktmoment anzusprechen. Viele Menschen gehen in Verteidigungshaltung, wenn sie hören: „Das war verletzend.“ Ein ruhiger Moment funktioniert oft besser als eine Diskussion direkt nach einer Grenzüberschreitung. Statt „Das war queerfeindlich“ könnte eher funktionieren: „Ich weiß, dass ihr mich liebt. Gerade deshalb möchte ich euch sagen, warum manche Kommentare mich treffen.“

Du kannst vielleicht versuchen, konkrete Dinge mit ihnen gemeinsam zu hören, anzuschauen oder mit ihnen zu teilen: kurze Reels, Filme oder Serien, Erfahrungsberichte queerer Menschen in Podcasts, Videos oder Artikeln. Manchmal nehmen Menschen Dinge leichter an, wenn sie sie von außen hören. Falls deine Eltern soziale Medien nutzen, könntest du ihnen Inhalte weiterleiten, die ruhig und verständlich über queere Themen sprechen. Vielleicht gibt es bestimmte Medien oder Creator*innen, die deine Eltern eher erreichen als ein emotionales Gespräch am Küchentisch. Oder vielleicht gibt es Verwandte, Freund*innen oder andere Bezugspersonen, denen du vertraust, die queere Themen gut erklären können und bei denen deine Eltern weniger defensiv reagieren. Falls die Situation euch alle belastet, könnte eine gemeinsame Familienberatung (siehe Infobox) hilfreich sein, um die Kommunikation zu verbessern.

4.Was können deine Eltern für dich tun?

So wie du sie beschreibst, wirken deine Eltern nicht wie Leute, die dich absichtlich verletzen wollen. Eher wie Menschen, die noch dazulernen können. Hilfreiche Skills sind zum Beispiel:

  • zuhören, ohne sich sofort zu verteidigen
  • Fehler anerkennen
  • Pronomen oder Begriffe aktiv lernen und üben
  • Personen korrigieren, wenn sie unpassende Begriffe verwenden oder Kommentare machen
  • neugierig statt wertend reagieren
  • Verantwortung für ihre eigene Weiterbildung übernehmen.

Apropos Weiterbildung: Es hört sich so an, als würden sich deine Eltern schon mit den queeren Basics auskennen. Falls das doch noch Thema sein sollte, passt vielleicht eine dieser Ressourcen:

  • Ein 3-minütiges Erklärvideo zu geschlechtlicher und sexueller Vielfalt von Dissens (Institut für Bildung und Forschung): interventionen.dissens.de/materialien/erklaerfilm.
  • Eine Broschüre in Leichter Sprache namens „Frau. Mann. Und noch viel mehr“, die du herunterladen kannst: undnochvielmehr.com/download.
  • Zur Vertiefung: Der Comic „Queer. Eine illustrierte Geschichte“ von Jules Scheele und Meg-John Barker im Unrast Verlag. Es gibt auch zwei weitere Comics zu Gender und Sexualität von den Autor*innen.

Manchmal sind Einzeltherapie oder Beratung für Eltern hilfreich – besonders wenn sie mit Unsicherheiten, Angst oder gesellschaftlichen Vorstellungen kämpfen, die sie nie hinterfragt haben. Es ist nicht deine Aufgabe, ihren Lernprozess allein zu begleiten.

Ein Zuhause wird nicht unbedingt nur dadurch sicher, dass nie Fehler passieren. Sondern indem Menschen bereit sind zuzuhören, Verantwortung zu übernehmen und sich weiterzuentwickeln.

Ich hoffe, dass bei den Tipps ein oder zwei Dinge dabei waren, die für deine Situation passend und nützlich sind!

alles liebe,
Kelly
Unfiddling Feelings · Die Kolumne auf queer.lu